Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1888)
- Date
- 1888-01-26
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227722--45046-3264536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
61 der, und der Schlaf kam zurück. Vor vier Uhr morgens war ich draußen. Der Wind war verstummt, und jene geisterhaften Stimmen erklangen nicht mehr. Die Scene war noch unverändert, aber jetzt begann ein rother Lichtstreisen im Osten sich heraufzuschieben. Er stieg höher, und schon konnte man einen rosigen Schimmer über der weiten Nebelfläche gebreitet erkennen. Aus der purpurnen Gluth löste sich allmählich der Sonnenball ab, und siehe, seine ersten Strahlen rissen das Nebelmeer auseinander, wie Blitze schoß es hinein, Alles lichtete sich, und in kurzer Zeit ballten sich die Nebel nur noch an den Wäldern hinauf, und drunten lagen hell beleuchtet die grünen Thäler und der Menschenwohnungen rothe Dächer vor meinem trunkenen Auge. Dies war mehr, als die Phantasie des Knaben sich hätte ersinnen können. Hier war mir die Majestät und Herrlichkeit der Schöpfung Gottes so in die Seele gedrungen, daß Bewußtsein und Gefühl davon erfüllt waren. Gewiß sind die ersten Eindrücke, die wir in unfern Geist aufnehmen, die bleibendsten; sie versetzen ihn sofort auf einen höhern Standpunkt, der ihm niemals wieder verloren geht. Eine ähnliche überwältigende Wirkung habe ich erst wieder empfunden, als ich am Ostufer des Bodensees über dessen glänzende Wasserfläche zu dem grünen Gelände schaute, aus welchem sich die dunklen Felsen und darüber der schneebedeckte Gipfel des Säntts erheben, vom blauen Himmelsgewölbe umrahmt, von welchem die Strahlen der Sonne die Eisriesen übergossen und sie wie Silberhörner erscheinen ließen. — Bon jenen geisterhaften Tönen aber, die ich in der Nacht gehört, berichtete mir der Hirt, daß sie von einer, damals schon in Unordnung gerathenen Aeols Harfe herrührten, .welche ein sächsicher Herrscher im Walde hatte aufrichten lassen. — Am andern Morgen ging es rüstig weiter nach der schönen Wölbung des Prebischthores, durch welche man auf die herrlichen Höhen der Landskrone, des Sarges und viele andere Berge des Böhmerlandes blickt. Ein beschwerlicher Abstieg führt hinunter in den Bielgrund, wo ein kleiner Gebirgsbach während seines schnellen aber kurzen Laufes zur Elbe fünfunddreißig Holzschneidemühlen trieb. Dann stieß man auf ein Kirchlein, das bereits böhmisch und darum katholisch ist. Es war gerade Gottesdienst, und ich hatte zum ersten Male Gelegenheit, böhmische Musik zu hören und zu bewundern. An der Mündung dieses Bächleins liegt das an die Felsen geschmiegte Hirniskretschen. Noch einige Stunden vom Ufer des Stromes in's Böhmerland hinein, dann ließ ich mich übersetzen, um am linken Elbufer, am Fuße der Höhenzüge nach Königstein zurückzuwandern. Das war ein schlimmer Nachmittag. Ein schweres Gewitter zog von Süden in das Elbthal hinein, daß cs, immer hinter mir drein sich wälzend, verfolgen mußte, da es zu tief ging, um Uber die Höhen zu gelangen. Da dröhnte es in die Nebenthäler hinein, wie ich den Donner so furchtbar und schreckhaft noch nie gehört. Bald trafen Hagelschläge den eilenden, einsamen Wanderer, und darauf Regengüsse. Endlich langte ich in Königstein an, und im behaglichen Gasthofe wurden meine durchnäßten Kleider getrocknet und mein erstarrter Körper durch warme Getränke gestärkt. Aber, o Jammer! am Abend und die ganze Nacht hindurch gab es einen Ball in dem Gasthofe, und ich konnte die müden Augen vor Musik und Lärmen nicht schließen. Was that's? Des Morgens auf, abermals über den Strom gesetzt und den Lilienstein erklommen. Dieser steile Felskoloß war damals schwer zu ersteigen; es gab keinen geregelten Pfad hinauf, und die Bauern hatten kreuz und quer beim Sammeln der Beeren Fußstege getreten. Man war deshalb des richtigen Weges nicht sicher, und ich rutschte einmal ein zwanzig Fuß hinab, hatte jedoch keinen Schaden erlitten. Oben steht ein kleiner Obelisk, dessen lateinische Inschrift besagt, der König August habe wie Alles — es war kurz nach dem Altrandstädter Frieden — so auch diesen Felsen überwunden. Wenn er nur dies auch für Andre gethan und einen Weg angelegt hätte. Droben hat man eine entzückende Aussicht: Das Auge verfolgt aufwärts den sich windenden Lauf des Stromes zwischen den schön bewaldeten Höhen und den nackten, steilen Felswänden. Man sieht gerade in die Festung des Königsteins in die Fenster der Häuser daselbst. — Ich befand mich also auf dem Rückwege nach Dresden. Zwischen Pirna und Dresden machte ich noch einen Abstecher nach dem Schlosse und Park eines Fürsten Putjotin. Dieser Mann war mir bekannt, Einst kam dieser polnische Fürst mit Gemahlin und Tochter, welche an Phthisis litt, durch meine Vaterstadt. Sie besuchten den in jener Zeit wegen seiner Anlagen berühmten Friedhof, über dessen Thorgewölbe die Worte Klopstock's stehen: „Saat, gesäet von Gott, zum Tage der Ernte zu reifen." Es gefiel der Prinzessin so sehr, daß sie den Wunsch aussprach, hier ihre letzte Ruhestätte zu finden. Der Fürst erwarb sofort ein Terrain und errichtete ein Mausoleum mit drei Kammern; in der mittleren sollten seine irdischen Reste ruhen, rechts seine Gemahlin, links seine Tochter. Jede Kammer ist mit einer weißmarmornen Pforte versehen und in den Marmor ist eine Erztafel eingelassen. Die Gemahlin starb zuerst; auf dem Marmor steht mit goldenen Lettern die Inschrift, in der Erztafel ein französisches Gedicht mit einer Melodie — beides aus der Feder des Fürsten. Während meiner Abwesenheit war auch die Tochter verschieden, und der Fürst lebte einsam auf jenem Schlosse. In der Umgegend sprach man viel von den daselbst befindlichen Curiositäten, was meine Neugierde reizte. So sah ich dort einen Viehslall, welchem unmittelbar ein reizendes Boudoir angebaut war. Man glaubte damals allgemein, daß die Ausdünstungen der Kühe dem Schwindsüchtigen heilbar wären. Im Garten,