Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1888)
- Date
- 1888-01-12
- Page
- Seite 25 (sequence 9)
- Language
- German
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2Ü) Die Bill habe hauptsächlich den Zweck, den Charakter der Einwanderer in den Abfahrtshäfen durch Buudesconsutn, anstatt in den Landungshäfen durch Staats-Commissäre untersuchen zu lassen. Im Auslande herrsche die Idee vor, daß die Vereinigten Staaten eine unbeschränkte Einwanderung, ohne Rücksicht auf den Charakter der Einwanderer, wünschen, aber die amerikanische Idee gehe dahin, daß die Vereinigten Staaten niemals ein Asyl für Sträflinge, für unversöhnliche Feinde von Gesetz und Ordnung oder für die Insassen der Irren- und Arbeitshäuser der alten Welt werden sollten. Die Pforten unseres Landes sollten nur Personen von gutem moralischem Charakter offen stehen. Die Thatsache, daß in den letzten zehn Jahren nahezu fünf Millionen Einwanderer in unser Land gekommen seien, beweise, daß diese Frage von der größten Wichtigkeit sei. Das große amerikanische Princip der bereitwilligen Zulassung von Einwanderern solle nicht abgeschafft werden. Dieses Princip sei aber stets an die Bedingung geknüpft gewesen, daß die Einwanderer von gutem moralischen Charakter und im Stande sein müßten, sich selbst zu ernähren. Morrill sagte, 70 Vrocent der Bevölkerung von Boston bestehen aus Ausländern oder Abkömmlingen von Ausländern. In New Jork repräsentire das ausländische Element 80, in Chicago sogar 91 Procent der Bevölkerung. Dieser Procentsatz werde vielleicht durch spätere Einwanderung noch gesteigert werden. Nach dem Census von 1880 habe die Zahl der Ausländer oder von Ausländern abstammenden Bewohner unseres Landes beiläufig 15,000,000 betragen; die seitherige Einwanderung habe dieses Element um 4,344,000 Seelen vermehrt, so daß (die seit 1880 von ausländischen Eltern gezeugten Kinder abgerechnet) unser Land jetzt eine aus dem Auslande stammende Bevölkerung von 19,340,000 Seelen — nahezu ein Drittel der Gesammtbevölkeruug — aufzuweisen habe. Diese Zahlen beweisen, welche große Anziehungskraft unser Land auf die Bewohner Europas ausübe. Er (Morrill) habe kürzlich Castle Garden in New-Aork besucht. Es sei gerade ein Schiff aus Antwerpen mit 600 Einwanderern angekommen. Der Anblick, der sich ihm dabei geboten, habe in ihm Zweifel darüber geweckt, daß unser Land im Stande sei, alle diese Einwanderer in gute und nützliche amerikanische Bürger umzuwandeln. Morrill's Bill wurde an das Cornits für auswärtige Beziehungen verwiesen. Die von Reagan im Senat einge brachte Bill bezüglich der Regulirung der Einwanderung ermächtigt den Finanzsccretär zur Anstellung von Einwanderunosinspectoren in allen Hafenplätzen. Diese Jnspectoren sollen befugt sein, sich an Bord aller Schiffe zu begeben und die temporäre Entfernung von Einwanderern anzuordnen, im Falle dies nöthig erscheinen sollte, zur Feststellung der Frage, ob denselben in Gemäßheit dieses Gesetzes die Landung gestattet werden solle oder nicht. Diejenigen Personen, welchen das Gesetz die Landung verbietet, sind auf Kosten der Schiffsrheder, welche sie hierher brachten, nach dem Orte, woher sie kamen, zurückzubringen. Jeder Capitän soll Zeugnisse über den Charakter der auf seinem Fahrzeuge sich befindenden Einwanderer vor deren Landung vorlegen. In diesem Certifikat soll bescheinigt sein, daß der Betreffende nicht wegen eines begangenen Verbrechens deportirt, kein Pauper, Irrsinniger, Idiot re. ist und sich nicht unter Obhut von Blutsverwandten oder Vormündern befindet. Ferner muß bestätigt werden, daß dem betreffenden Einwanderer keine Mittel seitens der Regierung seines Landes zur Einwanderung gewährt wurden, sowie, daß er nicht in seinem Vaterland in Betreff der Erlangung von Arbeit in den Vereinigten Staaten einen Contract abgeschlossen hat. — Im Allgemeinen scheint man zu glauben, daß keine dieser Bills in der vorliegenden Fassung Gesetzeskraft erhalten wird. Bonn, 8. Januar. (Notizen.) In Frankfurt a. M. ist am 28. vor. M., im Alter von 57 Jahren, der Klavierspieler und Komponist Prosessor Julius Sachs gestorben. Er war 1830 in Waldhof (Herzogthum Sachsen-Meiningen) geboren. Am 30. wurde die Leiche nach dem israelitischen Friedhofe verbracht. Trotz der winterlichen Witterung hatte sich eine zahlreiche Begleitung eingefunden. Dem Leid und der Trauer um den geschiedenen Freund gab Namens der Loge „zur aufgehenden Morgenröthe" Herr Lehrer A. Teblee warmen Ausdruck, zugleich mit beredten Worten das verdienstvolle Wirken und die hohe Begabung des Künstlers hervorhebend. Namens des Frankfurter Journalisten- und Schriftsteller-Vereins legte Herr F. Rittweger einen Kranz auf die letzte Ruhestätte des langjährigen Mitgliedes und treuen Freundes. — Man schreibt aus Hamburg, 29. December. Man trifft hier bereits Vorbereitungen für das am 1. Juli 1888 zu begehende 50jährige Amtsjubiläum des vr. Anton Me, Direktor der jüdischen Stiftschule von 1815 und ehemaligen Reichstagsabgeordneten (Fortschritt.) Wie auch anläßlich seines 70jährigen Geburtstages, hatte sich Di-. Me alle Aufmerksamkeiten verbeten. Man ist jedoch in ihn gedrungen, eine Stiftung anzunehmen, worauf er nach längeren Unterhandlungen eingegangen ist. Die Stiftung soll den Namen Reestiftung erhalten und es sind schon namhafte Beträge gezeichnet worden. — Man schreibt uns aus Hamburg vom 1. Januar: Gestern feierten Herr Jos. Liebermann und seine Gattin Frau Emilie geb. Zender unter der großen Theilnahme hiesiger und auswärtiger Freunde ihre goldene Hochzeit. Der Jubelbräutigam ist ein sehr verdienter Mann, der sich an der Verwaltung der Tempelgemeinde sowie vieler wohlthätiger Vereine eifrigst betheiligt hat. Ein solenner Gottesdienst am Abend vorher und ein Fest am Tage, bei welchen beiden Dr. Leimdörfer sehr ergreifende 2