Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1888)
- Date
- 1888-01-26
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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57 wiesen ist und für unabsehbare Zeiten wohl noch bleibt, sind um einige Hundert Mark gegen das Vorjahr zurückgeblieben, was im Interesse der armen und kranken Personen, und namentlich auch der armen skrophulösen Kinder, die immer zahlreicher um Einlaß bitten, aber wegen des beschränkten Platzes und der fehlenden Erhaltungsmittel größtentheils abgewiesen werden müssen, recht bedauerlich ist. Wie die Anstalt auch dankbar anerkennen muß, daß ihr humanitärer Werth sich in immer weiteren Kreisen Bahn bricht, so bleibt immerhin um der Armen und Kranken willen dringend zu wünschen, daß mit der wachsenden Anzahl der Empfangenden auch mindestens in demselben Verhältnisse die der Gebenden sich vermehre. Die Einnahmen der Anstalt betrugen 10,483 M. 78 Pf., die der Ausgaben 8016 M. Aus den Ueberschüssen wurden 2100 M. dem Grundvermögen zugeführt, 300 M. für Bauzwecke zurückgestellt und 67 M. 78 Pf. sind Cassenbestand. Die Mitgliederliste zählt 508 Personen, die 4295 M. 50 Pf. fortlaufende Jahresbeiträge zahlen, ferner 4 immerwährende Mitglieder und 3 Stiftungen. Die Einnahmen während der Badezeit haben nur 1901 M. 35 Pf., also 58 t M. 68 Pf. weniger als im Vorjahre gebracht. Das Grundvermögen besteht auS dem schuldenfreien Grundstücke im Werthe von 44,251 M. 78 Pf., aus dem Inventar im Werthe von 7875 M. 20 Pf., und aus dem Grundcapital in Höhe von 29,400 M., woraus eine Zins-Einnahme von 1366 M. 37 Pf. erzielt wurde. Vom 1. Juni bis zum 30 September haben 110 arme, aber würdige Personen, darunter 43 Kinder unter 14 Jahren, an 3319 Berpflegungstagen ganz unentgeltlich Obdach und Verpflegung, ärztliche Behandlung, Arzneien und Bäder zum Zwecke einer Sool-, See- und Moorbadekur erhalten. Die durchschnittliche Kurzeit eines jeden Patienten betrug 30, 17 Tage, wechselte jedoch im Einzelnen zwischen 28 und 45 Tagen. An Bädern wurden genommen: 1784 Soolbäder, 868 Seebäder und 6 Moorbäder. Die Wägung der Patienten ergab eine Gewichtszunahme von 0,50 bis 7,50 Kilogramm und der Durchschnitt der Gewichtszunahme für jede Person.betrug die nicht kleine Ziffer von 1,85 Kilogr. — ein so günstiger Erfolg, daß der Schluß wohl gestattet ist, daß die Verpflegung in der Anstalt eine vorzügliche sei. Die Patienten gehörten allen Theilen unseres deutschen Vaterlandes an; von der Weichsel bis zum Rhein, vom Belt bis zum Bodensee haben Arme und Kranke die Segnungen dieser Anstalt empfangen. Den Löwenantheil jedoch trug Berlin mit 74 Personen davon. Der Bericht schließt mit dem gebührenden Dank an Gemeinden, Vereine und Privatpersonen, überhaupt an sämmtliche Mitglieder und Wohlthäter der Anstalt, aber auch mit der dringenden Bitte, daß nicht bloß die alten Gönner und Freunde der Anstalt treu und gewogen bleiben, sondern auch neue Mitarbeiter Gunst und Wohlwollen ihr zuwenden möchten. Namentlich ergeht diese Bitte an diejenigen, die selbst krank und gebrechlich unser Heilbad besuchen und hier Wiedergenesung finden und an Lebenskraft gewinnen. Ihre Unterstützung ist der Anstalt im verflossenen Jahre nicht in dem Maße zu Theil geworden, der von ihnen wohl erhofft werden darf. Um so zuversichtlicher wird die Hoffnung ausgesprochen, daß gerade die Badegäste in Zukunft freudig helfen werden, daß der Quell der Heilung und Genesung, der sich ihnen in unseren! Bade so reich erschließt, auch den Armen und Kranken sich segensreich erschließe. Bom Neckar, im Januar. (Privatmitth.) „Es ist auffallend, daß bei den sonstigen guten Einrichtungen unserer Glaubensgenossen im Großherzogthum Baden es noch gänzlich an der nöthigen Fürsorge für Waisenkinder fehlt," sagt eine Privatmittheilung aus Karlsruhe in Nr. 49 d. Zeit. v. 27. Novbr. v. I. Uns aber ist es sehr befremdend, daß inan in Karlsruhe nichts weiß von einem in Mannheim seit länger als 25 Jahren bestehenden Verein „zur Erziehung armer Waisen und Kinder dürftiger Eltern israelitischer Confession", welcher seine segensreiche Wirksamkeit auf das ganze Großherzogthum — und ausnahmsweise über dessen Grenzen — ausdehnt! Laut Rechenschaftsbericht 1885/86 hatte der Verein in diesem Jahre M. 17613,92 Einnahme und M. 16045,85 Ausgaben für Verpflegung, Kleidung und Unterricht von 30 Ganz- und 20 Halbpfleglingen, welche Summe aus den Beiträgen von 600 Mitgliedern, Geschenken und Zinsen erhalten wurde. Man veranstaltet seit einigen Jahren am Chanukah den Waisen eine Beschenkung in Kleidern, Schulbedürfnissen, Zuckergebäck und Sparkossen-Einlagen (bis zu 25 M. per Kind) bestehend. Es findet die Überreichung jeweils in feierlicher Weise bei entsprechendem Gesänge des resp. Synagogenchores und Ansprachen des Rabbiners und Vorstandes des Vereines statt. Wenn die obenerwähnte Correspondenz zu den „sonstigen guten Einrichtungen unserer Glaubensgenossen im Großherzogthum Baden" unser Religionsschulwesen rechnet, so erlauben wir uns ein Fragezeichen hinzuzufügen. Die Verhältnisse für israelitische Lehrer und israelitische Schulen sind im Ganzen und Großen nicht besser, vielmehr schlimmer geworden. Vor zwanzig Jahren zählten wir in Baden ca. 49 öffentliche Schulen, die anderen Gemeinden — ca. 80 an Zahl — besaßen Religionsschulen, deren Lehrer vom Großherzoglichem Oberrathe angestellt und entlassen wurden. Dies Verhältniß hat sich durch das Allgemeine Schulgesetz von 1868, durch die Einführung der confessionell-gemischten Schulen und die veränderte Stellung der israelitischen Religionsgemeinden geändert. Wir zählen nur noch ca. 24 israelitische Hauptlehrer und einige an gemischten Schulen 4