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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-12 · Heft 2 (12.1.1888) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 2 (12.1.1888)
Date
1888-01-12
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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19 Haltung desselben wesentlich beitrug, ja unentbehrlich war. Dieser kleine Stamm hätte sich unter den furchtbaren Stürmen, welche über die Menschheit hinrasten, nicht zu erhalten vermocht, wenn er innerhalb der Grenzen eines kleinen Landes, das gerade jenenBölkerorcanen am meisten ausgesetztwar, geblieben wäre. Ja selbst die Verfolgungen, welche dieJsraeliten in den einzelnen Ländern erfuhren, wurden in ihren traurigen Wirkungen nur durch die Zerstreuung abgeschwächt. Aber noch eine andere Wohlthat wurde durch diese geübt, nämlich die, daß durch dieselbe und in ihr die besseren und die schlechteren Bolkselemente sich schieden, die abgestorbenen Zweige und Aeste abfielen, aber aus dem markigen Stamme neue kräftige Schößlinge hervorbrachen. Wir meinen, daß das Feuer der Ueberzeugung wieder aufflammte, die treue Anhänglichkeit an Lehre und Gesetz sich stärkte und die Opferwilligkeit für das Bekenntniß des Einzigen alle Glieder des Volkes beherrschte. Die Zerstreuung war gewissermaßen ein Berjüngungsproceß für den gealterten Stamm. So kam es, daß die zerstreuten Juden in Babylonien keine Baalsdiener, in Persien keine Feueranbeter, keine Jünger des Ormuzd und des Ariman, in Griechenland und Rom keine Verehrer des Zeus und der Aphrodite wurden, daß sie dem Christenthum wie dem Islam Widerstand leisteten, weil sich diese Töchterreligionen mit den Lehren Mose's und der Propheten nicht deckten. So wurde die jüdische Wissenschaft, als sie im Orient durch den Druck der islamitischen Orthodoxie erlosch, durch die Zerstreuung nach dem Abendlande getragen; als sie aus Spanien verbannt ward, nach Frankreich, Holland und Deutschland verbreitet. Aber noch eine dritte Wohlthat von höchstem Werthe müssen wir verzeichnen. Nur durch die Zerstreuung, die sich seit der Zerstörung Jerusalems dem Abend lande zuwandte, wurde es möglich, daß die Juden durch alle Zeiten ein Culturvolk blieben, die allgemeine Cultur sich aneignend, wo es ihnen irgend gestattet wurde, und an derselben mitarbeitend. Was würde aus diesem Völkchen in den engen Schranken eines Landes, unter den Fußtritten der Mongolen und Tartaren, der Seldschucken und der Türken geistig geworden sein, wenn es auch materiell fortvegetirt hätte! So aber wurde es der arabischen, der mittelalterlichen und der modernen Cultur theilhaftig, zu Zeiten fruchtbare Träger derselben und mit der ihnen gewordenen Freiheit mit strebsam für die höchsten Ideale der Civilisation. — Wer dies Alles überschaut, und wir haben ja nur Thatsachen angeführt, der wird dieses so hellbeleuchtete Werk der Vorsehung nicht für ein bloßes „Strafgericht" ansehen, das in stufenmäßigem Fortschritt vollzogen worden, sondern er wird die Weisheit der göttlichen Weltordnung bewundern, welche mit der strafenden Zucht die höchsten Wohlthaten zu verbinden, mit der Zerstreuung dieses Volksstammes dessen rationelle und geistige Erhaltung zu vereinigen wußte. In der That sind wir uns des grausamen Geschickes unseres Stammes wohl bewußt; aber wir sind doch nicht so beschränkten Blickes, daß wir uns nicht sagen müßten: zu der Zeit, wo die trübsten Verfolgungen uns trafen, haben auch viel größere Menschenmassen nicht minder unter der Geißel der Barbarei und des Fanatismus gelitten. Oder war die Sklaverei und die Leibeigenschaft nicht viel drückender als die Beschränkungen, denen die Juden ausgesetzt waren? Waren die blutigen Verfolgungen der Arrianer, der Waldenser, der Hugenotten und dergl. etwa geringfügiger, milder, humaner als die der Juden? . . . Kehren wir übrigens zu der von uns aufgestellten These zurück, so ist auch das unzweifelhaft, daß in jedem Glücke eine Versuchung enthalten ist, die, nicht bestanden, zu Verderben und Untergang führt. So im Leben des Einzelnen, wie im Geschicke der Völker: alle die Nationen, die zur Sonnenhöhe der Macht und des Ruhmes, des Reichthumes und des Glanzes erhoben wurden — eine kurze Zeit — und sie sanken in den Staub. Nicht bloß Jerusalem ist von seinem hohen Range herabgesunken und durch seine Trümmer merkwürdig für das ganze Menschengeschlecht, sondern auch Athen und Rom haben ihre wesentliche Bedeutung durch die Ruinen und Reste des Alterthums, und Memphis und das hundertthorige Theben, Ninive und Babel, Persepolis, Susa und Sardes und so viele andere Stätten einstiger Völkergröße sind bis auf geringe Trümmer verschwunden, von dem Schutt der Jahrhunderte bedeckt, oder nur in kleinen Dörfern fortlebend, welche gewissermaßen ein Spott auf ihre ehemalige Größe sind. Je mehr wir dies durchdenken, desto thörichter und gekünstelter erscheint uns das Theorem der „stufenmäßigen Strafgerichte Gottes über Israel". Wir sehen es dem strenggläubigen, dogmatischen Theologen, wie Herr Presset einer ist, wohl nach, wenn er es für eine „Untreue und Widerspänstigkeit" hält, daß die Juden den christlichen Dogmen ihre Zustimmung versagten und dem Bekenntniß des reinen Monotheismus treu blieben. Was wir ihm aber nicht verzeihen, ist, wenn er sagt, daß die Juden hierdurch „ Gottes Heilsrath für Jahrtausende hinaus vereitelt und in das Gegentheil verkehrt haben", daß „Israel den geraden Weg der Liebe und Weisheit Gottes vereitelt habe, und diese Liebe und Weisheit nun den Umweg der Gerichte einschlagen mußte." Das ist wahrlich eine sehr verkehrte Vorstellung von der Allwissenheit und der Vorsehung Gottes. Daß Menschen den weisen und liebevollen Plan Gottes „vereiteln" können, ihn zu zwingen vermögen, den „geraden Weg" zu verlassen und einen Umweg einzuschlagen, das erweist doch eine so beschränkte Gotteserkenntniß, einen so irrigen Begriff von Gott, daß wir diejenigen bedauern, welche diese Meinung theilen und zugleich als Lehrer des Volkes fungiren. Möchten sie doch jene Maske der Demuth fallen lassen und diese Demuth in ihren Herzen und Geistern hegen, die sich 2*

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