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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-26 · Heft 4 (26.1.1888) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 4 (26.1.1888)
Date
1888-01-26
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Organen und in öffentlichen Versammlungen mit Unverfrorenheit über alle Personen und Zeitungen her, die sich gegen seinen Versuch, den Sohn des Kronprinzen als Aushängeschild für seine Sache zu gewinnen, gewendet haben, und spricht nicht etwa nur dem Theil der Oeffentlichkeit, den er unter der verlogenen Bezeichnung „Juden und Judenpresse" begreift, das Christenthum ab, sondern auch den gouvernementalen und conservotiven Stimmen, die sich gegen ihn erhoben haben. „Ausgeburt des Abgrundes" ist ihm Alles, was gegen ihn auftritt, und der „Reichsbote" versteigt sich bis zu dem blasphemischen Bilde einer Dornenkrone für den antisemitischen Agitator. Man muß wirklich über die Keckheit staunen, welche Herr Stöcker und die zu ihm haltenden wenigen Blätter in dieser für ihn kritischen Situation entwickeln. Es unterliegt nämlich keinem Zweifel, daß die scharfen Angriffe und Zurechtweisungen, die Stöcker von der officiösen und gouvecnementalen Presse aus Anlaß der Versammlung beim Grafen Waldersee erfahren hat, den Intentionen einer sehr mächtigen Stelle entsprachen. Die „Norddeutsche", die auf die erste Anzapfung der „Kreuzztg." hin die Bezeichnung „osficiöS" nicht verstehen wollte und sich auf den sachlichen Gehalt und die Ueberzeugungskraft ihrer Auslassungen berief, zeigt jetzt das richtige Berständniß und macht sich lustig darüber, daß man ihre Artikel für Privatarbeiten der Redaction hält. Sie hat, wie wir zu wissen glauben, Grund dazu. Es haben in Folge der Stöcker'schen Versammlung beim Grafen Waldersee sich in hohen Regionen verschiedene Vorgänge abgespielt, die natürlich mit der äußersten Diskretion behandelt werden, über welche man aber doch so viel weiß, daß die Mißstimmung über das Aufsehen und über die Auffassung, welche dieses Ereigniß gefunden hat, bis in die unmittelbare Umgebung des Prinzen Wilhelm reicht, und daß dieser selbst wahrscheinlich davon nicht frei ist. Seine Antwort an die Neujahrsadresse der Hofprediger ist in diesem Sinne zu deuten. Es giebt sehr mächtige Factoren, die ganz unbeschadet ihres eigenen politischen und kirchlichen Standpunktes mit großer Sorgfalt und Klugheit darüber wachen, daß keine prononcirten Persönlichkeiten, sei es nun ein antisemitischer Hofprediger oder auch ein sehr begabter und zugleich sehr frommer General einen wirklichen oder scheinbaren auffallenden Einfluß auf den zukünftigen Thronerben ausüben. Es handelt sich dabei um Erwägungen der politischen Klugheit und Zweckmäßigkeit weit mehr, als etwa um Antipathieen gegen die Judenhetze und die als christlich-social bezeichnete Bewegung. Diese Instanzen sind in der Lage, demjenigen, der ihre Pfade kreuzt, sehr nachdrücklich entgegenzutreten, und deshalb muß man wirklich bewundern, daß Herr Stöcker die Keckheit jetzt noch so weit treibt, eine Vertrauensadresse an den Prinzen Wilhelm zu insceniren, ein Act, der thatsächlich in streng conservativen 51 und kirchlichen Kreisen, auch in solchen, die dem Hofe nahe stehen, mit Entrüstung besprochen wird. Die Erwägungen dieser Kreise finden einen sehr deutlichen Ausdruck in einem heutigen Artikel der freiconservativen „Post", in welchem es heißt: „An sich widerstrebt unserem monarchischen Gefühle der Gedanke einer Vertrauensadresse an den künftigen Thronerben. Auch ist der Revers der Medaille nicht abzuweisen. Es kommt hinzu, daß Demonstrationen dieser Art in der jetzigen Zeit besonders unangebracht sind und, zumal wenn sie von einer Seite ausgehen, welche ohnehin der Vorwurf trifft, den Prinzen Wilhelm in tendenziöser, von demselben in der Antwort an die Hofprediger scharf zurückgewiesener Weise aus Kosten seines erlauchten Vaters in den Vordergrund zu schieben. Auch das hat schon zu Mißdeutungen äußerst unfreundlicher Art Anlaß gegeben und es sollte fürwahr jeder weitere Anstoß nach dieser Richtung vermieden werden." Man klage aber unser Zeitalter nicht an, daß es derartige Persönlichkeiten schaffe und in Situationen und zu Bedeutung bringe, deren sie nicht werth wären. In allen Epochen kamen derartige Erscheinungen vor, und Beispiele giebt es selbst in unserer vaterländischen Geschichte. Ihre Dauerhaftigkeit ist nicht groß und die Nachwelt weiß sie zu würdigen. — Ein Slick in die Vergangenheit. Wenn wir für die Wanderungen des jüdischen Stammes als ein Gesetz erkannt haben, daß sein Zug stets nach dem Gange der Kultur in deren Hauptländern gewesen, so daß die Tendenz nach dem Abendlande vorwaltete, verursachten die zeitweisen Verhältnisse doch Ausnahmen und zwangen die Flüchtigen, wieder im Osten neue Wohnstätten zu suchen. Eine solcher Verschiebungen der jüdischen Bevölkerungen fand in Folge der Vertreibung aus Spanien (1492) statt. Eine genauere Ermittelung, wohin und auf welche Weise sich die Hunderttausende flüchteten, welche den Boden Spaniens mit so tiefem Schmerze und so großen Verlusten verließen, ist noch nicht geschehen; die Notizen dazu liegen allzusehr zerstreut und verborgen. So viel ist gewiß, daß diese flüchtigen Spanier zunächst nach Italien, Nordafrika, den Donauländern und der Türkei gingen. Die spanisch-jüdischen Colonien, welche noch jetzt bestehen, geben dafür Zeugniß. Erst später, nachdem die Inquisition die zur Kirche übergetretenen Juden in so grausamer Weise verfolgte, auch in vielen Einzelnen die Reue über den Abfall von ihrer väterlichen Religion erwacht war, flohen sie nach Holland und gründeten daselbst portugiesisch-spanische Gemeinden. Nichts natürlicher, als daß 4*

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