Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1888)
- Date
- 1888-01-12
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 nicht vermißt, Gott zu meistern und die erhabenen Gedanken seiner Meltordnung nach ihren Vorurtheilen und Zwecken beurtheilen und verkünden zu wollen! Das „Her;" in der Dibel. ui. Was dem Geiste des Hebräers am tiefsten eingesenkt war und sich in ihm in allen Lagen und Empfindungen am meisten geltend machte, war das Gefühl und das Bewußtsein der Unmittelbarkeit Gottes zu den Menschen; er wußte und fühlte Gott sich nahe, wie der Psalmist ausruft: „Nahe ist Gott allen die ihn anrufen, all' denen, die ihn anrufen in Wahrheit." Gewiß ist der Begriff des göttlichen Wesens als des Weltgeistes, des Urquells alles Daseins, des Schöpfers des Himmels und der Erde und aller Wesen, in seiner Unendlichkeit und Vollkommenheit eine sehr erhabene und erhebende Erkenntniß. Aber dennoch ist das Gefühl der Unmittelbarkeit Gottes, der „Nähe" Gottes, für den Menschen von ungleich größerem Werthe. Zu jenem Begriffe gehört schon eine entwickelte Intelligenz, und er wohnt auch dem entwickelten Geiste nur zur Zeit des Denkens und der metaphysischen Betrachtung inne. Die Nähe Gottes aber ist jedem menschlichen Herzen, wenn sie ihm erst einmal aufgegangen, ein unentbehrliches Gut, seine Tröstung, seine Zuversicht, die Erleuchtung seiner Gedanken, die Eingebung des einzuschlagenden Weges. Dieses Gefühl wohnt dem Hebräer im Herzen, (2^), es ist eben nichtein Resultat seiner gedanklichen Forschungen, sondern ihm von Kindheit an, man möchte sagen von Geschlecht zu Geschlecht eingepflanzt. Diese Nähe Gottes bewährte sich dem Hebräer ganz besonders in der Zeit der Leiden, ungerechter Verfolgungen und des Schuldbewußtseins. Dies sprechen folgende Verse des Psalmisten aus: „Gebrochenen Herzen ist der Ewige nahe, gebeugten Geistern hilft er." (34, 19). „Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerknirschtes Herz verschmähst, 0 Gott, du nicht." (51,19). „Er, der zerbrochene Herzen heilt und verbindet ihre Schäden." (147,3). Es sind hier Herzen verstanden, in welchen theils durch Leid und Bedrängniß, theils („zerknirscht") durch Schuldbcwußtsein aller Muth und alle Kraft geschwunden und völlige Verzagtheit eingekehrt ist. Strömt in diese Herzen das Gefühl der Nähe Gottes, seiner Hülfe, seiner Rettungskraft ein, so schließt sich die tiefe Wunde, die Empfindung der Sicherheit zieht wieder ein, Muth und Kraft erwachen, die Aussichten erheitern sich und was nothwendig ist zu thun, geht dem wiederbelebten Geiste auf. Diese Stimmung und Gesinnung zieht sich durch alle Psalmen, und die Nähe Gottes ist dem Jubelnden, wie dem Seufzenden, die unmittelbarste Gabe der Religion. Das Gegentheil dieser Zustände des Gemüthes ist das Gefühl der Kraft, des Selbstvertrauens, der Macht; 2^ ’ton „die Starkherzigen" nennt sie der Psalmist (76,6); sie sind ihm aber gleichbedeutend mit den „Kriegeshelden", die in der Regel sich zu Gewaltthaten und Ungerechtigkeiten geneigt zeigen und deßhalb als „Feinde Gottes" betrachtet und von ihm dem Untergange zugesührt werden. Das sind diejenigen, welche „in ihrem Herzen mitsammen berathen und wider Israel ein Bündniß schließen" (d3, 6). Solchen Geistern ruft der Psalmist zu: „Vertrauet nicht auf Bedrückung, seid eitel nicht auf Raub, und auf Reichthum, so er sprosset, wendet nicht das Herz" (62, 11). Ein schwieriger Ausdruck, der hierher gehört, findet sich 12,3: 2^i 2^2 tot. Es ist die Rede von denen, welche „Trug reden, der Eine mit dem Andern, mit glatter Lippe, doppelherzig reden sie." Wie die folgenden Verse zeigen, sind Menschen gemeint, welche auf ihre Doppelzüngigkeit großes Vertrauen setzen, die meine»: „Durch unsere Zunge herrschen wir, mit uns sind unsere Lippen, wer wäc' uns Herr?" Unter dem obigen hebräischen Ausdruck sind daher, psychologisch recht tiefsinnig, solche gemeint, welche befähigt sind, in ihrem Herzen Haß und Trug zu hegen, zugleich aber in gewissem Grade Empfindungen der Liebe und Freundlichkeit zu wecken, so daß diese letzteren, wie wirklich gefühlt, durch Wort und Geberde zum Ausdruck kommen und die andern Menschen zu täuschen vermögen. Dies sind die echten Schmeichler und Heuchler, die Doppelherzigen, zu zwiefachen Empfindungen zu gleicher Zeit befähigt. Denn im „Herzen" wohnt auch die Bosheit und arbeitet hier mit um so größerer Kraft (58, 3). Aber im Herzen wohnt auch die Verzagtheit, daß es sich geschmolzen fühlt „wie Wachs" (22, 15) — aber auch die Furchtlosigkeit in jedem Kampfe (27, 3), durch Gottvertrauen (28, 7), daß es aufjubelt (13, 6), daß man aufjauchzt in Dank mit dem ganzen Herzen (9,2), wie vorher aus dem Herzen das Stöhnen floß (38, 9) und das Herz „klopfte" vor Bangigkeit (B. 11). — Interessante psychologische Beobachtungen, wenn auch nur angedeutet, finden sich viele bei dem Psalmisten. Wenn er betet, daß „das Trachten seines Herzens wohlgefällig sei vor Gott" (19, 15), und das Sinnen seines Herzens „Einsicht" nennt (49, 4) und Weisheit für das Herz erwünscht (90, 12): so verwischt er, wie es auch in Wirklichkeit sich verhält, die Grenzen zwischen Herz und Verstand, und läßt alle Richtungen des menschlichen Geistes aus der Empfindungswelt hervorgehen und von ihr geleitet werden. Alle wahre und gute Rede entquillt daher dem Herzen, und „das Herz wallt auf von guter Rede" (45, 2): das alte Wort, daß das Herz den Redner macht. Solch' psychologisches Bild zeichnet uns der Psalmist am Anfang des Psalmes 39. Vor dem Sänger steht der ihm feindliche Frevler, und er will seine Zunge wahren, „um nicht zu sündigen." Er dachte so, seinen Schmerz zu über-