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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-26 · Heft 4 (26.1.1888) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 4 (26.1.1888)
Date
1888-01-26
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 die in Gefahr schwebenden Juden sich an solche Glaubensgenossen um Nachrichten wandten, welche bereits eine sichere Zufluchtsstätte gefunden hatten, und noch heute thut es wohl, wenn auf derartige Anfragen eine freundliche Einladung, ja sogar dringende Aufforderung, nach dem betreffenden Lande zu kommen, erfolgte. Es wird uns dadurch immer klarer, auf welchen Wegen die Erhaltung des Judenthums und des jüdischen Stammes trotz aller Verfolgungen möglich war: von der einen Seite das Walten der Vorsehung, den Söhnen Israels immer wieder Länder zu eröffnen, in welchen sie sicher wohnen konnten, von der andern, daß sie an solchen Orten bereits angcsiedelte Glaubensgenossen antrafen, welche ihnen Anhalt und Unterstützung boten. So geschah es, daß, während die Christen der Westländer die Juden aus ihren Grenzen verbannten, im Osten die Türken allmächtig wurden, welche auch gegen die unglücklichen Juden Duldsamkeit und Humanität übten. Es existiren zwei, in spanischer Sprache geschriebene Briefe, von welchen der eine eine Anfrage der spanischen Juden an die Gemeinde in Konstantinopel enthält, was sie, die Spanier, unter der Androhung äußerster Verfolgungen thun sollten. Die Juden aus der Residenz des Sultans ertheilen im Antwortschreiben einen sehr auffälligen Rath. Sie sollten zur Kirche übertreten, ihre Söhne aber dazu erziehen, daß sie Geistliche, Aerzte und Advokaten würden, uni der christlichen Bevölkerung so vielen Schaden wie möglich zuzufügen, als Geistliche die Kirchen zu ruiniren, als Aerzte die Menschen zu tödten, als Advokaten und Beamte den Staat zu Grunde zu richten. Man braucht solches nur zu lesen, um von der Unechtheit dieser Briefe, von der Fälschung, die hier begangen, überzeugt zu werden. Aber auch die Form, Anreden, Sprache und Unterschrift zeugen von der Täuschung, die mit jenen Briefen beabsichtigt war. Zum ersten Male erschienen sie gedruckt in der Silva curiosa des Julian Medrado, Paris 1583, einer Sammlung von Anekdoten und interessanten Gesprächsstoffen. Im jüngsten Hefte der Revue des etudes juives (Oktober—December 1887) veröffentlicht sie Herr Isidor Loeb noch einmal und stellt eine kritische Untersuchung an, welche in alle Details eingeht und über die Fälschung auch nicht mehr den mindesten Zweifel zurückläßt. Er erachtet sie als etwa zwanzig bis dreißig Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien geschmiedet. Was unsere Meinung betrifft, so geht diese dahin, daß die Briefe aus jenem antisemitischen Fanatismus geflossen sind, welchem es unleidlich ist, daß selbst getaufte Juden Staatsnnd Kirchenämter bekleiden und in öffentlichen Lebensberufen thätig seien. Der Verfasser will deßhalb die gesammten Neophyten verdächtigen und ihnen die schändlichsten Pläne unterschieben, um Behörden und Publikum gegen sie einzunehmen. Wir haben Aehnliches in unseren Tagen erlebt. Man fürchtete und haßte die Conkurrenz, welche ihnen durch die Enußim bereitet würde. — Bei dieser Gelegenheit theilt nun Herr Loeb aus einem hebräischen Manuskripte einen bisher inedirten, höchst interessanten Brief mit, auf dessen Inhalt wir oben schon hingedeutet haben. Die Lage der Juden in der Provence war eine sehr bedrohliche geworden und hatte schon früher die Juden veranlaßt, das Land zu verlassen und nach der Türkei zu wandern. Solche hatten sich namentlich in Salonichi angesiedelt. An diese wandten sich andere provencalische Juden, um über die dortigen Verhältnisse Auskunft zu erhalten. Der von Hrn. Loeb veröffentlichte Brief ist die Antwort. Hier die Uebersetzung: „An unsere Brüder, die Getreuen und Frommen des heiligen Lagers, die Ecksteine, die Gemeinde Großer und Angesehener, Ihr, der Grund, das Geheimniß, der Schlüssel und die Krone der Schriftzeichen, welche das Herz erleuchten, aus Jerusalem verbannte Brüder, die Ihr an allen Verbannungsorten der Provence wohnet. Gott lenke es, daß Euch kein Unheil treffe, und daß Ihr nicht mehr die Schande des Elends unter den Völkern traget! Amen. Die beiden hebräischen Männer, alle beide trefflich, die Eure Klugheit aussandte, um Euch eine Zuflucht zu suchen, sind zu uns gekommen, und als wir sie sahen, freute sich unser Herz und unsere Seele hüpfte; aber unser Fleisch seufzte, als wir von der Schwere des Joches hörten, mit dem die Völker auf Euch lasten, und von den Leiden der Verbannung, welche sich auf Euren Schultern vereinigt haben und sie drücken. Und das genügt jenen nicht, vielmehr ist ihre Hand noch ausgestreckt, und sie sagen: Vertreiben wir die Juden! Deßhalb ist unser Herz krank, und wir härmen uns, denn der Feind ist allzu stark. Nur ein Umstand tröstet uns in Gott, dem Herrn der Barmherzigkeit, Lob sei ihm und Preis seinem Namen, nämlich, daß er uns bis hierher geführt hat, in dieses weite Land, wo wir nicht Brod essen unter Bedrängniß, ein Land, auf dem das Auge Gottes ruht vom Beginne des Jahres bis zu dessen Ende, und wo nichts mangelt. Es ist Euch völlig geöffnet, laßt Euch dort nieder, unsere Brüder, in der besten Gegend. Wenn es unter Euch einflußreiche Männer giebt, denen Gott Reichthum und Ansehen verliehen hat, mögen sie sich hier niederlassen und es durchwandern und Besitz erwerben; die Armen und Dürftigen, die keine Hülfsmittel haben, werden hier doch einen Ort finden zur Ruhe für ihre Fußsohlen und eine angemessene Beschäftigung, sie werden weder Hunger noch Durst ausstehen, sie werden nicht von der Hitze und dem Feuer der Unterdrückung und Verbannung zu leiden haben, denn Gott hat uns seine Gnade gewährt und hat uns Gunst finden lassen und Gnade und Barmherzigkeit in den Augen der Völker, in deren Mitte wir leben, so daß man uns fast einen neuen Namen geben und uns nennen könnte: „die von Gott zurück-

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