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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-19 · Heft 3 (19.1.1888) · p. Seite 37

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 3 (19.1.1888)
Date
1888-01-19
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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37 ganz aubercu Ausgang als sie anstrebteu. Wie dem auch sei, auf die Dauer kann der Geist der Zeit nicht vergewaltigt und nicht in die Vergangenheit zurückgeschroben werden. Das „Her;" in -er Dibel. IV. Sobald der reflektirende Verstand in die Poesie eindringt, dieser Fragen zur Beantwortung stellt, welche eigentlich in die Metaphysik gehören, so weicht naturgemäß das Herz, der Sitz der Empfindungen, zurück. Es werden Begriffe definirt. Beweise angeführt, Schlußfolgerungen gezogen — diese können eben nur durch den Verstand vermittelt werden, das Gefühl spielt nur eine Nebenrolle dabei und nur sein Dasein, nicht aber sein Inhalt gehört in die Erörterung. Dies gewahren wir, den Psalmen gegenüber, in dem größten Meisterwerke der hebräischen Dichtung, im Hiob. Allerdings erwächst in ihm die große Frage, welche es behandelt, nach der Ausgleichung der göttlichen Gerechtigkeit im Leben des Menschen, aus dem Herzen, aus der Empfindung des bittern Leides, aus dem Kampfe des Gefühls der Unschuld mit der Vorstellung von der göttlichen Gerechtigkeit — aber sobald die Frage selbst gestellt wird, und die Erörterung über den Werth des einen mit dem des andern Gefühls eintritt, ist der Streit aus dem Bereiche des Herzens hinaus- und in die Thätigkeit des Verstandes hineingeschritten. Sehen wir von deren formalen Ausdrücken ab, wie „das Herz auf etwas legen", für die Aufmerksamkeit auf etwas richten (I, 8. 7, 17) und Worte aus dem Herzen hervorbringcn (8, 10), so vermischen sich im Buche Hiob die Grenzen zwischen Herz und Verstand nicht selten, so daß wir mit Einsicht, Erkenntniß, Verstand übertragen müssen, z. B.: „der den Volkshäuptern das Herz nimmt (12, 24. 17, 4). Dennoch weiß auch der Dichter des Hiob den unendlichen Werth des Herzens für den Menschen zu schätzen. Er sieht, daß im Herzen die Absichten und Pläne der Men-! schen entstehen und sich darin „bergen", bis sie zur Ausführung gereift sind (10, 13). Für ihn ist betreffs des sittlichen Werths des Menschen „ein Herz haben" entscheidend (12, 3); das Herz ist ihm ein „Erbgut", das von den Vätern auf die Kinder übergeht (17, 11). Im Herzen waltet das Gewissen, und man muß das Herz „stärken" zum offenen Bekenntniß (II, 13); und der Dichter würdigt es sehr, wenn das Herz einen „freispricht" von der Schuld, die ihm Andere zuschreiben (27, 6). Wohl „bricht" das Herz vor allzu starkem Andrang des Leides (23, 16); dann aber giebt cs auch solche, denen das Herz „aus Stein gegossen" scheint (41, 16). Aber in dem Herzen entspringt auch die Leidenschaft, er frägt: „Was reißt dein Herz dich hin? was rollen deine Augen? daß lvidec Gott du wendest deinen Geist?" (16, 2). Im Herzen sagt der Zweifler Gott ab (1, 5). Das Herz ist es, das „den Augen nachwandelt" und sich „zu einem andern Weibe bethören läßt" (31, 7. 9). Wie schön schildert er (37, 1): „wie bebt mein Herz, und zittert auf von seiner Stelle", wenn der tosende Sturm losbricht (37, I). Will man aber weise werden, so gehört dazp ein warmes Herz, mit dem man „die weisen Sprüche auffaßt" und solche Liebe zu ihnen gewinnt, daß man sie in Thaten umsetzt (22, 22). Darum rühmt der Dichter „die Männer von Herz" (34, 10) und schreibt selbst Gott zu, daß er „mächtig an Kraft des Herzens" ist (36, 5), also alle Empfindungen in höchster Reinheit und Energie in sich vereinigt. — — Um so mehr wird man sich, bei der Forschung über den Werth und die Bedeutung der Herzensbildung und deren Entwickelung in den biblischen Schriften, für ein Buch interessiren, in welchem auch die Poesie zurückgewichen ist und der restektirende Verstand allein den Platz eingenommen hat: Koheleth. Wir haben schon wiederholt anseinandergesetzt, wie in Koheleth eine, dem Hebraismus sonst fernliegende pessimistische Stimmung Ausdruck gefunden, immer jedoch auf dem festen Boden des Gottglaubens und der Sittlichkeit, und wie schließlich doch die Lebensfreude in Unschuld und Gerechtigkeit, besonders vor den Tagen des Alters, siegt und anempfohlen wird. Deshalb werden wir erfahren wollen, inwieweit auch hier unter den kühlen Strahlen des Verstandes, ja des Zweifels der ursprüngliche Geist des Hebräer- » thums, der die Herzensbildung als das elementare Leben der menschlichen Seele ansieht, durchgedrungen sei. Und siehe da, es ist dieselbe Anschauung vom Herzen und der Herzensbildung, die wir in diesem spät abgefaßieu Buche lviederfinden. Das Herz ist dem Verfasser desselben der Grund und der Faktor alles geistigen Lebens, und das Resultat aller Erfahrung und Erkenntniß wird wieder vom Herzen aufgefaßt und setzt sich in demselben als Gesinnung und Ueberzeugung fest. Immer wiederholt wird das Wort: „Ich richtete mein Herz darauf, zu erforschen und zu erkunden mir Erkenntniß Alles dessen, was geschieht unter dem Himmel", und „mein Herz hat viel Erkenntniß und Wissen geschaut", und ich hatte mein Herz darauf gerichtet, Weisheit zu wissen und Wahn und Thorheit zu wissen" (1, 13. 16. 17). Aus dem Herzen entspringt alles Streben und alle Lenkung des Geistes, ja sogar das Doppelstreben, der Weisheit und der Narrheit nachzufolgen, bis das Richtige erkannt wird. So sagt er (2, 3): „Da erdacht' ich in meinem Herzen, meinen Leib zu leiten mit Wein, während ich mein Herz mit Weisheit lenkte, und festzuhalten an der Narrheit, bis daß ich sähe, was wohl gut sei für die Menschensöhne, daß sie thäten unter dem Himmel die Zahl der Tage ihres Lebens." So

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