Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1888)
- Date
- 1888-02-02
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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67 heit, kam die Thatsache heraus, daß an einer städtischen Schule dem christlichen Religionslehrer, der bei seinem Eintritt in der Schule einen heillosen Skandal erblickte, auf die leider so sehr gewöhnliche Frage: „Ist denn hier eine Judenschule?" die Antwort gegeben wurde: „Nein, aber eine Antisemitenschule"; Kinder und Narren! — Der Gewährsmann für diese Geschichte ist ein christlicher Gemeinderath, der sie jedenfalls nur durch die christlichen Religionslehrer oder durch einen christlichen Schüler erfahren haben kann. Solche Früchte zeitigen die antisemitischen Lehrer. Daneben ist cs ganz besonders erfreulich, zu erfahren, daß eine Bezirkslehrerversammlung in Lioben, das mitten in der antisemitischen Steiermark gelegen ist, gegen das antisemitische Treiben gewisser Zeitungen entschieden Stellung nahm, und dieselben aus Lehrerkreisen verbannt wissen will. Auf das Gebiet der Schulen werden von unseren Feinden die confessionellen Gegensätze am liebsten übertragen, denn hier will man unter dem Scheine der Gleichberechtigung aller Confessionen den Grundstein zur Staatskirche aufrichten. Der Ruf nach Abschaffung der gegenwärtigen Schulgesetze wird dann auch immer lauter und es heißt, daß der Unterrichtsminister sich vor den heftigen Angriffen der Tschechen wegen der von ihm verfügten Aufhebung tschechischer Schulen nur dadurch gerettet habe, daß er durch das Versprechen der confessionellen Schule die deutschen Eentrumsmitglieder und den Hochadel, welcher gewöhnlich mit den Tschechen stimmt, auf seine Seite hinüberzog. Die Action für die confessionelle Schule ist neuerdings im niederösterreichischen Landtage von Herrn Knab, einem katholischen Priester, der alljährlich in den Landtagssitzungen den Schmerzen der ecclesia pressa lebhaften Ausdruck verleiht, aufgenommen worden. Man hat ihm entgegengehalten, daß der Religionsunterricht in allen Schulen gesetzlich eingeführt sei, und von Geistlichen ertheilt werde, daß daher von einer eonfessionslosen Schule bei uns keine Rede sein könne. Dessenungeachtet sprach Herr Knab von einer Salon-Religion in der Schule. Thatsächlich kann es sich nicht um eine Sickerung des Religionsunterrichts handeln, denn andere Lehrer als Geistliche und andere Bücher, als die von dem zuständigen Bischof approbirten, werden ohnehin jetzt nicht zugelassen. Es ist daher der Religionsunterricht vollständig in den Händen der Kirche. Um was es sich handelt, ist einzig und allein die kirchliche Schulaufsicht über den gesammten Schulunterricht. Die Herren wünschen wieder die Zeiten zurück, in denen der Dechant Kraft seines kirchlichen Amtes zugleich Schulinspector war, in denen der Bischof einen Lehrer vor Gericht ziehen konnte, wenn dieser gelehrt hatte, daß Luther durch seine sittliche Entrüstung über die herrschenden kirchlichen Mißbräuche zu seinem Auftreten sich gedrängt fühlte, die Zeiten, in denen — was ich erzähle ist Thatsache — ein Lehrbuch der Logik, wegen des darin herrschenden katholischen Geistes, von der obersten Schulleitung empfohlen wurde. Es wäre wohl verfrüht, schon heute die Stellung zu kennzeichnen, die wir Juden zu einem etwaigen Gesetzentwurf, die Volksschule confessionell zu gestalten, einzunehmen hätten. Ja, es würde gegebenen Falls auch nichts nützen, die Wirkungen eines confessionellen Schulgesetzes auf uns in einem jüdischen Blatte zu besprechen, denn unsere Wortführer im öffentlichen Leben sind zu selbständig, um sich an die Stimmung der Theologen auch nur im geringsten zu kehren, und auch sonst hängt die große Menge der Juden einem doctrinären Liberalismus an, was ja geschichtlich leicht zu erklären ist, da die Juden all ihre Errungenschaft dem Liberalismus verdanken. Sie vergessen aber, daß in einem Staate mit überwiegender katholischer Bevölkerung, mit einer mächtigen Hierarchie, die Schule, wenn sie auch von amtswegen nicht als confessionelle gilt, doch thatsächlich eine solche ist. Hierin haben die Protestanten viel klüger gehandelt, indem sie ihre confessionellen Schulen auch nach dem neuen Schulgesetze behielten, während die Juden fast überall und besonders in den größeren Städten sich beeilten, die bis dahin bestandenen jüdischen Schulen aufzulösen und sich weigerten, neue zu errichten, obwohl die jüdischen Kinder von katholischen Lehrern und Schülern sicherlich schlimmer als protestantische behandelt werden. Doch wollen wir eine nähere Besprechung dieser Angelegenheit verschieben, bis sie wirklich an die Tagesordnung kommt, nach dem talmudischen Spruche: „Schlimm genug, wenn das Uebel da ist." nnycsa h. Der Triumph der Clerikalen über die Großartigkeit der Jubiläumsfeier des Papstes ist ein maßloser. Die Führer dieser Partei sehen schon im Geiste wieder die Zeiten, wo in allen Fragen des öffentlichen Lebens der Papst seine entscheidende Stimme abzugeben haben wird, wie das in der Zeit, als das Papstthum auf seinem Höhepunkte stand, der Fall war. Ja die Zeiten haben sich im Laufe des letzten Jahrzehntes in einer Weise geändert, wie Niemand es vermuthet hätte. Seit Papst Pius IX. auf die liberale Bewegung der sechziger Jahre mit der Erklärung der Unfehlbarkeit und dem Syllabus antwortete, welcher ein Faustschlag in das Gesicht der modernen Welt war, schien die Kluft zwischen der Papstkirche und dem modernen Staate, zwischen den Geistlichen, welche auf dem Standpunkte des vatikanischen Concils standen, und allen gebildeten Menschen eine unüberbrückbare. Inzwischen hat durch die Klugheit des gegenwärtigen Papstes die ganze Sachlage sich wesentlich geändert. Das, was man vor zehn Jahren noch als unmöglich erklärt hätte, hat sich jetzt verwirklicht. Alle größeren Vertretungskörper Oesterreichs haben sich beeilt, dem Papste ihre Hul- 5*