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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-12 · Heft 2 (12.1.1888) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 2 (12.1.1888)
Date
1888-01-12
Page
Seite 28 (sequence 12)
Language
German
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28 einsamen Höhe auf weiter Ebene. Trotz eines nur zweitägigen Aufenthaltes, bekam ich doch einen Begriff von dem Leben auf einem solchen Hofe. Wir erstiegen den Petersberg, besahen die auf ihm befindliche alte Kirche und den Friedhof mit uralten verwitterten Grabsteinen. Mein Freund bekleidete alles dies mit einer farbenprächtigen Romantik. Am Abend des zweiten Tages wanderte ich bei hellem Mondschein nach Halle Zurück und — sah den Freund nicht wieder. Kurze Zeit nachher starb sein Vater und er ging auf das Gymnasium in Nordhausen über. Es verhält sich so mit allen Freundschaften auf Schule und Universität; die Wege laufen auseinander und kreuzen sich nicht wieder; die Interessen werden andere und die scheinbar so innigen Beziehungen verflüchtigen sich allmälig ganz. — So gingen neben meinen Schularbeiten die eigenen Studien eifrig fort. Aus meinen früheren Verhältnissen heraus hatte ich gelernt, daß die Selbsthülfe unentbehrlich ist, um ein gutes Ziel zu erreichen. Ich war von Natur lebhaft und womöglich flüchtig, wenigstens eilig. Ich suchte dies in mir zu bekämpfen, und um mich an Ausdauer zu gewöhnen, machte ich z. B. ein Wörterverzeichniß zu den Aphorismen des Hippokrates. Ich machte besonders im Lateinischen und Griechischen schnelle Fortschritte, und zwar durch eine Methode, die ich mir selbst gebildet und die mir noch empfehlenswerth erscheint. Ich übersetzte nämlich z. B. ein Stück von einer Rede Cicero's oder ein Gespräch des Sokrates bei Kenophon schriftlich. Dann las ich das Original mehrere Male laut durch und übersetzte meine Uebersetzung mündlich in die Ursprache zurück. Bei dieser andauernden Hebung drang ich in den; Geist des Autors besser ein, und prägte mir zugleich dessen! Phraseologie ein. Mit der Zeit erlangte ich auf diesem Wege eine große Fertigkeit im Sprechen und Schreiben des Latein, was mir auf der Universität sehr zu Statten kam. — Es waren glückliche Jahre, die ich auf dem Gymnasium verbrachte, und es ging mir auch materiell recht gut. Der Erwerb aus dem nach und nach sich vermehrenden Religionsunterrichte deckte viele Bedürfnisse. Mein Mittagsbrod nahm ich Anfangs bei dem alten Vorbeter, aber die da obwaltende Unwissenheit vertrieb mich von seinem Tische. Da erhielt ich in einer wohlhabenden jüdischen Familie das reichlich versorgte Mittagsessen, wofür ich nur die Verpflichtung hatte, an einem Abend in der Woche dem Hausherrn einen mündlichen Vortrag aus dem Bereiche der Natur und aus Reisen zu halten. Es kam mir dabei das schon erwähnte, umfangreiche Reisesammelwerk von Christian Sprengel sehr zu Statten, und mein gutes Gedächtniß bewährte sich vortheilhaft. Doch will ich nicht verschweigen, daß ich meiner knabenhaften Phantasie nicht selten die Zügel schießen ließ, um Personen und Scenerien wirkungsreich auszumalen. Da lächelte bisweilen mein Zuhörer und meinte, das wäre doch gar nicht möglich — worauf ich mich ausredete: es steht so gedruckt. Darauf fehlte die Erwiderung nicht: es ist eben nicht alles wahr, was gedruckt ist. Aber er amüsirte sich dabei, und das war die Hauptsache. Am liebsten hörte er, wie ich mich erinnere, von der ersten Reise eines Europäers nach China, nämlich des englischen Gesandten Lord Macartenay im Jahre 1796 und aus den Kämpfen der Holländer gegen die Buschneger in Surinam, die in dem angeführten Werke ganze Bände füllen. Am 23. März 1828 promovirte mein Bruder unter dem Dekanate des Professor Sprengel, welcher seine Dissertation: de vi medicatrice natuvae mit einem Anhang über eine neue Ausgabe des Divscorides beehrte. Zu dieser für uns so wichtigen Festlichkeit waren meine Mutter und mein jüngerer Bruder, der indeß in das Dessauer Gymnasium eingetreten, herübergekommen. Sprengel, der das gehört, besuchte uns, um meiner Mutter Glück zu wünschen und schickte dann zwei Flaschen Rheinwein und eine Torte, damit, wie er sagen ließ, die Mutter auch etwas von dem Examenwein und den Examentorten ihres Sohnes koste. Ich führe dies an, um anzudeuten, wie damals noch der Geist wahrer Humanität und der freundlichsten Gesinnung bei den Herren Professoren vorherrschte, wenn auch in diesem Maße nur ausnahmsweise. Mein Bruder nahm nun Abschied von Halle, und ich blieb noch über ein Jahr allein in dieser Stadt. Ich miethete mir ein kleines Zimmer nebst Schlafkabinet, freilich nach dem Hofe hinaus, bei einem ehrlichen und durchaus nicht geistesarmen Schuhmacher, wo ich es auch ganz gut getroffen. Der Meister, wenn ich anfing lateinisch, griechisch oder hebräisch vorzutragen, öffnete die Fenster seiner Werkstatt, weil, wie er sagte, er das mit Vergnügen höre, wenn er auch nichts davon verstände. Außerdem philosophirten wir oft mit einander und er äußerte sich gegen seine Frau, ich hätte ihm zuerst einen rechten Begriff von Gott beigebracht. Dagegen erzählte er mir von seinen Kriegszügen als preußischer Soldat, 1792 und weiter. Seiner Frau aber las ich bisweilen Sonntagsnachmittag, während sie eifrig spann, aus einem meiner Lieblingsbücher, den Satiren von Rabener vor, die sich damals noch eines guten Rufes erfreuten. Dafür thaten sie mir Alles zu gefallen, was sie konnten. — Füge ich hier gleich etwas über das Geschick meines Bruders in nächster Zeit hinzu. Er ging nach Dessau, um sich als praktischer Arzt niederzulassen. Man kam ihm von vielen Seiten mit besonderem Vertrauen entgegen, und konsultirte ihn, da er noch nicht praktiziren durste. Dies mochte wohl die Aufmerksamkeit der dortigen Aerzte auf sich gezogen haben. Man berief ihn, wie es in der Ordnung war, zur Ablegung der Staatsprüfung. Er bestand sie in befriedigendster Weise. Da machte das Medizinalkollegium ein neues Gesetz, daß jeder Arzt, bevor er praktiziren durfte, zwei Jahre im Auslande reisen müsse, um die großen medizinischen Institute zu be-

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