Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1888)
- Date
- 1888-01-19
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227721--45028-3264517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M Bonn, 15. Januar. (Notizen.) Aus Pest wird uns geschrieben: Den 4. d. M. verschied in Kaschau der Director der dortigen israelitischen Schule, der auch durch einzelne pädagogische Schriften bekannte M. M. Rottenburg, im Alter von 52 Jahren. — Dem Claviervirtuosen Alfred Grün selb wurde vom Könige von Rumänien das Officierskreuz des Kronen-Ordens verliehen. IseuiLLe 1 on. Aus meiner Lnabenzeit. x. An einem herrlichen Pfingstsonntage zogen mein Bruder und ich von Halle aus, um durch die Thüringer Lande über Querfurt, Ariern in der güldenen Au und Frankenhausen nach dem reizend gelegenen Residenzstädtchen Sondershausen zu wandern. Dort wohnten vier Brüder meiner Mutter, von welchen der eine in sehr guten Verhältnissen lebte und ein gebildeter und liebreicher Mann war, der uns seine Zuneigung schon oft bewiesen und uns wiederholt eingeladen hatte. An dem ersten Wandertage erfuhr ich an mir, daß auch die herrlichste Naturscenerie auf den ermüdeten und abgespannten Menschen keinen Eindruck macht. Auch die Schönheit der Natur und Kunst bedarf der Empfänglichkeit des Menschengeistes, um gewürdigt und genossen zu werden. Es war gegen Abend, als wir am Ufer der wildfluthenden Unstrut nach der Stadt Arten zogen. Mein Bruder hatte einen Lehrer aus der Gegend getroffen, mit welchem er in eifriger Unterhaltung voranging; ich schleppte mich äußerst ermüdet mit unserem schweren Ränzel auf dem Rücken langsam nach. Welch ein Abend, welche reizende Gegend! Rechts die blühendsten Fluren, am linken.Ufer des Flusses die wellenförmig aufsteigenden, waldbedeckten Höhen, dazwischen rollte im schnellen Lause der Fluß sein schäumendes Gewässer, das heftig, aber melodisch an das Ufer schlug, an zierlichen Menschenwohnungen und an oberschlächtigen Mühlen vorüber, über deren Räder die Wellen schimmernd und geräuschvoll stürzten. Die Sonne senkte sich in Westen, von Gold und purpurglühenden Wolken umgeben, die ihre farbigen Lichter über die Ebene, die Hügel, den Wald und den Fluß ergossen; mitten in dem Goldglanz des Himmels ragten die dunklen Kirchthürme der Stadt em. por, wie Mahnzeichen, daß es auch eine Erde gebe, die mit dem Himmel nicht ganz verwandt ist. Aber all' die Herrlichkeit ließ mich gleichgültig — denn der Knabe weinte vor Erschöpfung. Endlich merkte dies mein Bruder, kehrte schnell zu mir zurück, nahm mir das Ränzel ab und legte meinen Arm in den seinigen. In dem behaglichen Gasthofe in Ariern pflegten wir der Ruhe — aber die Rechnung am nächsten Morgen war sehr hoch und erschöpfte unsere ganze Reisebaarschaft in unerwarteter Weise. Bald nachher ging es weiter. Wir kamen in den sich weit erstreckenden Wald, der Frankenhausen umgab, und — verirrten uns. Endlich gewahrten wir einen Hirten, auf einem Hügel sitzend und seinen Strumpf strickend; seine Wollthiere weideten ringsum. Ich ging zu ihm und bat ihn um ein Stück Brod, dessen wir recht sehr bedurften, und erkundigte mich nach dem richtigen Weg. Der Mann blickte mich mißtrauisch an, denn da ich in der damaligen Gymnasiastentracht— einerPekesche mit feinen Troddeln — mich sehr anständig ausnahm, glaubte er wohl, daß ich ihn zum Narren hätte und wies mich barsch ab. Doch sah er mir nach und bemerkte wohl an meiner traurigen Miene, daß es mir ernst gewesen. Er rief mich zurück, gab mir ein großes Stück altes, trockenes Brod und Anleitung, bald auf den rechten Weg zurückzukommen. Fröhlich ließen wir uns nun an einer murmelnden Quelle nieder, tauchten das Brod in das Helle, frische Wasser, und es schmeckte uns vortrefflich. In Frankenhausen wohnte, wie uns bekannt war, ein Freund unseres Oheims, Herr Kalman Wahl, und ich verfügte mich alsbald zu ihm, um eine Anleihe von einem Thaler bei ihm zu machen, den ihm mein Onkel gern zurückerstatten würde. Er blickte mir scharf in das ehrliche Gesicht, lachte laut auf und erfüllte mein Gesuch. Als wir Nachmittags im Hause unseres Oheims anlangten, erwartete uns der freundlichste Willkomm. Meine Tante, eine sehr stattliche und wohlwollende Frau, führte ihren Haushalt in eigenthümlicher Art. An einem Tage brach der Tisch unter der Menge trefflicher Speisen; dann folgten einige Tage der Sparsamkeit, wo man sich mit den Resten des vergangenen und mit der Aussicht auf den nächsten schönen Tag begnügen mußte. Wir hatten es gerade sehr gut getroffen. Das Haus war von einigen aufwachsenden Söhnen und zwei schönen Töchtern von 18—20 Jahren, die eine bildschön, die andere höchst anmuthig, bevölkert. Wo solche Jugend, da fehlt es nicht an Gesellschaft, und besonders erinnere ich mich eines jungen, sehr talentirten Rechtsanwalts. Ich ermangelte nicht, meine Huldigungen in sentimentalen Versen zum Ausdruck zu bringen und der Rechtsanwalt setzte sie in Musik. Die jungen Damen sangen sie mit Clavierbegleitung des Componisten; namentlich war es ein Abschiedslied, das sich noch lange in der Familie er-