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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-19 · Heft 3 (19.1.1888) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 3 (19.1.1888)
Date
1888-01-19
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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84 um der Herrschaft der Orthodoxie neue Wege zu öffnen und womöglich die Massen dafür zu gewinnen. Dies konnte nur seinen fanatischen Eifer gegen die Juden stärken, denn er sah seine Widersacher in den Liberalen, besonders den Freisinnigen, in den Juden und in der Socialoemoklatie. Die factische Verkörperung seiner Partei fand Stöcker in der „Stadtmission", deren Haupt und Leiter er wurde. Jndeß kam die genannte Partei nicht vorwärts, schien vielmehr, besonders durch gewisse Erlebnisse Stöckers zum Rückgang verurtheilt. Ihre Gegner sprachen immerfort von der Ohnmacht und dem Zusammenbruch derselben. Da geschah es Ende November, daß erne Versammlung zu Gunsten der „Stadtmission" bei dem Grafen Waldersee stattfand, in welcher der Prinz Wilhelm und Stöcker die Hauptreden hielten, die Führer der conservativen Partei zugegen waren, und sowohl die politischen als die kirchlichen Zwecke, die man hierbei im Auge hätte, zum Ausdruck kamen. Wir brauchen die Bedeutung dieses Vorganges nicht zu betonen, noch dazu unter den gegenwärtigen Umständen, wo unser allverehrter Kaiser und König ein so hohes Lebensalter erreicht hat und der Kronprinz an einer mit Gottes Hülfe nicht gefährlichen, aber doch langwierigen KrantyUt leidet. Da kam ein neuer Zwischenfall. Tie officiöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" und die freiconservative „Post" brachten heftige Artikel gegen „diese Stöckerei und Muckerei", und es entspann sich eine scharfe Polemik zwischen diesen Blättern und den Organen der conservativen und der christlich-socialen Partei, wobei die ersteren ihren Standpunkt festhielten. Selbstverständlich geht daraus hervor, daß man in den höheren regierenden Kreisen das Hervortreten für die Stadtmission und die christlichsociale Partei nicht billige, daß aber diese mit ihrem conservativen Anhang von Neuem sich stark und voll Hoffnung auf die Zukunft fühle. Man lese nur den Bericht der „Franks. Ztg." vom 4. Januar: „Die Christlich-Socialen begingen gestern Abend ihr zehnjähriges Stiftungsfest. Einem Bericht der „Poü" über dasselbe entnehmen wir Folgendes: Hauptredner des Abends war Hofprediger Stöcker, welcher in längerer Ausführung ein Bild von der zehnjährigen Geschichte der Partei entwarf. Trotz aller Angriffe, bemerkte Redner, sei die Partei nicht untergegangen und habe heute noch denselben Muth, wie vor zehn Jahren. Der Versuch, dieselbe auf den Jsolirschemel oder vielleicht auf den Moquirstuhl zu setzen, werde nicht gelingen. Die Berliner Bewegung und die christlich-sociale Partei seien unzertrennlich und kein Blatt werde im Stande sein, sie auseinander zu bringen. Wollte ein Blatt einen derartigen Versuch machen, so werde man es zerreißen. Bei der Begrüßung der einzelnen Gruppen der Gäste wandte sich Redner insbesondere auch an die Vertreter desjenigen Theils der conservativen Presse, der in den Kämpfen der letzten Tage kühn und scharf für die Sache der Christlich Socialen eingetreten sei. Zu den vier Abgeordneten der Cbristlich-Socialen aus Dresden gewandt, pries Redner die Erfolge der Partei in Sachsen und speciell in Dresden. Die Geschichte der Partei sei dort eine glücklichere als in Berlin. Sie habe aber dort auch keine Juden gegen sich, wenigstens keine so mächtigen Juden und auch keine Norddeutsche Allgemeine Zeitung, die von Zeit zu Zeit das schöne Wachsthum hindere. Trotz alledem sei die Partei in Berlin an der Tste geblieben; sie sei nie ein todtes Gewicht gewesen und werde um so länger leben, je mehr man sie todt sage. In den Kampf sei er (Redner) nicht aus Muthwillen oder Vergnügen am Lärm eingetreten, sondern um Berlin, dessen Leben er vergiftet gefunden und das an der Redlichkeit und an der Kirche Schiffbruch gelitten habe, nicht dauernd in die Hände der Mörder fallen zu lassen. Wenn die christlich-sociale Partei infolge des Mißtrauens und der mittelparteilichen Tendenzen auch noch keine Volkspartei und keine politische Actionspartei geworden sei, so stelle sie doch eine starke Agitationspartei dar, die wie ein Keil zwischen Socialdemokratie und Fortschritt sich eingeschoben habe und der man alle Erfolge verdanke. Ohne ein Feind des Cartells zu sein, solange es dem Vaterlande nütze, werde, er mit den Christlich-Socialen die Front gegen Socialdemokratie und Fortschritt beibehalten, nicht minder aber auch gegen die unerträglichen Anmaßungen des Judenthums und gegen die Halben, die nicht wüßten, was sie wollten. Pastor Seydel-Dresden bezeichnete in seiner Betrachtung über die Entwickelung der Partei in Dresden den Reichskanzler als geheimes Mitglied der christlich-socialen Partei, der sich gewiß bald auch offen als solches bekennen werde. Den Schmähungen, Verlästerungen und Verläumdungen der Partei gegenüber könne man sich mit dem Beispiel der Katze trösten, die immer auf die Beine zu stehen komme, wenn sie vom Dache falle. Dr. P. Förster behandelte die verschiedenen antisemitischen Strömungen, die gleiche Berechtigung aller und die Nothwendigkeit der Eintracht. Wenn er auch in vielen Be- Ziehungen die Anschauungen der Christlich-Socialen nicht theile, so habe er sich doch für verpflichtet gehalten, zu diesem Feste zu erscheinen, weil es eine Demonstration sei gegen die Angriffe von Seiten der Officiösen und Aristokraten, die es unternähmen, Stinkbomben ans einen Mann zu werfen, der sich große Verdienste um das Vaterland erworben habe. Sv schmachvollen Angriffen gegenüber sei es geboten, seinen politischen Muth zu zeigen. Zum Schluß ergriff Prof. Dr. Ad. Wagner das Wort und bemerkte zunächst, daß er aus persönlichen Gründen lieber nicht gesprochen hätte, aber dem Drängen seines Freundes nachgebe. Redner wies den vorher gespendeten Dank von seiner Person ab und Hosprediger Stöcker zu, dem Manne mit Nerven von Stahl, vor dem er den höchsten Respect habe und der auch dem Gegner aus

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