Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1888)
- Date
- 1888-01-19
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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dieses Bild einer edlen Weiblichkeit an dieser Stelle zu verewigen. Leuchtete sie doch als ein freundliches Gestirn in meine Kindheit und Jugend hinein! Um nur ein Beispiel von der Theilnahme zu geben, mit welcher sie alles Menschenunglück tief in ihrer Seele empfand. Als einst in Dresden ein auffallendes Unglück sich ereignet hatte, schrieb mir ihr Mann expreß nach Berlin, ich möge in meiner Correspondenz nichts davon erwähnen, weil sie zu sehr darunter litte — und doch hatte es einen Menschen betroffen, den sie nicht einmal dem Namen nach gekannt. — Also — ich brach auf. Hoch und freudig schlug mein Herz den Genüssen und Erkenntnissen entgegen, welche ich erwartete. Ich ging zuerst nach Dessau zu kurzem Besuche, fuhr mit einem Hauderer den reizlosen Weg nach Leipzig, rastete dort über Sabbath bei einem Freund, und zog beflügelten Schrittes am Pfingstsonntag früh um fünf Uhr von Leipzig aus, den c. 12 sächsische Meilen langen Weg nach Dresden. Kaum eine Stunde hinter „Klein Paris" holte mich ein Student ein, ein Dresdener von Geburt, mit welchem ich gemeinschaftlich weiterpilgerte. Damals war auf den Universitäten Halle und Leipzig der Ducomment üblich, und das machte schnell mit einander vertraut. Wir wandelten unermüdlich; er verhieß mir eine Nachtherberge in einem Dorfe, worin er bekannt sei. Es wurde Abend; der Mond ging auf und wir waren noch immer nicht am Ziele. Ich erklärte nicht mehr weiter zu können und in der nächsten Ortschaft bleiben zu wollen. Damit war er lachend zufrieden, und siehe da, mit dem Glockenschlag 11 standen wir vor den Thoren einer Stadt — es war Meißen, etwa neun Meilen von Leipzig. Und doch — um fünf Uhr erstiegen wir den dortigen Dom, wo der Festmorgen mit einem Orchesterchoral gefeiert wurde. Wir hatten uns mit einer Flasche guten Meißner Landweins bewaffnet; man sieht, ich ging schnell in die Studentenart ein. Dann weiter nach Dresden. An dem reizenden linken Elbufer, was ein Umweg war, aber am Fuße der Weinberge und Waldhügel, ununterbrochen von Schlössern und Dörfern, nach der Residenz führte. Im „Kleinen Rauchhaus" kehrte ich ein, damals die Herberge der Studenten und Handlungscommis. An der Hand meines Begleiters eilte ich gegen Abend, wenigstens die Brühl'sche Terrasse noch kennen zu lernen. Sie bot mir einen Anblick dar, wie ich ihn noch nie erfahren hatte. Der breite Strom, die gegenüberliegende Neustadt mit ihren imposanten Häuserreihen, die bewaldeten Höhen dahinter, die sich weithin in die Ferne zogen, und links die großartige Brücke, die damals noch zu den Berühmtheiten gezählt I wurde, der schöne Platz mit dem Schloß und der Hofkirche sowie dem Zwinger; dieses Ensemble bewegte mich tief. — Bei Frau Bondi fand ich am andern Morgen die freundlichste Aufnahme. Sie tvar damals schon Matrone, aber die feinen Züge ihres blassen Gesichtes, ihr anmuthiger Mund und die großen dunklen Augen, aus welchen die Strahlen des Wohlwollens und der Zuvorkommenheit leuchteten, machten ihre Erscheinung für den Knaben äußerst anziehend und flößten ihm ein unbegrenztes Vertrauen ein. Sie bethätigte für mich eine mütterliche Fürsorge. Da in der nächsten Woche die Kunstsammlungen geschlossen waren, theilte sie meine Zeit ein, um die Stadt und deren Umgebung kennen zu lernen. In der katholischen Kirche hörte ich die merkwürdige Musik, bei welcher damals noch italienische Kastraten betheiligt waren. Das reizvolle Tharand wurde besichtigt, wo man aus den hohlen Fenstern einer gut erhaltenen Ruine auf den lieblichen, zum Theil mit hohen Häusern umgebenen See und auf den bewaldeten Höhenzug gegenüber blickte. Da wandelte man durch die sog. „heiligen Hallen", Laubwölbungen uralter Eichen, die eine neben der andern von der Kante der Höhen zur Thalsohle hinabstiegen; man konnte daran den Ursprung der Säulenhallen im Gewölbe der gothischen Kirchen studiren. Auch die Dörfer Blasewitz und Loschwitz, welche damals noch von den Erinnerungen an Schiller, der im Köcner'schem Landhause gewohnt und am Don Carlos gearbeitet, romantisch umschwebt waren, entgingen mir nicht. Da meine Erzählung einmal ins Breite gerathen ist, mag folgender kleiner Vorgang erwähnt werden. Als ich in dem öffentlichen Garten in Blasewitz meinen Kaffee einnahm, setzte sich ein behäbiger Dresdner Bürger mit seiner Ehehälfte an den Tisch und ließ sich in ein Gespräch mit mir ein. Er mußte schnell Vertrauen zu mir gewonnen haben, denn er wandte sich an mich mit der Frage, ob ich ihm nicht erklären könne, was ihn schon lange beschäftige, nämlich wie sich die Willensfreiheit des Menschen, daß er also thun könne, was er wolle, mit der Vorausbestimmung durch Gott vereinigen lasse. Ich war mit der Antwort bald zur Hand. Ich fragte ihn, ob er das Schachspiel kenne, was er bejahte. Nun, fuhr ich fort, so wissen Sie, daß ein guter Schachspieler, der einen ihm bekannten schwachen Gegner hat, genau voraus zu berechnen weiß, wann, d. h. in wie viel Zügen der Letztere matt gesetzt sein wird. So, demonstrirte ich ihm, weiß Gott im Voraus durch seine Allwissenheit, die ja von seinem vollkommenen Wesen nicht zu trennen ist, was der Mensch im gegebenen Falle thun werde, und hiernach ist der Lauf der Dinge im Voraus geordnet. Der geschickte Schachspieler richtet seine Züge so ein, daß der Gegner so und so ziehen werde. So sind auch dem Menschen von der Wiege ab die Verhältnisse und Bedingungen gegeben, innerhalb wacher er seine Willensfreiheit bethätigt. Dieses Gleichniß leuchtete meinem Dresdener Philister sehr ein; vielleicht blendete es ihn auch nur für den Augenblick. — Die folgende Woche sollte der Wanderung durch die sächsische Schweiz, womöglich noch eine Strecke in's Böhmer Land hinein, gewidmet sein. Die „sächsische Schweiz" war