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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-12 · Heft 2 (12.1.1888) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 2 (12.1.1888)
Date
1888-01-12
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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21 * winden: ich verstummte in tiefem Schweigen — ich war still — doch ohne gute Folge, denn mein Schmerz ward wild, heiß mein Herz in meinem Innern, in meinem Aufruhr brannte Feuer: „da redet' ich mit meiner Zunge." Der steigende „Aufruhr" des empörten Gefühles, bis er zum vollen Ausbruch kommt, kann nicht nachdrücklicher und schöner geschildert werden. Aber allerdings besitzt das Herz nicht immer eine solche Widerstandskraft, sondern „es bricht vor der Schmach" (69, 24) und vermag in seinem „Schmachten nur Gott anzurufen" (61, 3). So wird auch der Herzenskummer Ps. 102, 5 geschildert: „Gesengt ist wie Gras und es dorrt mein Herz, daß ich vergesse, mein Brod zu verzehren." Man erinnere sich, wie im Morgenlande vor der Gluth der Sommersonne das Gras versengt und verdorrt, das Laub von den Bäumen fällt. Auch der ist zutreffend, daß ein tieferer Kummer es dem Leidenden unmöglich macht, Speise zu verzehren. — Alles, was dem Menschen wahrhaft theuer sein, was in ihm kräftig leben und auf seinen Willen und sein Thun wirken soll, muß im Herzen seine Stätte gefunden haben. So muß vor Allem „die Lehre des Ewigen" nicht bloß vom Verstände erfaßt, sondern in das Herz ausgenommen, von diesem geliebt werden (37, II), und die Gebote Gottes sind es, welche das Herz erweitern (110, 32). Darum fleht der Psalmist wiederholt, daß Gott sein Herz „den göttlichen Zeugnissen zuneige" (119, 36), fürchtet er sich doch nicht von ihn verfolgenden Fürsten, denn sein Herz lebt allein von den Worten Gottes (119, 161). Wurzeln doch auch im Herzen alle bösen Neigungen und Leidenschaften. Der Psalniist rühmt sich, daß sein Herz sich nicht überhob, und sein Auge nicht stolz blickte (131, 1). Wer „hochfahrenden Herzens", ist vor Gott verwerflich (101, 5). Um so nothwendiger ist es, daß das innerste Herz „geläutert" werde, und zwar durch die Prüfungen des Geschickes (26, 2). Der Psalmist weiß, daß das Herz „durch Mühsale gebeugt wird" (107, 12.); aber auch, daß nicht Wenige nicht nachgeben, sondern „in der Verstocktheit ihres Herzens wandeln" (81, 13), so daß das Herz „feist ist wie von Fett umgeben" (119, 70). Darum ruft er Israel wiederholt zu: „Berstocket nicht Euer Herz" (95, 8). Allerdings kann der Mensch, besonders der leidende, wenn er seine ungerechten Widersacher triumphiren sieht, sich vor Zweifeln nicht schützen, wie der Psalmist den Zustand einer solchen Seele schildert (73,21): „Denn es gohr in meinem Herzen, in meinen Nieren stach es mich: da war ich bethört und erkannt' es nicht, war wie ein verstandloses Thier vor Dir." Da ist es nothwendig, daß „die Engnisse des Herzens sich erweitern" (25,17), um den getrübten Blick, mit welchem die zeitweisen Ereignisse angesehen werden, aufzuhellen und die wahre Bedeutung der Geschichte zu erkennen. Darum betet der Psalmist: „Reinige mein Herz zur Gottesfurcht" (86, 11), daß es sich in dieser wiederfinde und die auseinandergehenden Gefühle wieder vereinige. Dann erhebt er sich zum innigen Danke gen Gott „mit seinem ganzen Herzen" (138, 1 u. öfter.)-Aber auch von der innigen Verbindung und gegenseitigen Wechselwirkung der Seele und des Körpers hatte der Psalmist Kenntniß. Von ihm kommt ja das alte, schöne Wort: „Der Wein erfreut des Menschen Herz, daß mehr denn vom Oele sein Antlitz glänzt, und Speise stärkt des Menschen Herz" (104,15). Es ist also hier eine Wirkung der leiblichen Nahrung, der Speise und des Weines auf das Herz, auf die Stimmung und die seelische Kraft hervorgehoben. Deßhalb erscheinen ihm die Zustände des Körpers und der Seele in einem gleichen Verhältnisse, bis die Kraft des Geistes wieder die Oberhand gewinnt. So heißt es (73, 26): „Vergehet mein Fleisch und mein Herz: meines Herzens Fels und Antheil ist Gott in Ewigkeit." Fassen wir alle diese einzelnen Züge zusammen, so erhalten wir ein reiches Bild des seelischen Lebens, welches der Hebräer mit dem Worte „Herz" bezeichnet, in seinen Höhen und Tiefen, in seinen Grundstimmungen und dem Wechsel der Empfindungen, in seinen Neigungen zur Unschuld und zur Bosheit, in seinem Streben aufwärts und niederwärts, immer aber mit dem Aufblicke zu Gott, auf religiössittlichem Boden. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir dieses Seelengemälde in seiner Gesammtheit als unübertroffen bezeichnen, und gerade hieraus erklärt es sich, daß die Psalmen ein Buch der Menschheit geworden, das nirgends entbehrt werden kann, in welcher Confession und Nationalität es sei, so bald diese von der religiös-sittlichen Cultur erfaßt worden ist. (Forts, folgt.) Eine Methode der Antisemiten. Wir brauchen kaum hervorzuheben, daß, abgesehen von dem Plane der Antisemiten, die Stimmung und Gesinnung betreffs der Juden überall zu vergiften, ihr besonderer Zweck in der Beseitigung der Gleichberechtigung besteht. Sie sehen in dieser eine Schädigung sowohl des Christenthums als der Christen, letztere durch die Concurrenz, welche die Juden ihnen bereiten. Vor der Emancipation der Juden wandten die Gegner stets ein, daß die Juden nicht befähigt, nicht reis für dieselbe seien; gegenwärtig findet man vielmehr, daß die Juden zu befähigt, zu reif seien und die Christen verdrängten. Da man den Begriff des allgemeinen Menschenrechtes längst und die Vorstellung verloren hat, daß die menschliche Gesellschaft, daß der Staat aller vorhandenen Kräfte bedürfe und sich selbst am meisten schädige, wenn er gewissen Classen, für die Gesellschaft und den Staat thätig wirksam zu sein.

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