Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1888)
- Date
- 1888-02-02
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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68 digung zu Füßen zu legen. Obenan stand der niederösterreichische Landtag, in welchem vr. Weitlof, der Vorsitzende des deutschen Schulvereins, den Antrag stellte, der Landtag möge Sr. Heiligkeit zum 50jährigen Priefierjubiläum seine kindlichen Gesinnungen aussprechen. Der Antrag wurde, wie sich voraussehen ließ, einstimmig genehmigt, da er gerade von liberaler Seite ausging, wo mau mit Rücksicht auf die factischen Verhältnisse denwnstriren wollte, daß deutsches und liberales Denken mit kirchlicher Frömmigkeit sich vereinigen lasse. Eine gleiche Huldigung hat auch der Wiener Gemeinde rath einstimmig beschlossen, während in Prag, sowohl in der Landstube, als im Stadtrathe die extrem-nationale Partei der Jung-Tschechen sich diesem Antrag widersetzte, weil sie meinen, daß die Kirche das Slaventhum nicht genug fördere, obwohl sonst die böhmische Geistlichkeit beinahe ausschließlich mit dem Tschechenthum geht. Die nationalen Fanatiker aber können es nicht vergessen, daß der verstorbene Erzbischof von Prag die Errichtung einer selbständigen tschechisch-theologischen Faeultät entschieden verweigert hatte, daß er den Zöglingen des Priester-Seminars, welche deutsche Vorlesungen nicht besuchen wollten, erklärte, „wer nicht Deutsch versteht, ist ein stummer Hund", und noch weniger können sie es verschmerzen, daß gerade in neuester Zeit die Curie dem Verlangen nach Einführung einer slavischen Liturgie ihre entschiedene Weigerung entgegengesetzt hatte. Seine Heiligkeit hat denn auch den Kindern das Zuckerbrot zugemessen, wie sie es durch ihre Aufführung verdienten. Der Wiener Gemeinderath, welcher einstimmig die Gratulatiousadresje genehmigt hatte, wurde durch einen persönlichen Besuch des päpstlichen Nuntius bei dem Bürgermeister ausgezeichnet, und dazu bekam der Bürgermeister noch den Gregororden, weil man ja eine so fromme Kundgebung aus dem großstädtischen Babel nicht genug belohnen kann. Hingegen bekamen die bösen Buben im Prager Stadtrathe bloß einen telegraphischen Dank, was für die hussitischen Ketzer auch schon Ehre genug ist. Wir gönnen Sr. Heiligkeit gewiß von ganzem Herzen die Freude, die ihm in seinem hohen Greisenalter zu Theil wurde, und würden die ganze Jubiläumsangelegenheit gar nicht besprochen haben, wenn sie eine auf kirchliche Kreise beschränkte Kundgebung geblieben wäre. Da aber politische Vertretungskörper diese Feier mit begehen, so müssen wir sie als eine wichtige Thatsache verzeichnen, welche eine Macht uns deutlich werden läßt, deren letztes Bestreben darauf hinansgeht, in allen und ganz besonders in den katholischen Staaten Zustände zu schaffen, wie sie durch Papst Paul IV. im Jahre 1555 als kirchliches Gesetz begründet wurden und bis zum Toleranz- Edict Kaiser Josef II. fortbestanden haben. Im Augenblicke dürfen wir wohl getrost der Zukunft vertrauen, daß sie eine Wiedererweckung des Mittelalters uns nicht wieder bringen wird, denn die Gleichstellung der Juden gehört, wie der Abgeordnete Hausner seiner Zeit im österreichischen Reichsrathe bemerkte, gleich der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Abschaffung der Sklaverei, zu den unbestreitbaren Errungenschaften der Neuzeit. In dieser Hinsicht haben unsere Feinde eine deutliche Lection bekommen. Rothschild ist hoffähig erklärt worden, und Hrn. v. Schönerer wurde gerichtlich der Nachweis geliefert, daß seine Frau die Urenkelin eines getauften Juden sei, der, um das Maaß des Unglücks voll zu machen, Löbl Schwüle hieß. Schönerer und Löbl Schmnle! Es ist eine berechnete Tücke des Schicksals. Zum Ergötzen der Leser und zum Frommen künftiger Geschlechter will ich die Sache etwas ausführlicher erzählen. Die Wiener „Sonn- und Montags-Zeitung" brachte nämlich einst einen Artikel, in welchem sie die Behauptung aufstellte, Schönerer's Gattin sei ein directer Nackkomme eines gewissen Leopold Brabanter, der in seiner Jugend Schmul Lob Kohn geheißen hatte. In Folge dessen müßte Schönerer, der immer behauptete, die nationalen Fehler der semitischen Race könnten durch die Taufe nickt behoben werden, seine eigenen Kinder von sich stoßen. Schönerer schwieg auf diese Herausforderung, obwohl Zurückhaltung sonst durchaus nicht seine Tugend ist, aber die kleinen Blätter, die er in großer Anzahl unterstützt, erklärten diese Behauptung für erdichtet. Als sich aber eines von ihnen zu der Kühnheit verflieg, unter dem Titel „jüdische Unverschämtheit" seinen Lesern nntzutheilen, daß die Nachricht von der jüdischen Abstammung der Frau von Schönerer jeder Begründung entbehre und als Beweis dafür einen angeblichen Brief des Bürgermeisters von Pohrlitz, der Heimath der Frau v. Schönerer, anführte, 'klagte der Redacteur der Sonn- und Montagszeitnng auf Ehrenbeleidigung, wobei die Gegner sich nur damit behelfen konnten, daß sie sagten, der ganze Proceß sei nur aus dem Grunde angestrengt worden, weil man die Verschwägerung Herrn von Schönerers mit Schmuel Löb Kohn beweisen wollte. Der Redacteur gab das ohne weiteres zu, und während der Verhandlung stellte sich heraus, daß nicht nur Löb Schmul existirt habe, sondern auch daß der angebliche Brief des Pohrlitzer Bürgermeisters, von dem Gemeindeschreiber des Ortes, einem Verwandten und Gesinnungsgenossen Schönerers, geschrieben, und mit der gefälschten Unterschrift des Bürgermeisters versehen worden sei. Diese Leute wollen ein Recht haben, im Namen der öffentlichen Moral zu sprechen. Der eine fälscht Unterschriften, der zweite Talmudstellen und der dritte Wechsel. Was Rothschilds Erhebung in den Adelsstand betrifft, können wir uns immerhin darüber freuen, obwohl die Herren für das Judenthum durch ihren Einfluß und ihr Vermögen nicht das leisten, was sie könnten, aber die Sache muß gerade von den mächtigsten Antisemiten, den Antidemokraten und den Clericalen hinuntergeschlnckt werden, und auch sonst