Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1888)
- Date
- 1888-01-19
- Page
- Seite 45 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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45 hielt. Man kann sich denken, wie hoch mein jugendliches Herz dabei anschwoll. Ich gestatte mir hierbei die Bemerkung, daß ich sieben Jahr später als angestellter Prediger aus Magdeburg wieder einen Besuch in Sondershausen machte. Die jüdische Gemeinde war bestens geleitet, und hatte einen Prediger in dem Sohne meines seligen Lehrers, Herrn Joseph Wolfssohn, einem sehr unterrichteten und befähigten Manne von schönem Organ, welcher treffliche Predigten ausarbeitete. Nur schade, daß er etwas zur Indolenz neigte und seine Predigten in merklicher Weise ablas, so daß er selbst im Gebet mit erhobenen Händen immer wieder auf das Papier blickte. Der Wirkung, die sonst gewiß eine sehr wohlthätige gewesen wäre, that dies großen Abbruch. Ich bemerke dies nebenbei, damit jüngere Collegen es sich ad notam nehmen; denn die Gewöhnung vom Beginn an thut hierbei das Meiste. Auch ein junger Mann war damals als zweiter Religionslehrer eingetreten, Herr Philipp Heidenheim. Er war von einem solchen Eifer und emsigen Fleiße beseelt, daß er später zum Landesrabbiner und zum Rektor am fürstlichen Gymnasium hinaufrückte; noch jetzt bekleidet er mit Ehren diese Aemter. Die Gemeinde ersuchte mich um eine Predigt, und am Morgen darauf überreichte mir der Vorstand einen schönen silbernen Becher, der die Inschrift trägt: „Zur Erinnerung an den 21. Juni 1834." Das war der erste Ehrenbecher, den ich erhielt, und er diente mir von da ab bis heute, 54 Jahre hindurch, zum Kiddusch an Sabbath und Festtagen. — Doch kehre ich zu jenem ersten Besuche zurück. Die Tage flogen pfeilschnell dahin, namentlich auf Ausflügen in die herrlichen Waldungen und auf die Höhen der Hainleiter, welche den Thüringer Wald mit dem Harze verbindet. Als wir an einem heißen Sonntagsnachmittag uns auf den Rückweg machten, gab uns der Oheim bis Artern einen Träger für unser Gepäck mit. Kaum waren wir eine Stunde von der Stadt fort, als ein furchtbares Gewitter losbrach, das auch in die Hauptkirche einschlug und die Orgel durch einen Blitzschlag zertrümmerte. Mein Bruder hatte einen großen armirten Magnet geschenkt erhalten, mit welchem er sich sehr freute und viel zu experimentiren gedachte. Jetzt aber quälte ihn die Besorgniß, der Magnet könne den Blitz anziehen, und nach einigem Zaudern schleuderte er ihn von sich. Ich aber gab dem Träger heimlich einen Wink, daß er ihn aufhebe und in die Tasche stecke. Als wir nun Abends im Gastzimmer zu Artern saßen, sprach mein Bruder sein Bedauern aus, des schönen Magnets wieder verlustig zu sein. Da holte der Träger denselben hervor und legte ihn vor meinem Bruder auf den Tisch. Dieser wußte nicht, ob er sich mehr freuen sollte über den Wiederbesttz des Magnets, oder über meinen Ungehorsam sich ärgern. Ersteres behielt die Oberhand. Die ganze Nacht hindurch tobten Wind und Regen, und die Wege waren grundlos geworden. Wir kamen nur mühsam voran und mußten uns unter die Arme fassen, um nicht bald rechts, bald links auszugleiten und in die wassergefüllten Gräben zu fallen. Aber was thut dies der Jugend! In Halle angekommen, ward ein warmes Bad genommen und Abends bei Mondenschein wieder auf dem stimmungsvollen Markte flanirt. — Doch ein Jahr später, als mein Bruder Halle schon verlassen hatte, unternahm ich allein eine Wanderung, die ich mehr als eine Studienreise betrachtete, und die auf meine geistige Entwickelung einen höchst förderlichen Einfluß übte. Ich habe schon früher bemerkt, daß in meiner Vaterstadt allerlei Anregungen zur Kunstanschauung in Nachahmung von Antiken und in Gemälden auf den herzoglichen Schlössern, z. B. dem berühmten Bilde von Amor und Psyche von Angelika Kauffmanu, vorhanden waren; auch daß ich eifrigst den Laokoon und Winckelmanns Kunstgeschichte studirt hatte. Hierbei konnte man sich nur unbefriedigt fühlen, und das Verlangen, zu wirklicher Anschauung zu kommen, wurde immer lebhafter. Ich beschloß daher, Pfingsten 1828 eine Wanderung nach Dresden auszuführen. Ich hatte mir hierzu eine kleine Reisekasse gespart. Nun, diese reichte nicht aus. Aber ich wußte, daß ich im Elb-Athen in der Freundin meines seligen Vaters, die ihre treue Anhänglichkeit schon oft erwiesen hatte, der Frau Clara Bondi, eine Gönnerin finden würde, die mich aller Sorgen überheben werde. Ach, ich empfinde noch heute, welch ein Glück es für mich war, diese Dame kennen gelernt zu haben, da ich in ihr ein Ideal der weiblichen Tugend, der tiefsten Empfindung und umfassender Geistesbildung zu bewundern hatte! Solchen Menschen begegnet zu sein, wird ein wahres Besitzthum des Geistes, das über jede trübselige Erfahrung von Menschenschwäche, ja Entartung tröstend hinweghebt. Sie besaß umfassende Kenntniß der französischen, englischen und italienischen Sprache und Literatur, und hatte viele Reisen gemacht. Aber sie war weit davon entfernt, dies geltend zu machen, sondern nur gelegentlich verrieth es sich; mit ihren Urtheilen, die scharf und gründlich waren, hielt sie zurück, bis etwas vorgetragen wurde, was ihrer Ansicht geradezu widersprach oder was ihr unbillig und schonungslos erschien. Bon außergewöhnlicher Wohlthätigkeit, suchte sie doch nur wesentlich Nützliches zu erzielen; selbst kinderlos, zog sie Waisen in ihrem Hause auf; jegliches gemeinnützige Unternehmen war ihrer Unterstützung gewiß, dabei war sie von der äußerstenEinfachheit,bescheiden und anspruchslos in ihrer äußeren Erscheinung. Ihre Opferwilligkeit bezeugte sie ebenso in den kleinstenanmuthendstenZügen,wiein großen Gaben. Ihre treue Anhänglichkeit für das Gedächtniß meines Vaters erklärte sie mir einmal damit, daß er, der vertraute Freund ihrer gelehrten Brüder, in ihr, dem sechszehnjährigen Mädchen, zuerst das Bewußtsein der Menschenwürde und eines höheren idealen Strebens geweckt habe, ja es thut mir wohl,