Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1888)
- Date
- 1888-01-12
- Page
- Seite 27 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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!i ►I i '•! \ ) - Aeuilte 1 on. Äus meiner Knabenzeit. ix. Wie schon bemerkt, kam ich vierzehn Tage vor dem Schulanfang nach Halle. Keiner meiner Leser wird errathen, wozu diese Zeit verwendet wurde. Mein Bruder führte mich — in die Anatomie. Er meinte, man müsse die Größe der Schöpfung nicht bloß in deren Reizen, wie sie z. B. in den Umgebungen unserer Vaterstadt durch die Hand des Menschen entfaltet worden, sondern auch in der Zweckmäßigkeit der inneren Organisation bewundern lernen, welche nicht immer einen angenehmen Anblick bietet. In der ersten Viertelstunde siand ich entsetzt an der Thür des Saales, in welchem an den Leichen „präparirt" wurde. Geruch und Anblick wirkten zugleich auf die Knabenseele. Bald aber faßte ich mich, trat zu meinem Bruder, der an einer Leiche arbeitete, nahm das Secirmesser zur Hand und that nach seiner Anweisung. Er trug mir auch bald Osteologie und Syndesmologie vor, und später die Elemente der Physiologie und Physik, wovon sich die Früchte in meinem Werke: °Yhj avi^comrij zeitigten. Auch im Hebräischen arbeitete er mit mir, da er selbst mit dem Talmud vertraut war, und unterrichtete mich im Französischen. Letzteres allerdings nur gelegentlich, da er dem Sohne eines reichen Kaufmanns französische Lektion gab, und um dessen Indolenz zu heben, nahm er mich zum Mitschüler an. Dies bekam mir oft übel, denn da jener Knabe fortfuhr, recht faul zu sein, ließ mein Bruder seine Ungeduld an mir aus; doch dies war sehr vorübergehend. Wie aber auf die Natur, so lenkte er meine Aufmerksamkeit auch auf! die Kunst. Er erwarb für mich die Werke Lessing's, und 1 da studirte ich vor Allem den Laokoon, und als ich die Lehren | dieses Meisterwerkes nach meinen Kräften gefaßt hatte, holte er mir aus der Universitätsbibliothek die Geschichte der! Kunst von Winckelmann. In meiner Jugendzeit verhielt mau j sich den Meisterwerken der Literatur gegenüber noch durchaus! gläubig und pietätvoll, man kannte die Kritik noch nicht; man suchte in die Ideen und Intentionen der großen Schriftsteller einzudriugen, und ließ ihre Ausdrucksweise zur Bildung des Stils auf sich einwirken. Allerdings gab es in Halle auch nicht die kleinste Gelegenheit, die Theorie an der Praxis bethätigt zu finden und beurtheilen zu lernen. Aber wie diese Studien einen bildenden Einfluß auf meinen Geist übten, kamen sie mir auch nach nicht langer Zeit, wie ich berichten werde, sehr zu Statten. Daran reihte sich „der Geist der hebräischen Poesie" von Herder, welches Werk mir eine ganz neue Anschauung von den poetischen Büchern der heiligen Schrift eröffnete, ferner dessen „Ideen zur Philosophie der Geschichte", welche Schrift die Grundlage der neueren deutschen Geschichtsanschauung geblieben ist. — Doch komme ich zum Gymnasium zurück. Aus meinem Schullebeu habe ich nicht viel zu bemerken. Die 700 Schüler der lateinischen Schule waren in ihrer großen Mehrzahl Söhne von Predigern, Küstern und Lehrern. Diese wußten sich von Kindesbeinen an darauf angewiesen, durch eisernen Fleiß und Eifer sich eine Stellung im Leben zu erwerben und, als der Unterstützung bedürftig, diese durch Wohlverhalten zu erlangen. Von Auszeichnungen unter diesen vielen strebsamen Jünglingen konnte daher kaum die Rede sein; man mußte froh sein, mit diesem Strome zu schwimmen und halbjährig die Versetzung zu erreichen. Ueberhaupt ist es ein sehr gewöhnlicher Jrrthum, von den Fortschritten auf dem Gymnasium auf ganz besondere Geistesgaben zu schließen, wie dies namentlich bei unseren Glaubensgenossen der Fall ist. Die Erfahrung lehrt dann, daß die als Gymnasiasten sich auszeichnenden Jünglinge in den wissenschaftlichen Studien auf der Universität durchaus nicht die glänzenden Erfolge erzielen, die mau von ihnen vorausgesetzt hat. Denn das Gymnasium arbeitet vielmehr für das Gedächtnis;, als für Intelligenz und Phantasie. Höchstens könnte ich bemerken, daß ich etwas in den deutschen Aufsätzen leistete, so daß mich einige Male die Lehrer, unter welchen ich besonders einen Di-. Vogel verehrte, auf ihre Stube kommen ließen, um mich über meine Arbeit zu examiniren, zu sehen, ob sie wirklich aus meiner Feder geflossen. Außerdem excellirte ich in metrischen Uebersetzungen aus Ovid und Virgil, sodaß der betr. Lehrer, Dr. Richter, dem ich später in Magdeburg wieder begegnete, sagte: „Die Verse sind viel besser als die ich gemacht!" Dies führte mich wohl auch auf die metrische Uebersetzung der zwölf kleinen Propheten, die, wie ich anderswo schon erzählt, durch Prof. Kurt Sprengel zum Druck befördert wurde, als ich eben das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte, und welcher ich den Namen meines Bruders voranstellte, um nicht als anmaßlich von Lehrern und Mitschülern angesehen zu werden. Lebhaft ist mir noch die Verlegenheit erinnerlich, in welche ich wegen des Vorwortes zu dieser meiner ersten Schrift gerieth, da mein Bruder gerade verreist war und der Drucker drängte. Nun, ich schrieb es, und es erscheint mir noch heute lesbar. Durch diese poetische Anlage gewann ich das Herz eines phantasiereichen Mitschülers, mit dem Familiennamen Friedrich. Wir schwärmten zusammen für Poesie und Literatur, entdeckten in den Trothaer Felsen eine Höhle, die wir reinigten und oft zu unserem Ruheplatz wählten, um uns — unsere Gedichte vorzulesen. Die Kritik, die wir an einander übten, war sehr milde. In den Ferien besuchte ich ihn einmal auf seinem väterlichen Bauerngute, in einem Dorfe am Fuße des Petersberges, dieser 2*