Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1888)
- Date
- 1888-01-19
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
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43 vier Stimmen der Clericalen angenommen. Der Antrag Vergani wird mit allen gegen sechs Stimmen der Antisemiten abgelehnt. Der Finanzausschuß beantragt, dem Vereine zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen Cultusgemeinde in Wien gleich den Vorjahren für das Jahr 1888 eine Subvention von 200 fl. zu bewilligen. Abg. Vergani: Ich beantrage, dieses Gesuch abzulehnen. Der Landtag hat nur dort Subvention zu bewilligen, wo von anderer Seite keine Zuschuß zu erwarten ist. Dem Vereine gehören viele reiche Juden an, die ja immer Zusammenhalten, und der Obmann Gutmann kann leicht diese 200 fl. dem Vereine zuführen; er braucht nur bei einer seiner Soireen einige Flaschen Champagner weniger zu geben. Freilich handelt es sich um das Princip, und der Landtag will seine Judensreundlichkeit documentiren. Erstaunen mußte ich, unter dieser Petition neben dem Namen Gutmann auch den des Monsignore Knab zu finden. (Schallende Heiterkeit). Sollte das dem Spruche: der Zweck heiligt die Mittel, entsprechen? Ich habe erfahren, daß Monsignore Knab bestelltes Mitglied des ministeriellen Preßbureaus, und daß der Vorstand dieses Preßbureaus, ein gewisser Freiberg, ein Jude ist. Es sollte mich nicht wundern, wenn Monsignore Knab demnächst eine Petition für die Alliance Israelite mitunterzeichnen würde. Abg. Knab: Die vorliegende Petition habe ich mit mehreren anderen mir überreichten Petitionen eingebracht. Es handelt sich um israelitische Waisen, und ich hatte keinen Grund, eine solche Petition nicht zu unterzeichnen. (Lauter , Beifall.) Mein Beruf als katholischer Priester befiehlt mir, für Wittwen und Waisen einzutreten. (Stürmischer Beifall.) Was der Vorredner weiter herbeigezogen, darauf gebe ich keine Antwort, ich finde es unwürdig, auf so persönliche Angelegenheiten hier zu erwidern. (Laute Zustimmung.) Der Antrag des Finanzausschusses wird mit allen gegen die Stimmen der Antisemiten angenommen. Die „Neue Freie Presse" bemerkt zu diesen Verhandlungen: „Auch die Session des niederösterreichischen Landtages nähert sich ihrem Schlüsse, und das ist für die kleine antisemitische Gesellschaft, welche sich unter den Mitgliedern dieser Körperschaft befindet, Grund genug, um von sich um jeden Preis reden zu machen. Viel Lärm zu machen ist ja die Tactik des Antisemitismus, durch möglichst großes Geschrei sucht man die Welt zu täuschen über die Stärke des antisemitischen Heerbannes. Jeder Anlaß wird für passend erachtet, um den Streit vom Zaun zu brechen und das antisemitische Klopsfechterthum hervorzukehren. Da wird von antisemitischer Seite ein Antrag auf Einführung von Erleichterungen der Schulpflicht eingebracht, und flugs fügt man daran einen Punkt, der Landtag möge beschließen: Jüdische Lehrer werden nicht angestellt. j Die Antragsteller wissen sehr gut. daß der Landtag einen solchen Beschluß nicht fassen kann, sie selbst erkennen an, daß der Lehrer ein öffentliches Amt bekleide, und sie kennen ganz genau die Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes, welche lauten: „Die öffentlichen Aemter sind für alle Staatsbürger gleich zugänglich", und „der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religions-Bekenntnisse unabhängig". Das thut aber nichts, der Antrag wird doch gestellt, denn damit macht man Lärm, und Klappern gehört zum antisemitischen Handwerk. Ganz dasselbe wiederholte sich in der Debatte über die Subventionirung des Deutschen Schulvereins. Da that man wieder so, als ob der unverfälschte Schülvereln, den nur unbefriedigte persönliche Eitelkeit ins Leben gerufen hat, seine Mitglieder nach Millionen zählen würde, als ob die „academische Jugend" begeistert hinter diesem Verein stünde, während es bekanntlich nicht eben die besten und edelsten Elemente der academischen Jugend sind, welche den Troß des Antisemitismus bilden. Wien, 4. Jan. Wir waren erst vor wenigen Tagen in der Lage, über den großherzigen Philanthropen Baron Hirsch einige interessante Neuigkeiten mitzutheilen. Aus Wien wird uns heute ein neuer Wohlthätigkeitsact desselben gemeldet. Der Wiener israelitische Handwerkerverein erhielt von dem vielgenannten Manne ein Schreiben, in welchem Baron Hirsch sich erbötig macht, dem Vereine eine jährliche Subvention von 14,000 Gulden zu gewähren, wenn derselbe, nachdem er im letzten Jahre aus eigenen Mitteln sechshundert Kindern den Weg zu einer anständigen Handwerkerexistenz eröffnet hat, in der Lage wäre, mit Hilfe der erwähnten Subvention dieselbe Wohlthat an zwölshundert Kindern zu üben. Der Verein hat die gewünschte Erklärung abgegeben, und in der nächsten Zeit wird Baron Hirsch im Sinne seines hochherzigen Angebots ein Capital von 350,000 Gulden deponiren. Brünn, 4. Januar. (Privatmitth.) Die gestrige Wählerversammlung war die stürmischste, welche hier seit zehn Jahren stattfand; besonders waren es die Antisemiten, welche j überaus heftige Scenen hervorriefen. Der Oberlehrer der hiesigen Karthauser Schule, ein bekannter Antisemit, weigerte sich nämlich, für die Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichtes an die Kinder dieser Confessivn ein Schulzimmer einzuräumen. Eine diesfalls vom israelitischen Cultusvorstand im November des Jahres 1886 an den damaligen Obmann der Brünner Ortsgruppe, vr. Promber, gerichtete Zuschrift wurde von diesem an die Centrale des Deutschen Schulvereins in Wien geleitet, welche die vom Cultusvorstande gewünschte Ordnung der Angelegenheit bereitwillig veranlaßte. Hiermit dürfte die Angelegenheit, welche hier viel Staub aufwirbelte, beendet sein. 3