Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1888)
- Date
- 1888-01-19
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 geschah es, daß er „sein Herz nicht zurückhielt von irgend einer Freude, und das Herz sich erfreute an aller seiner Mühe" (2, 10). Während aber der Verfasser „sein Herz sich an seinem Streben und der Mühe, die es ihm verursachte» erfreuen sah" (2, 22) und selbst „sein Herz in der Nacht nicht ruhte (2, 23) und er „sich Alles dies zu Herzen nahm" (9, 1), war das Resultat, daß sein Herz verzweifelte an aller seiner Mühe (2, 20). So kommt es, daß „des Menschen Herz sich mit Bösem füllet und der Wahn in seinem Herzen ist" (9, 3). Darum muß der Mensch eifrig sein Herz zu bilden streben, und Koheleth meint, daß die rechte Bildung des Herzens mehr durch Trübsal gefördert, durch die Freude dagegen vom Guten abgelcnkt werde (7, 3). Deßhalb verweist er auf „das Festhalten des Gesetzes", was er in seiner Allgemeinheit auf jedes Gesetz für den Menschen, Naturgesetz, Sittlichkeitsgesetz, sociales Gesetz bezieht. Er meint: Der Mensch hat freien Willen, aber er soll ihn darin bethätigen, daß er sich mit seinem Herzen, also von ganzem Herzen dem unterzieht, was höheres Gesetz für den Menschen ist, statt thöricht ihm zu widerstreben und dadurch unterzugehen. Nun hat „jede Sache Zeit und Folge", aber der Weisen Herz kennt Zeit und Folge" (8, 5. 6.). Es heißt dies, der Weise erwägt die Verhältnisse, unter welchen ein Gesetz als zu befolgen eintritt, sowie die Folgen, die auf dessen Beobachtung oder Hintenansetzung eintreten. So erscheint auch dem Koheleth das Herz als das Wesen der Dinge, ja als die innerste Organisation der Geschöpfe, in welche der Schöpfer das Gesetz der „beständigen Dauerhaftigkeit" gelegt hat (3, 11). Das Resultat ist dann: „Lasse dein Herz fröhlich sein in den Tagen deiner Jugendkraft und schaffe Kummer aus deinem Herzen und wandle in den Wegen deines Herzens und wohin deine Augen blicken, doch wisse, daß über alles dieses dich bringet Gott in das Gericht!" (11, 9. 10). — Wir sehen also, daß auch in Koheleth dieselbe Anschauung obwaltet, wie wir sie in der Thora und in den Psalmen kennen gelernt haben: Die Empfindungswelt, das Herz genannt, ist so zu sagen das Nervenleben des menschlichen Geistes, aus ihm fließen alle Bewegungen der Seele, und was die Thätigkcit des Geistes erschafft, kehrt zu ihr zurück, um bleibendes Leben zu erhalten. An sich ist diese Gefühlssphäre der Bode», aus welchem das Gute wie das Böse entsprießt. Der Mensch aber besitzt die Fähigkeit und Kraft, seine Empfindungswelt zu bilden und durch diese Bildung zu beherrschen.-Zum Schlüsse dieses Artikels wollen wir auf eine interessante Bemerkung im Hohen Liede, diesem poetischen Schmuckkästchen der heil. Schrift, aufmerksam machen. Sulamith will den Frauen des Königspalastes die Stärke ihrer Liebe zu ihrem Verlobten bezeichnen. Da sagt sie (5, 2): „Ich schlief und mein Herz wachte. Stimme meines Freundes! Er pocht: ,öffne mir' u. s. w." Der Dichter benutzt die psychologische Beobachtung, daß, wenn ein heftiger Affekt, ein Erwarten, eine Hoffnung oder Furcht und Sorge das Herz einnimmt, dieser, selbst wenn im Schlafe das Bewußtsein gewichen, doch so lebendig bleibt, um bei der geringsten Berührung den Schläfer zu wecken und zu den ihn beherrschenden Gefühlen zurückzuführen. Sie schläft, aber die Liebe wacht in ihrem Herzen, und sie schreckt bei den ersten Tönen seiner Stimme auf, begreift sofort die Situation und öffnet ihm die Pforte. Ergreifend ist auch der Ausdruck für die Stärke der Liebe und Treue in der herrlichen Stelle 8, 6 ff.: „O leg' wie einen Siegelring mich auf dein Herz, wie einen Siegelring auf deinen Arm! Denn gleich dem Tode stark ist Liebe, fest wie die Gruft ihr Eifer, ihre Gluthcn Feuergluthen, Gottesflamme!" Bekanntlich wurde in alter Zeit der Siegelring, welcher i» allen Verhandlungen die Person selbst vertrat, oft an einer Schnur auf dem Herzen getragen, um sich niemals davon zu trennen; der Verlust eines solchen Siegelringes wurde für ein besonderes Unglück erachtet. Die obigen Worte schildern also die Unauflöslichkeit, die Kraft und den heiligen Ursprung der wahren Liebe. — (Forschung folgt.) Wien, im Januar 1888. vr. Moritz Rappaport'sche Stiftung für Preisausfchreibungen. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde ersucht uns um Veröffentlichung folgender Mittheilungen: Im August 1885 hat das Comits der vr. Moritz Rappaport-Stiftung folgende zwei Preisfragen ausgeschrieben: I. Welchen Einfluß haben die hebräischen Psalmen ausgeübt auf die Gestaltung der Liturgie, auf die Entwickelung und Fortbildung der Hymnologie in den verschiedenen Kirche», vorzugsweise unter den modernen Völkern? II. lieber die Leistungen der Inden in Frankreich seit ihrer Gleichstellung auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Literatur und im bürgerlichen Leben. Die zweite Frage blieb unbeantwortet. Um den Preis der ersten Frage concurrirten zwei eingelanfene Arbeiten, von denen nach dem einstimniigen Urtheile der drei Preisrichter der Herren: Prof. Or. Anselm Ricker in Wien, Prof. vr. Franz Delitzsch in Leipzig und Prof, vr. David Kaufmann in Budapest, die mit dem Motto: „vsalterrum totius theologiae eonsummatio“ versehene Arbeit als preiswürdig anerkannt wurde. Bei Eröffnung des versiegelten Couverts fand sich der Name des Herrn Julius Steinschneider, cand. phil. in Berlin als Verfasser der preisgekrönten Arbeit.