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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-26 · Heft 4 (26.1.1888) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 4 (26.1.1888)
Date
1888-01-26
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 geistigen Organismus gehen und zu welchem sie wieder zurückführen. Wenn von den Kulturhistorikern auf die Sprüchwörter einer Nation der höchste Werth gelegt wird, um den Grad des sittlichen Charakters derselben und dessen Eigenthümlichkeiten zu erkennen, so zeigt uns die aus verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Autoren gesammelte und sogar von einer Art Akademie redigirte Spruchsammlung, auf welchem hohe» sittlichen Standpunkt das alt-israelitische Volk lebte, da in diesen Sentenzen Alles Weisheit, Erkenntniß, Gottesfurcht, Gerechtigkeit und Liebe athmet, und keiner einzigen niedrigen Leidenschaft wie Haß, Neid, Gewinnsucht und Wollust das Wort geredet, vielmehr deren traurige Folgen prägnant gezeichnet werden. Auch hier ist das Herz gleichsam das Reservoir alles Wassers des Lebens, aus welchem alle übrigen Geistesthätigkeiten ihre Kraft und ihr sicheres Ziel schöpfen. Darum sagt der Spruchredner (4, 23): „Vor aller Macht hüte nur dein Herz, denn des Lebens Strömungen sind aus ihm." Er mahnt (2, 2) das Herz „zur Vorsicht zu neigen", besonders aber, daß das Herz „die Gebote bewahre" (3, 1. 4, 4. 21. 6, 21). Als die höchsten Tugenden empfiehlt er (3,3): „Liebe und Treue schreibe auf die Tafel deines Herzens", daß sie hier unverlöschlich stehen und der Mensch sie stets vor Augen habe. Mit dem ganzen Herzen aber sollen wir Gottvertrauen hegen (3, 5), damit es uns in allen Lagen aufrecht erhalte, Verzagtheit und Verzweiflung nicht in unsere Herzen kommen, und dieses Gottvertrauen uns auf dem rechten Wege erhalte. Deshalb ist der ein Thor, welcher „in seinem Herzen Mahnung verschmäht" (5, 12), oder gar „Falschheit im Herzen hegt und Pläne des Unrechts in ihm schmiedet" (6, 14. 18). Der Mensch muß streben, „das Herz kennen zu lernen" (8, 5), sein eigenes Herz mit seinen Schwächen und Fehlern und mit seinen Tugenden und Vorzügen, welche seine Ziele sind und was es als Mittel und Weg zu denselben betrachtet. Der Spruchredner kennt deshalb zwei schlimme Arten von Herzen 2? “i:n, dem das Herz fehlt, und 2b t^py der verkehrten Herzens ist. Für die erstere Art verlangt er „die Ruthe auf den Rücken" (10, 13. 21); er schmähet seinen Nächsten (11, 12), wird aber zum Spott (12, 8); er ist faul (12, 12), unzuverlässig (15, 7), er übernimmt leichtsinnig Bürgschaft (16, 18), er treibt zum Ehebrüche (6, 32. 7, 7). Der verkehrten Herzens, ist „dem Ewigen ein Greuel" (11, 20), „der Trug ist im Herzen der Bösesschmieder" (12, 20), ja „sieben Greuel sind im Herzen des Heuchlers" (26, 25). Aber wer „sein Herz verstockt, fällt ins Unglück" (28, 14), ein verständiges Herz dagegen „sucht Erkenntniß" (15, 14), es macht den Mund besonnen (16, 23), während ein übermüthiges Herz Gott ein Greuel ist, denn „das Herz des Mannes bläht sich vor dem Sturz" (18, 12). Die Hauptaufgabe des Menschen ist deshalb, „das Herz von Sünde zu läutern" (20, 9), und „sich um Gottesfurcht zu beeifern" (23, 17). Als besonders empfiehlt der Spruchredner, keine Schadenfreude im Herzen aufkommen zu lassen (24, 17). Der Mann „unterdrücke die Sorge im Herzen" (12, 25), denn „hinzögerndes Erwarten macht dasHerz krank" (13,12),thut doch „das Herz auch im Lachen weh" (14, 13). Er sagt: „Das Herz des Menschen kennt seinen eigenen Kummer und seine Freude" (14, 10), aber es hänge dem ersteren nicht nach. „Gesundes Herz ist des Leibes Leben" (14, 30), „ein fröhliches Herz erheitert das Antlitz, bei Herzenskummer ist der Geist gebeugt" (15, 13), „ein frohes Herz ist ein beständiges Mahl" (15, 15), „ein fröhliches Herz befördert Genesung" (17, 22). Er bemerkt ferner: „Des Menschen Herz denkt seinen Weg aus" (16, 9), und viele sind der Gedanken und Entwürfe im Herzen des Menschen (19, 21), sie liegen alle vor Gott offen dar (15,11), und die Ausführung hängt von Gott ab. Oft ist „der Rathschluß im Herzen des Mannes wie tiefes Wasser", Niemand kennt und durchschaut ihn, aber auch „wie Wasserbäche" ist das Menschenherz in Gottes Hand, sie leitet es, wohin der göttliche Rathschluß geht (20, 5. 21, 1). Führen wir nur noch den schönen Spruch über die Freundschaft an (27, 9): „Oel und Weihrauch freuen das, Herz, süß ist der Freund durch Herzensrath, deinen Freund und deines Vaters Freund lass' nicht." Aus diesem allgemeinen gesellschaftlichen Leben führt uns ein kurzer Schritt auf den zweiten Boden der Wirklichkeit, auf den der Geschichte. Wir können es als anerkannt voraussetzen, daß das alte Israel sich auch dadurch abzeichnet, daß es von seinem ersten Beginn an ein geschichtliches 'Volk war, wie kein anderes. Es begleitet den ganzen Verlauf seiner Geschichte mit der Darstellung derselben. Werden doch im Pentateuch Bücher citirt, deren Inhalt wesentlich Geschichtliches war, und Lehre und Gesetz selbst werden in der Form von Geschichtserzählung, als Geschichte der Offenbarung gegeben. Bis in den zweiten Bestand des Volkes hinein wird dessen Geschichte ununterbrochen überliefert; dabei stützen sich die Bücher der Könige und die Chronik auf die (verlorenen) Annalen, welche das Detail des Geschehenen ausführlich enthielten; selbst das Buch Daniel ist nur sagenhaft und mystisch verhüllte Geschichte. Dann folgen die Maccabäerbücher und Josephus. Erst mit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer und der Zerstreuung des Volkes in alle Länder erlischt der historische Sinn und die geschichtliche Literatur, bis diese erst in der neueren Zeit wieder erwachen. Mag nun immerhin die Kritik an den Mittheilungen dieser Geschichtsschreibung zu mäkeln finden; ist es auch unverkennbar, daß in mehreren dieser historischen Schriften eine bestimmte Tendenz hervortritt — sie beweisen doch immerhin, daß die Geschichtsschreibung zu den Charakterzügen des israelitischen Bolksgeistes gehörte und daß

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