Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1888)
- Date
- 1888-01-26
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227722--45038-3264528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
53 gekauften Gefangenen", da die Türken uns weder Verbannung noch Unterdrückung fühlen lassen. Weise und einsichtige Männer, schauet mit den Augen Eurer Klugheit und Eures Verstandes, denn wir lassen Euch nur den tausendsten Theil des Guten kennen, das Gott uns an Wohlstand und Ansehen in diesen Gegenden gewährt hat, wie Euch die ehrenwerthen Boten, die wohlthätigen Sendlinge, die vor jedem Unfall sicher sind, sagen werden, wenn sie Euch Alles erzählen, was sie mit ihren Augen geschaut. Sehet und betrachtet die großen Thaten des allmächtigen Gottes zu unfern Gunsten, denn die Worte fehlen uns, sie zu schreiben; die Juden haben hier Freiheit und Erlösung gefunden. Ans den Bericht dieser Abgesandten hin werdet ihr lagern und aufbrechen, und Ihr braucht nicht nur auf unsere Worte zu bauen. Ist unsere Liebe für Euch doch nicht die Liebe des Gierigen oder die Liebe zum Gewinn, sondern nur die Liebe zum Guten als solchem, denn wir sind alle Söhne desselben Vaters. Unsere Gemeinde ist geringer als andere heilige Gemeinden, und wenn Gott an uns Gefallen findet, wird er Euch in dieses Land bringen, und wir werden zu einem großen Lager werden, welches die Gemeinde der Juden in dem Lande verbreiten wird. Wie wir Eure Nächsten waren, so werdet Ihr die Unseren werden, denn, Gott sei Dank, er hat uns zuertheilt und wird uns den Reichthum zuertheilen, damit unsere Brüder Besitz erwerben. Gott ist wirklich an diesem Orte, er wird Eure Schatzkammer füllen. Es sind unter uns auch Reste aller ehrenwerthen Familien aus sämmtlichen Theilen der Provence geblieben, der Familien Caspi und Cadenat und der anderen ausgezeichneten Familien, die wir nicht nennen, um nicht allzu ausführlich zu werden. Deßhalb, geehrte Brüder, die Ihr Ueberlegung mit Thatkraft vereint, zögert nicht, des Besten dieser ganzen Gegenden zu genießen, und wartet nicht, bis Euer König Euch sage: Erhebt Euch und ziehet hinweg aus der Mitte meines Volkes! und bis Egypten aufsteht gegen Euch, um Euch schleunigst aus dem Lande zu entsenden; sonst werdet Ihr unser aller Fehler büßen und auf Euren Schultern eingeschlossen in die Falten Eurer Gewänder das Leid mit forttragen; Ihr würdet nicht abwarten können, und der Name Gottes könnte unglücklicher Weise entheiligt werden, wie es geschehen ist bei der traurigen Austreibung der unglücklichen Juden, Nachkommen Jakobs, die aus Castilien und Portugal verjagt wurden und unter dem Drucke der Eile, genöthigt wurden, ihren Gott zu verleugnen, zur Sühne unserer großen Sünden. Unsere Meister, wir haben unsere Pflicht erfüllt, indem wir Euch die wahre Sachlage mittheilten, und wenn wir vor Gott und Euch, den Gesalbten des Herrn, gelogen haben, so wird Gott unseren Söhnen Trug und Wind, bei denen kein Gewinn, zum Erbtheil geben. Kurz, Eure Augen werden diesen Brief sehen und die Wahrheit wird Euch ihren Weg lehren. Der Höchste wird uns an einem Ort vereinen, der von Anbeginn erkoren ist, dem Orte unseres Heiligthums; Eure und unsere Augen werden Zion sehen, die Stätte des Friedens, wann Gott die Gefangenen Jakobs zurückführen wird, und dann wird man sagen: Gott wird groß sein, über die Grenzen Israels hinaus, denn er wird das Joch der Völker brechen, das auf Euren Schultern lastet, gemäß dem Wunsche Eures gottesfürchtigen Herzens und dem Wunsche derjenigen, die Euren Frieden herbeisehnen und täglich Gott anrufen um Heil für die Reste Israels. Eure Brüder und Euer Fleisch, die Gemeinde der Vertriebenen aus der Provence, die unterzeichnet hier, in Salonichi, den ersten Elul (5) 310, am Sabbatsabschnitt „Die Grenze Deines Nachbarn u. s. w." (5. Mos. 19, 14. — Das Datum ist der 13. August 1550). In der That kamen immer mehr Juden nach Salonichi, wo sie gegenwärtig ca. 30,000 Seelen zählen. S. über sie S. 517 vor. Jahrg. Das „Her;" in der Dibel. v. Verlassen wir nun das Gebiet des Gesetzes, der Poesie und Philosophie und betreten ein anderes, nämlich das des gewöhnlichen Lebens. Wie sich dies zu allen Zeiten und Orten in gleichartiger Weise innerhalb der menschlichen Verhältnisse und Lagen gestaltet, und wie es sich hinwiederum im Geiste des Hebräers abspiegelte, das zeigen uns „die Sprüche Salomon's". Diese sind theils absichtlich formulirt, theils entstammen sie dem Bolksgeiste. Denn wenn auch solch ein Sprüchwort von irgend einem Urheber herrührt, so wurde es doch dadurch, daß das Volk es auffaßte, zum allgemeinen Gebrauche annahm und abschliff, ein Produkt des letzteren. Die Sprüche Salomon's sind für uns deshalb ein sehr wichtiges Glied in der Kette der biblischen Schriften, nicht bloß ihres Lehrinhalts wegen, sondern weil sie uns einen Einblick in die sittliche Beschaffenheit, wie in die gesellschaftlichen und staatlichen Verhältnisse der alten Israeliten gewähren. Wir brauchen es nicht zu betonen, daß auch hier der religiös-sittliche Boden festgehalten und Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Arbeitsamkeit, sowie die echte Friedensliebe als die Ziele des Menschenthums empfohlen werden. Es ist die gute Verständigkeit, die hier Alles überschaut und durchdenkt. Um so mehr fragen wir, wie weit auch hier die Enipfindungen, das „Herz", das, frisches Leben gestaltende Element abgeben? Nun, wir finden uns nicht getäuscht, auch in diesen Sprüchen des Volkes und für das Volk ist das „Herz" der Mittelpunkt des ganzen geistigen Lebens, aus welchem die Adern der Gefühle durch den ganzen