Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1888)
- Date
- 1888-01-26
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 Angriff enthält zugleich eine unsinnige Lüge. Ein „Mucker" ist doch ein Mann, der sich in die Ecke setzt und mit der Welt nichts zu thun haben will. Man kann mir vieles nachsagen, aber ein „Mucker" bin ich doch nicht. Wir sind Kämpfer, haben praktische Gedanken und treten gegen die Feinde des Vaterlandes und der Kirche auf; das thun doch „Mucker" nicht. Wir sind allerdings auch positive Christen. Mit dem halben Glauben, wie ihn die „Post" will, wird kein Mensch was ausrichten. Es ärgert die Treuen im ganzen Lande sehr, daß wir von der Seite, anstatt Hülfe und Unterstützung, immer nur Verläumdung und Angriffe erfahren. Am empörendsten aber ist es, daß diese halbofficiöse Presse es wagt, einen preußischen Prinzen anzufallen. So etwas ist in Preußen noch nicht dagewesen, und Gott schütze uns davor, daß es je wieder vorkommt. Wenn Socialdemokratcn und Demokraten den Thron unterwühlen, so ist das begreiflich; aber daß man es in officiösen Blättern wagt, den späteren deutschen Kaiser zu verhöhnen und als einen Mann hinzustellen, der nicht weiß, was er will, das ist furchtbar. Wenn wir uns das sollen bieten lassen, dann kann die Stunde kommen, in der wir sagen: „Mit solchen Subjecten wollen wir nichts zu thun haben." Wir müssen uns dringend verbitten, daß in dieser Weise unsere innersten Gefühle verletzt werden. Es kommt bei uns vor allem auf ein gesundes, praktisches, positives Christenthum an. Wenn das aber, anstatt unterstützt zu werden, von der officiösen Presse mit der demokratischen zusammen angegriffen wird, dann danke ich für eine solche Presse, dann können wir nicht mit ihr Zusammengehen. Daß man mich angreift, bin ich gewöhnt, aber daß man unseren lieben Prinzen mit hineinzieht, das ist unerhört, das ist nicht monarchisch, nicht christlich, nicht preußisch, das ist ein Stück aus dem Abgrund." Wie wird dem Herrn Hofprediger erst der Kamm schwellen, wenn sich die Nachricht eines Hamburger Blattes bestätigen sollte, daß Herrn Stöcker für das bevorstehende Ordensfest eine „besondere Auszeichnung" zugedacht sei!" — Jedenfalls ist Stöcker ein schlauer und gewandter Mann. Niemand wird ihm seine Definition des Muckers, wie er sie sich für seinen Gebrauch zurechtlegt, zugestehen. Sie paßt auf einen „Pietisten", nicht aber auf einen Mucker, der mit seinen niedergeschlagenen Augen die weltlichen Dinge recht wohl beobachtet und sie in seinen Besitz oder unter seine Herrschaft zu bringen trachtet, wohl auch die Wege kennt, die dahin führen. Wenn er seine Gegner anklagt, einen königlichen Prinzen in den Streit hineinzuziehen, so war und ist er es gerade, der sich dies in ausgedehntem Maße zu Schulden kommen läßt. Will man hierfür einen thatsächlichen Beweis, so kann man ihn alsbald finden. Es wird berichtet: „Ueber Vertrauensadreffen, die Hr. Stöcker für den Prinzen Wilhelm im Lande in Umlauf setzen läßt, enthält; die „Freist Ztg." folgende Mittheilungen: „Prinz Salm- Horstmar läßt in Schmalkalden eine Zustimmungsadresse an den Prinzen Wilhelm, betreffend sein Zusammengehen mit der Stöcker'schen Stadtmission, circuliren und hat dabei die Unvorsichtigkeit begangen, der Adresse eine von ihm angefertigte Abschrift des Schlußsatzes eines Briefes, gez. Stöcker, beizufügen. In diesem Brief theilt Herr Hofprediger Stöcker mit, es würden nächstens zahlreiche Exemplare des Adreßformulars Nachfolgen, die alsdann, womöglich, mit vielen Tausenden Unterschriften bedeckt, eingeschickt werden möchten. Bor der Hand aber käme es namentlich darauf an, ein Exemplar mit einigen gewichtigen Unterschriften möglichst rasch an ihn (Stöcker) zurückgeheu zu lassen. — Um jeden Zweifel über den Urheber dieser Bertrauensadresse zu beseitigen, hatte Prinz Salm auch noch das ihm übersandte Briefcouvert mit der Adresse: „An seine Hochwürden den Hof- und Domprediger Stöcker in Berlin" zugleich in Umlauf gesetzt. In Schmalkalden hatte die Vertrauensadresse bis dahin nur Unterschriften gefunden von dem Prinzen Salm, dessen Gemahlin, einer geborenen Fürstin Hohenlohe, dem Landrath Fliedner, den Hüttenbesitzern Fulda und Utendörffer, dem freiconservativen Landtagsabgeordneten Pfannstiel und drei lutherischen Geistlichen der Stadt." Und der Mann, der ein solches Spiel treibt, wagt es unverfroren, andere anzuklagen, einen königlichen Prinzen in den Parteikampf hineinzuziehen! Daß zum größten Theile die Künste dieses Mannes durch die Veröffentlichung ihren Zweck verfehlen, ist offenbar. Wenn also Stöcker jetzt seine Rolle wieder ausgenommen und das Tageslicht wieder voll auf sich fallen läßt, so kann man doch sagen: „der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht". — Die Blätter führen durch Stellen aus den gedruckten Reden und Aufsätzen Stöckers den unwiderlegbaren Beweis, daß die Judenhetze, die Christlich-Socialen und die Stadtmission siamesische Drillinge sind, an Leib und Seele auf's engste verwachsen. Was nun die „Kreuzztg." und ihre Gefolgschaft am meisten, ja mit einer alles Maß übersteigenden Heftigkeit bestreiten, ist die Frage, ob die betr. Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." officiellen Ursprunges oder Werthes, oder nur Expectorationen der Redaction seien? Hierüber wie über die augenblickliche Situation giebt folgende Cvrresp. der „Frankst Ztg." vom 15. d. einigen Aufschluß. Es heißt da: Herr Stöcker bleibt also an der Spitze der Stadtmission; daß eine. „geeignete Persönlichkeit zur einheitlichen Organisation derselben" berufen werden soll, ist, wie der „Reichsbote" heute erklärt, durchaus nicht so aufzufassen, als ob es sich um eine Beseitigung des Hofpredigers handle. Inzwischen spielt dieser ein gewagtes Spiel, bei welchem man neben seinen anderen bekannten Eigenschaften seinen Muth wieder einmal bewundern muß. Er fällt in seinen halbkirchlichen