Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1888)
- Date
- 1888-01-19
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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36 jenigen jöibent ihre Bestrebungen am wirksamsten, welche in optimistischer Verblendung die wahre Sachlage verdunkeln, welche behaupten, es sei im Grunde Nichts vorgefallen, oder was etwa vorgefallen sei, beruhe auf Mißverständniß und sei längst wieder gut gemacht worden. Nun, das Nothwendigste ist, den Dingen, wie sie wirklich liegen, klar in das Auge zu sehen, und da muß man sagen, daß die Versammlung beim Grafen Waldersee die Vertreter der äußersten kirchlichen Reaction in einer Lage gezeigt hat, welche für sie die denkbar günstigste war, und daß sie sich nur dazu gratuliren können, wenn ihre Gegner sich in absichtlichen Täuschungen wiegen." Jndeß läßt sich Stöcker und seine Genossenschaft nicht abhalten, die ihm wieder gewordene günstige Stellung möglichst auszunutzen. Ihm kommt es darauf an, unter dem Schutze des Prinzen Wilhelm recht viele neue Anhänger und bedeutende Geldmittel zu erhalten. Dafür spricht folgendes: Das Hilfscomito für die Stadtmission der evangelischen Landeskirche hat einen gedruckten Aufruf zur finanziellen Unterstützung seiner Zwecke vorläufig ohne Namensunterschriften erscheinen und in Umlauf setzen lassen. In diesem Aufrufe heißt es im Eingänge: „Mit Ermächtigung Sr. Majestät des Kaisers und Königs wollten Seine königliche Hoheit Prinz Wilhelm von Preußen im vergangenen Frühjahr zum Besten der Berliner Stadtmission eine große Festlichkeit veranstalten. Wegen der Unsicherheit der politischen Lage wurde dieser Gedanke verschoben; er ist auch jetzt im Hinblick auf die ernsten Verhältnisse unseres Königshauses unausführbar. Aus demselben Grunde ist ein Bazar, der unter dem Protectorat Ihrer königl. Hoheit der Frau Prinzessin Wilhelm von Preußen stattfinden sollte, aufgegeben. Da aber die Stadtmission der Unterstützung jetzt gerade dringend bedarf, und von ihren königl. Hoheiten die gütige Absicht, dazu mitzuwirken, ausgesprochen ist, so haben die Unterzeichneten in einer Zusammenkunft, welche im Beisein ihrer königl. Hoheiten ftattfanb, den Plan gefaßt, sich mit einer Bitte um Hilfe unmittelbar an die Freunde der Stadtmission zu wenden." Die Bitte zur Abhilfe der kirchlichen Noth richtet sich an alle Freunde der Stadtmission auch in den Provinzen, da die Unterstützung der Berliner Mission nicht einzig und allein ins Auge gefaßt ist, sondern „den bestehenden Stadtmissionen in allen Provinzialstädten die hilfreiche Hand gereicht werden soll." Der Aufruf schließt: „Es gilt nun, unter dem lebendigen Antrieb, welchen wir von der hochherzigen Theilnahme Ihrer königl. Hoheiten empfangen haben, diese Bitte um Hilfe freudig und thätig zu verbreiten. Der Nothstand ist groß, aber die Hilfe kommt noch nicht zu spät, und der Segen ist groß. Wer Liebe säet, der erntet Freude. Lasset uns Gutes thun Jedermann, allermeist an des Glaubens Genossen." Hieran schließt sich noch folgender Briefwechsel: Berlin, 7. Jan. Dem Prinzen Wilhelm ist aus Anlaß des Jahreswechsels seitens der Berliner Hof- und Domprediger nachstehender Glückwunsch zugegangen: „Durchlauchtigster Prinz, gnädigster Herr! Durchlauchtigste Prinzessin, gnädigste Frau! Euren Königlichen Hoheiten nahen sich die treugehorsamsten Hof- und Domprediger zum Beginn des neuen Jahres mit den innigsten Segenswünschen. Durch den Ernst der Zeit, wie durch die schwere Heimsuchung, welche auf dem Königshause ruht, sind wir zu besonderer Fürbitte bewegt. Gott der Herr mit seiner Allmacht und Barmherzigkeit walte, wie in vergangenen Tagen auch in Zukunft über unserem Vaterlande, er halte insonderheit seine Gnadenhand über dem Leben Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen und lasse denselben seine Durchhülfe und Tröstung reichlich erfahren. Eure Königlichen Hoheiten aber und ihr Haus segne der treue Gott über Bitten und Verstehen. Wenn Sie es in den letzten Wochen des alten Jahres erfahren haben, daß auch das lautere Eintreten für die Arbeit des Reiches Gottes nicht ohne Widerspruch bleibt, so sei das Wort des Herrn Ihr Licht: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater." In tiefster Ehrerbietung verharren Eurer Königlichen Hoheiten unterthänigste Hof- und Domprediger Berlin, den 31. December 1887. (gez.) Kögel. Stöcker. Schräder. Bayer. Der Prinz hat hierauf die folgende Antwort ertheilt: Potsdam, den 3. Januar 1888. Das Hof- und Dom- Ministerium hat mich durch seine zur Jahreswende dargebrachten freundlichen Glück- und Segenswünsche wieder herzlich erfreut. Die mir ausgedrückte Theilnahme an dem Befinden Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen, meines inniggeliebten Vaters, hat mich besonders tief gerührt. Ich beuge mich vor der Autorität der ärztlichen Wissenschaft, erhoffe aber mit den Weinigen und der gesammten Nation, daß die kräftige Natur meines Vaters, unter gnädiger Hülfe des Allmächtigen, die ernste Krankheit überwinden werde. Die von Ihnen erwähnten Mißdeutungen, welche mein Eintreten für das Wohl der geistig und körperlich Nothleidenden vielfach hervorgerufen hat, haben mich schmerzlich berührt, sie werden mich aber nicht abhalten, dein Borbilde unseres erhabenen Kaisers und meines rheureu Vaters folgend, unbeirrt von politischen Parteibestrebnngen, stets zur Hebung des Wohles aller Nothleidenden nach Kräften beizutragen. (gez.) Wilhelm, Prinz von Preußen. Wir schließen hiermit heute unsere Betrachtung über die Berliner Vorgänge, eine bestimmte Folgerung für die Zukunft läßt sich noch nicht ziehen. Allerdings ist die Gegenwart umwölkt; aber es giebt doch einen Lenker da droben, und was die Menschen beabsichtigen und planen, erhält oft einen