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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-19 · Heft 3 (19.1.1888) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 3 (19.1.1888)
Date
1888-01-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine des Iudenlhums. Ein »»Wittiischcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GzepeöiLion: Leipzig, Woßplnh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 19. Januar 1888. Nr. 3. Inhalt. Leitende Artikel: Die christlich-sociale Partei. — Das „Herz" in der Bibel. — Dr. Moritz Nappaport'sche Stiftung für Preis ausschreibungen. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Stuttgart, Bielefeld, Oranienburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Aus meiner Knabenzeit. X. Bonn, den 15. Januar. Die christlich-sociale Partei. Seitdem der Staat und das Volk bestehen, giebt es Regierende und Regierte. Es kommt dabei auf die Staatsverfassung gar nicht an, ob Despotismus, Absolutismus oder Consiitutionalismus, ob Monarchie oder Republik oder Demokratie, ob Oligarchie oder Ochlokratie denn überall haben die Regierenden die Executive inne, und üben selbst auf die Wahl der Volksvertreter einen großen Einfluß; ja selbst die aufrührerischsten Haufen stehen unter der Herrschaft ihrer Agitatoren, so oft die letzteren auch wechseln. Deshalb ist es für die Regierten von größter Bedeutung, die Meinungen und Tendenzen zu kennen, welche in den regierenden Kreisen vorhanden oder herrschend sind. Denn hieraus ergiebt sich für die einzelnen Classen des Volkes, in wie weit sie Begünstigung oder Benachteiligung, Förderung oder Hintenansetzung zu erleiden oder für die Zukunft zu erwarteu haben. Wie die Dinge gegenwärtig liegen, gehört zu diesen Classen ganz besonders die Bevölkerung jüdischer Religion, und es ist deshalb durch die letzten Vorgänge für diese zu einer brennenden Frage geworden, in wie weit die christlich sociale Partei in den regierenden Kreisen eine vorgerückte und ausgedehnte Stellung gewonnen habe. Die christlich-sociale Partei, welche sind die Grundsätze ihres Programmes? welche Tendenzen verfolgt sie? Die Antwort hierauf müssen wir schuldig bleiben, denn mag man alle Aeußerungen derselben und die zahllosen Reden ihres Gründers und Hauptes Stöcker und seines Lieutenants Prof. Wagner durchforschen, erhält man nicht die geringste Gewißheit. Es ist allein die Sonntagsruhe, welche sie ganz bestimmt erzielen will, obschon bei den letzten Verhandlungen hierüber im Reichstage Stöcker Schweigen beobachtete, als sich die Regierung gegen ein unbedingtes Sonntagsruhegesetz aussprach. Einige gelinde Vorwürfe wurden Stöcker deshalb von einigen seiner Anhänger gemacht, aber der gewandte Mann fand leicht eine Ausrede. Was aber unzweifelhaft ist, das ist, daß die christlich-sociale Partei die allmächtige Herrschaft der kirchlichen Orthodoxie anstrebt und sich mit dem Antisemitismus identificirt hat. Hinsichtlich der socialen Fragen gefällt sich die Partei in nichtssagenden und zu nichts verpflichtenden Phrasen. Man schimpft in ihren Versammlungen gegen das Capital, verheißt Schutz gegen die Ausbeutung des Volkes, läßt aber die Mittel, die hierhin führen sollen und für welche die Partei sich ins Zeug werfen will, völlig ini Dunkeln. Darin widerspricht sie dem von ihr gewählten Namen nicht, denn nach den Aussprüchen des Neuen Testaments hat das Christenthum die socialen Fragen als „nicht von dieser Welt" auf sich beruhen lassen und nicht einmal gegen die Sklaverei sich erklärt, wie denn im ersten halben Jahrtausend nach ihrem Entstehen die Kirche selbst Sklaven besaß. Die Partei, von der wir sprechen, ist aus dem Antisemitismus, hervorgegangen. Für diesen trat Stöcker zuerst in möglichst greller Weise ein, und als er für diesen einen Anhang gefunden, stiftete er die christlich-sociale Partei,

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