Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1888)
- Date
- 1888-01-19
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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35 die Dauer imponiren müsse. Die Partei habe tapfer gekämpft, aber es sei ihr nicht die Unterstützung zu Theil geworden, die sie habe erwarten können. Namentlich in Geheimraths- und Geh. Kommerzienrathskreisen habe sie wenig Freunde und sei dort noch weniger beliebt als die Socialdemokratie. Die Wohlhabenden und Gebildeten hätten sich ihrer nicht genügend angenommen. Die neuesten Angriffe zeigten, wie der Wind wehe. Man wolle sich nicht an unpopuläre Personen anschließen. Die Unpopularität der christlich-socialen Bestrebungen und Personen bewiesen aber nichts; Bismarck sei bei der Inauguration seiner großen deutschen Politik auch unpopulär gewesen. Die Angriffe der gemeinen Blätter wie der fortschrittlichen seien leicht begreiflich, unerklärlich aber sei es, wir die „Norddeutsche Allgem. Zeitung" und die „Post" (Zwischenrufe: Auch „Judenblätter!") diesen secundiren könnten. Aber möge es „Post", „Norddeutsche Allgemeine" oder „Nationalzeitung" sein, die ihre Angriffe gegen die Christlich-Socialen richteten, die Partei werde sich dadurch nicht beirren lassen. Redner besprach dann noch des Weiteren das gegenwärtige wirthschaftliche System und dessen Rechtsordnung und die drohende politische Lage, der gegenüber sich erfreulicher Weise alle Parteien einig zeigten. Diese Erscheinung gebe auch für die sociale Politik im Innern neuen Muth, den Muth, staatssocialistisch zu bleiben mit Vertrauen auf Gottes Hilfe, aber mit mehr Conseqnenz als „Post" und „Norddeutsche Allgemeine Zeitung". Während des Commerses circulirte zur Unterschrift eine Adresse an den Prinzen Wilhelm, worin demselben der Dank für die Unterstützung eines Werkes der sittlichen und religiösen Erziehung und Bildung der Jugend ausgesprochen wird." Es versteht sich, daß dies nicht ohne Antwort blieb: Ueber Herrn Wagner's Goethecitat und den Ruf „Judenblatt" quittirt die „Nordd. Allg. Ztg." wie folgt: „Nulla dies sine linea: kein Tag ohne Ausfall der christlich-socialen Organe gegen die „Nordd. Allg. Ztg."; vorgestern der „Neichsbote", gestern die „Kreuzztg.", heute die „Conserv. Corresp." und daneben die „Redner" der Coterie und ihrer Corona, deren politisches Begriffsvermögen in logischer Folge der an sie gewandten politischen Pädagogik in dem Gebrüll „Judenblätter" culminirt. Neben seinen mannigfachen ernsten Seiten hat dieses Treiben, das zugleich mit naiver Unverfrorenheit beansprucht, mit seiner Haltung ein Recht auf das Monopol der Staatserhaltung und der Sorge um das Ansehen der Krone zu erlangen, einen so unwiderstehlich belustigenden Charakter, daß es als Einleitung zum Carnevalsulk vielleicht zeitweise aceeptirt werden könnte." Stöcker, Wagner und Genossen Carnevalsredner, das will für einen König!. Preuß. Hofprediger und einen geheimräthlichen Professor der Staatswisienschaft an Deutschlands erster Hochschule schon etwas sagen." — Sehr beachtenswerth ist, was die „Breslauer Zeitung" über die gegenwärtige Situation und namentlich über die Berliner „Stadtmission" schreibt: „Man weiß nicht, ob man es nur als Gedankenlosigkeit bezeichnen oder auf schlimmere Motive zurückführen soll, wenn manche liberale Correspondenten sich gar nicht darin genug thun können, auszuführen, eine wie schwere Niederlage Herr Stöcker und die christlich - sociale Partei erlitten, indem sie von inspirirten Organen so entschieden desavouirt worden seien. Die „kleine, aber mächtige Partei", die, je nach dem Zwecke, den sie augenblicklich verfolgt, unter verschiedenen Namen auftritt, die in früheren Zeiten Treubund und Preußenverein geheißen hat, die eine Zeit lang als „Declaranten" bezeichnet wurde, die man heute gewöhnlich agrarische, daneben auch christlichsociale Partei heißt, hat an jenem Abend beim Grafen Waldersee gezeigt, welche Hoffnungen sie für die Zukunft hegt, und worauf sie diese Hoffnungen gründet. Sie hat allen strebsamen jungen Leuten gezeigt, wie die Parole für die Zukunft lautet, und nachdem dies geschehen, kann sie eine Zeit lang den Lauf der Dinge in großer Ruhe abwarten. In einigen Zeitungen, die der Regierung gern Dienste leisten, ohne daß die Regierung sich durch dieselben verpflichten läßt, sind jener Partei einige sehr unangenehme Dinge gesagt worden, die ihr nicht wehe gethan haben. Inzwischen erfreut sich Herr Stöcker in sehr einflußreichen Kreisen der wärmsten Freundschaft, und der große Erfolg, welchen die conservative Partei der antisemitischen Rede des Herrn Böckel hat zu Theil werden lassen, liefert den Beweis, welche Bestrebungen heute zeitgemäß sind. Und wenn Herr Stöcker in diesem Augenblicke über irgend etwas Bedauern empfindet, so ist es vielleicht nur darüber, daß er sich von Herrn Böckcl hat an Eifer überflügeln lassen. Auf der Synode hat die kirchliche Mittelpartei der Berliner Stadtmisfion in ähnlicher Weise ihre Huldigungen dargebracht, wie es die Nationalliberalen im Reichstage und dem Landtage gegenüber den Conservativen gethan haben. Als vor vierzehn Jahren die Declaranten gegen die Politik Camphausen-Delbrück zu Felde zogen und bei dieser Gelegenheit nicht davor zurückschreckten, die Person des Reichskanzlers in den Kreis ihrer Angriffe zu ziehen, hat man auf liberaler Seite über die Niederlage gejubelt, die sie sich dabei zuziehcu würden. Und was ist der Ausgang gewesen? Die Declaranten haben ihr wirthschaftlickes Programm vollständig durchgesetzt, von der Börsensteuer bis zu den Getreidezöllen und der Einschränkung der Gewerbefreiheit. Etwas langsam ist es gegangen, aber durchaus stetig. Und wenn sie nur vorwärts kommen, wissen sie sich darin zu schicken, daß sie nur langsam vorwärts kommen. Nachdem sie ihr wirtschaftliches Programm durchgesetzt, werden sie auch ihr christlichffociales Programm durchsetzen, vielleicht eben so langsam, aber auch eben so sicher. Und sie werden siegreich bleiben, bis der liberale Hauch einmal im Volke wieder mächtig wird. Die-