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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-12 · Heft 2 (12.1.1888) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 2 (12.1.1888)
Date
1888-01-12
Page
Seite 29 (sequence 13)
Language
German
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suchen, und gab diesem Gesetze rückwirkende Kraft auf meinen Bruder. Er entschloß sich schnell, Packte sein Sachen und reiste nach Berlin. Hier gab es aber eine neue Scbwierigkeit. Damals wurde noch das Verbot der Niederlassung für ausländische Juden streng gehandhabt. Auch diesmal nahm er seine Zuflucht zu Curt Sprengel. Dieser, ein Freund des preußischen Ministers Altenstein, empfahl ihn so nachdrücklich, daß meinem Bruder das preußische Staatsbürgerrecht verliehen wurde. Er machte die gesetzlichen Prüfungen durch und ließ sich vorerst in Magdeburg nieder. Bei der Annäherung der Cholera im Jahie 1832, wollte ihn die Anhaltische Regierung, nachdem er sich durch seine, in mehreren Auflagen erschienene Schrift: „Die Cholera morbus'' bekannt gemacht, nach Dessau ziehen; er lehnte es ab. — Gerade der eifrig strebende Geist bedarf innerhalb seiner ernsten Studien einer Abwechselung, einer Erfrischung und Erholung, um mit neuen Kräften an seine Thätigkeit zu gehen. Diese goldene Regel blieb auch bei mir nicht unbeachtet und wurde durch öftere Fußwanderungen von mir bethätigt. Der Leser wird es daher gut aufnehmen, wenn ich ihm von solchen erzähle, die ich während meiner Schulzeit ausgeführt habe. Es ist eben ein so großer Unterschied zwischen dem damaligen und dem jetzigen Reisen, daß eine Schilderung jener Vielen willkommen sein möchte. Ich sehe ab von den oftmaligen Wanderungen von Halle nach meiner Vaterstadt, zu den Schulferien. Es war immerhin eine Entfernung von fünf deutschen Meilen, also eine Tagereise. Aber die Freude, die Meinigeu wiederzusehen, beflügelte die Schritte und ließ eine Ermüdung nicht aufkommen. Doch von einer will ich erzählen. Es war vor den Weihnachtstagen, das Wetter war bis dahin milde, wenn auch regnerisch gewesen. Aber in der Nacht, bevor ich aufbrach, schlug es um, ein eisiger Nordwind brachte einen strengen Frost und bekleidete von Zeit zu Zeit die Flur mit einer Schneedecke. Der Weg ging über die kleine Stadt Zörbig und mehrere Stunden hinter derselben begann der Wald, damit die Anhaltische Grenze und damit die Heerstraße, die geradeaus von Westen nach Osten in einem rechten Winkel auf die Heerstraße von Leipzig nach Dessau stieß. Von diesem Kreuzungspunkte ging die Straße nach Norden, und eine halbe Stunde vor der Stadt trat man aus dem Walde und ging es durch die Ebene, von einer Pappelallee begleitet. An dem gedachten Tage wurde, wie man sich denken kann, das Wandern recht schwer, und mir noch schwerer, da ich mein Ränzel stark bepackt hatte. Außer einigen Geschenken für die Mutter, hatte ich ein neues lateinisches Lexikon in zwei Bänden für meinen jüngeren Bruder erworben, der auf dem Gymnasium gute Fortschritte machte. Als ich schon sehr ermüdet zum Walde kam, steigerte sich der Wind zum Sturm, es knackte und stürzte im Walde von Aesten und ganzen Stämmen, welche dem Sturm nicht zu widerstehen vermochten, und mich peinigte die Furcht, daß mich eine dieser Föhren treffen oder mir den Weg versperren könnte. Der Mond war aufgegangen, aber immer wieder bedeckten ihn die eilenden Wolken, so daß es bald etwas hell, bald dichtes Dunkel um mich ward. Um mir Muth zu machen, sang ich einen Psalm vor mir hin. Aber noch schlimmer wurde es, als ich aus dem Forste herauskam. Der eisige Nord wehte mir entgegen, Eisnadeln fuhren mir ins Angesicht, jeder Schritt mußte erkämpft werden. Endlich kam ich an's Thor, es war gegen zehn Uhr. Ich schlürfte nur noch so dis in die Straße, wo meine Mutter wohnte. Sie sah voll Besorgniß zum Fenster hinaus, und als sie auf der einsamen Straße die schleppenden Schritte eines späten Wanderers hörte, rief sie mich mit Namen an. Ich antwortete, und schnell stürzte mein Bruder zur Hausthüre, um sie zu öffnen. Er schob mich die Treppe hinauf und ich sank auf das Sopha. Bald stand die wärmende Suppe vor mir, und die Mutter, die wohl gehört, daß ich anfänglich ins Geheim vor meinem Bruder zu rauchen angefangen, brachte mir eine schöne Pfeife entgegen und einen Beutel guten Knasters, mir so zugleich die Erlaubniß gewährend, nach Herzenslust zu paffen. Da war schnell alle Noth vergessen! Unsere Kinder haben es leichter, aber sie empfinden auch nicht den Genuß, nach Ueberwindung von Schwierigkeiten, nach Ertragung von Strapazen sich auszuruhen und einen Sieg über die Hindernisse und Mühsale errungen zu haben! *) 1) In der vorigen Nummer dieser Artikel bemerkte ich, wie naiv unser Geschmack war, als wir die Säulen der Skala in Mailand blau, die Capitäler und Giebel mit Gold und den Abendhimmel roth anmalreu. Ich dachte bei dem Niederschreibeu jener Zeilen nicht daran, daß auch die Griechen ihre architektonischen Prachtwerke polychromatisch bemalt haben. In diesen Tagen las ich in dem trefflichen II. Bande der „kleinen Schriften zur Geschichte und Cultur" von Ferdinand Gregocovius (Leipzig 188-s) von den Tempelruinen Selinunths in Sicilien, daß „nicht nur die Giebelflächen, der Grund der Metopen und die Triglyphen und Gesimse in roth oder blau, schwarz und grün gemalt waren, sondern auch der Capitäler und Hohlstreifen der mit Stuck überzogenen Säulen." Hiermit waren unsere Malversuche gerechtserligr. — Da ich einmal bei Bemerkungen bin, so will ich noch hervorheben, daß meine Erklärung des somnambulen Zustandes aus dem Jahre 1838, die ich in der Anmerkung citire, nicht meine subjective Meinung gewesen, sondern die damals in wissenschaftlichen Schriften verbreitete war. (Forschung folgt.)

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