Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1888)
- Date
- 1888-01-26
- Page
- Seite 62 (sequence 14)
- Language
- German
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02 dem Schlosse gegenüber stand eine große Scheune, sobald man hineingetreten und die verschlossenen Läden geöffnet worden, befand man sich in einem luxuriös ausgcstattetem Speisesaal. Hier war auch ein kostbares Album aufgelegt, in welches sich der fremde Besucher einzeichnen mußte mit der an ihn gerichteten Bitte, es möglichst metrisch zu thun. Von Zeit zu Zeit ließ der Fürst diese poetischen (?) Schrullen drucken. In seinem Arbeitszimmer hing eine sehr große Lampe. In ihr befand sich ein Tisch und ein Sessel: Der Fürst setzte sich hinein und ließ sich in die Höhe ziehen, weil die Wärme dort größer ist als unten. Er bediente sich unter anderm eines Regenschirmes, der aufgespaunt rings bis zur Erde reichte und mit Glasfensterchen versehen war. So war er von allen Seiten gedeckt, während er kaum Kopf und Schultern schützt. Und so noch vieles Andere. Doch war der Mann auch wohlthätig, hatte z. B. ein schönes Schulhaus für die nahe, ärmliche Dorfgemeinde gebaut und gab der Jugend jedes Jahr ein fröhliches Volksfest. Es versteht sich, daß auch ich dem Fürsten mein poetisches Compliment machte. Nach Dresden zurückgekommen, mußte ich dem Herrn Markus und der Frau Clara Bondi einen genauen Rechenschaftsbericht über meine Wanderung abstatten. Sie merkte, daß zwischen meiner Rückkunft und meinem Besuche ein Tag verflossen sei, und ich mußte bekennen, daß dieser nothwendig 1 auf die Herstellung meiner schadhaft gewordenen Fußbeklei-? düng verwendet worden. Da haben Sie, bemerkte sie, keinen so guten Schuhmacher wie Seume in Leipzig gehabt. Ich verstand dies, denn ich hatte meinen „Spaziergang nach Syrakus" auch gelesen und für meinen freundlichen Zuhörer an den Donnerstag-Abenden genugsam ausgebeutet. Aber nun war erst die rechte Woche für mich angebrochen. Täglich besuchte ich von 9 bis 10 Uhr die Alterthums-Sammlung im japanischen Palais und von da bis 1 Uhr die Gemäldegallerie. Wie ging mir da die Seele auf! Die Eindrücke, die ich da empfing, blieben mir unverlöschlich und wirkten wie eine geistige Offenbarung auf mich. Als ich in den großen Saal der Antiken trat, voll freudigster Erwartung, endlich durch Schauen die von Lessing und Winckelmann gewonnenen Ansichten zu wirklichen Erkenntnissen zu machen, war ich von dem Anblick der fünf „Herkulanerinneu", so genannt, weil sie die ersten Ausgrabungen in Herkulanum waren, und der damalige Kurfürst sie für eine mäßige Summe erworben, sonst auch als Vestalinnen bezeichnet, gefesselt und bezaubert. In den edlen Gesichtern, wie in den bewunderungswürdigen Gestalten, an welchen vorzüglich die mit der größten Natürlichkeit gefaltete Gewandung des Studiums werth ist, sah ich ja jene heitere Ruhe, welche die genannten Autoren als das Princip der hellenischen Kunst verkündet hatten. Ich ging immer wieder von einer Statue zur anderen, um bei aller Gleichheit der Situation die Unterschiede aufzufinden, die der reiche Geist des Künstlers seinen Gebilden zu geben gewußt. Außerdem zogen mich besonders die zahlreichen Büsten der Cäsaren und ihrer Gemahlinnen an. So sehr sie auch den römischen Typus aufwiesen, standen sie doch dem modernen Wesen näher; da es hier weniger der Schönheit als dem geistigen Ausdruck in diesen ehernen Gesichtern galt. — In der Gemäldegallerie, die an Meisterwerken so reich ist, ging ich nach dem Rathe der Frau Bondi ökonomisch und etwas systematisch zu Werke, um meine Aufmerksamkeit nicht allzu sehr zu zerstreuen und aus der Betrachtung des Einzelnen auch einige allgemeine Erkenntniß zu ziehen. Wie oft und ivie lange stand ich vor der Madonna Raphael's, vor der Nacht von Correggio, vor der Venus von Tizian, vor dem Quos ego von Rubens! Ich werde es nicht wagen, hier zu schildern, was Alles da in meiner Seele vor sich ging! Zum Besten gehörte, daß ich mir einen gewissen Maßstab für das Schöne und Vollendete der Kunst erwarb. Doch ging ich allmälig auch auf weniger Berühmtes über. So nahm ich Gelegenheit, einen Paris mit seinen Göttinnen von einem italienischen Meister mit dem von Rubens zu vergleichen, die nicht allzu weit von einander hingen. Das Ideale, aber Nebulirende des Italieners, und die Lebensfrische und Lebensfreude des Holländers traten recht erkennbar hervor. Auch am Genre, besonders z. B. an den Reiterstücken Wouvermann's, ergötzte ich mich. Einen tiefen Eindruck, wie ich mich deutlich erinnere, machte eine Landschaft von Dietrichs auf mich, und zwar wegen ihrer Einfachheit und Naturwahrheit. Eine ausgehende Sonne im Walde. Man sah durch eine Schneuze, geradezu auf den am Horizonte sich erhebenden Sonnenball; die Lichteffecte auf das Laub der Bäume iw Gegensatz zu dem Dunkel des Waldes waren entzückend, lieber das Unterholz auf der einen Seite der Schneuze wandte ein Reh sein schönes Köpfchen neugierig zur Sonne hin. Dies war Alles, aber genug, um die Herrlichkeit der Natur auch in so begrenztem Rahmen zum vollen Gefühl zu bringen. In meinem späteren Leben habe ich einen gleichen Effect nur von einem Bilde erfahren. Es war eine Darstellung der ungarischen Pußta, ausgestellt in Karlsbad, das Werk eines ungarischen Meisters, dessen Name mir entschwunden. Mit einem kühn hingezogenen breiten gelben Strich, mit welchem sich der Horizont in weißlichem Lichte verschmolz, war die Pußta wiedergegeben; im Vordergründe eine zerfallene Hütte, deren Fensterladen und Thüre herunterhingen, daneben ein schilfumwachsener Sumpf, an dessen Rande ein Reiher auf einem Fuße stand und in die Weite blickte. Welche Majestät todter Einsamkeit, einer lebenverlassenen Einöde, die nur durch den Reiher noch an das Leben anknüpfte; großartig gedacht und großartig mit den einfachsten Mitteln, aber naturgetreu ausgeführt! - —