Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1888)
- Date
- 1888-01-12
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 solches willkürliches Umspringen mit sprachlichen und historischen Gegenständen bringen? Die allgemeinste Bezeichnung des allgemeinsten Gottesbegriffes als des unveränderlichen Seins soll durchaus zu einem „Nationalgott" verdreht werden, während doch der Begriff eines Nationalgottes polytheistisch ist, und gerade El, Eloyim viel leichter zum Polytheismus verleiten konnte. Allein, es drängt sich uns die Meinung auf, daß Renan von dem, was er schreibt, keine wirkliche Ueberzeugung hat, sondern nur darauf hält, etwas Geistreiches in farbenprächtiger Form zu sagen. — Biel conscquenter, aber auch viel einseitiger, ist die Geschichte der Inden abgefaßt, die uns heute vorliegt. Ist das Renan'sche Buch ein Ausfluß kritischer Einseitigkeit, so geht die vorliegende Schrift von einem sehr bestimmten Gesichtspunkte aus und verfolgt ihn consequent, aber er ist ein höchst beschränkter. S. 484 des vor. Jahrganges haben wir die erste Lieferung der Schrift: „Die Zerstreuung des Volkes Israel" von (Pastor) Wilhelm Presset ausführlich besprochen, da derselbe seine Betrachtung auf einer, bei einem Theil der christlichen Theologen noch heute verbreiteten Ansicht sich aufbaut, welche deshalb ein allgemeineres Interesse hat. Jetzt liegt uns die zweite Lieferung (Heilbronn, Henninger 1887) vor, die nichts anders als eine abermalige Geschichte der Juden von Egypten bis zur Gegenwart enthält. Wenn er, seiner Meinung nach, im ersten Hefte „den Charakter der Zerstreuung vor Augen geführt", so soll dieses zweite „die Stufen derselben vor Augen führen". Wir werden die Ansicht dieses Mannes, von welcher er die Geschichte der Juden in ihren Einzelheiten betrachtet, klar machen, wenn wir die Worte anführen, mit denen der Vers, seine Einleitung beginnt. „Gottes Gerichte folgen immer stufenweise; er läßt dem Menschen Zeit zur Umkehr, nicht nur schon ehe die Gerichte anheben, sondern noch während derselben; er ist so barmherzig, daß er nur Schritt vor Schritt sie vollführt. So bei einzelnen Menschen, und so bei ganzen Kreisen von Menschen, bei ganzen Völkern. Das größte Zeugniß hiervon giebt die Zerstreuung Israels, und zwar lassen sich hier die Stufen so deutlich unterscheiden, daß Niemand im Zweifel darüber sein kann; denn da ist eine assyrische, eine babylonische, eine persische, eine macedonische, eine heidnisch-römische, eine christlich-römische, eine muhamedanische, eine germanische des Mittelalters und der neuen Zeit." Diesen Rahmen füllt nun der Vers, mit Geschichtsbildern einer Periode nach der andern aus. Ihm ist also die ganze Geschichte der Juden nichts als eine Folgereihe göttlicher Strafgerichte, welche durch die Untreue und Widersetzlichkeit dieses Volkes über dasselbe heraufbeschworen worden. Diese frommen Herren glauben das Privilegium zu besitzen, der göttlichen Vorsehung vollständig in die Karten zu schauen. Man sollte glauben, daß je frommer eine Seele gesinnt ist, desto tiefer empfindet sie den Respect vor den Rathschlüssen Gottes, welche Propheten und heilige Sänger als „unerforschlich" betrachteten, und desto demüthiger ist ihr Sinn vor der unendlichen Vollkommenheit Gottes bei der Mangelhaftigkeit alles menschlichen Erkennens. Aber das Gegentheil findet statt; je strenggläubiger diese Theologen sind, desto größer ihre Anmaßung, den Willen Gottes, seine Pläne und Ziele in der Weltordnung auf's genaueste zu kennen und von hier aus Licht und Schatten auf die Tafeln der Geschichte aufzutragen. Allerdings stellen die Propheten, wenn sie ein großes Mißgeschick dem Volke, den Fürsten und Priestern verkünden, dies als eine Strafe Gottes hin; aber kein Prophet hält eine solche Strafrede, ohne die Verheißung der Wiederherstellung, und zwar einer recht glänzenden, hinzuzufügen. Und doch ist noch ein großer Unterschied zwischen einer Strafrede und der Erforschung und Betrachtung der Geschichte. Wir meine» vielmehr: kein Glück ohne Versuchung und kein Mißgeschick ohne wohlthätige Folgen! Wir glauben, daß diese Anschauung dem reinen Begriff von Gottes Wesen viel eher entspricht, als wenn wir den erhabenen Weltgeist beständig mit einer Zuchtruthe in der Hand uns vorstellen. Mit dem Unglück, das er verhängt, will er bessern und läutern, mit dem Glücke soll dem Menschen die Freiheit und Entwicklung nach der einen oder der andern Seite hin gewährt werden. Doch bemerken wir zuvor noch folgendes: die Herren, welche die Ansichten Pressel's theilen, haben darin Unglück, daß am Beginne und am Ende, soweit dies die Gegenwart bietet, für sie zwei Räthsel stehen, die sie mit ihrer Formel nicht lösen können. Das schwerste Unheil, welches Israel erfahren hat, ist die egyptischc Knechtschaft, welche die Israeliten wie niemals wieder zu den bedrücktesten Sklaven unter der Knute der egyptischen Aufseher und Vögte machte, noch mehr, die neugeborenen Knaben den Armen ihrer Mütter entriß, um sie zu ertränken und so das ganze Volk in kurzer Zeit auszurotten. Nun, wofür sollte denn dies ein Strafgericht Gottes sein? Die damaligen Israeliten hatten die Lehre und das Gesetz noch nicht empfangen, waren in ihre „Weltmission" noch nicht eingeführt — sie konnten also durch Untreue und Abfall ein so schreckliches Strafgericht noch nicht verdient haben. Dasselbe, aber in umgekehrter Weise, ist es mit der Emancipation der Juden, welcher der Verfasser gar nicht abhold ist. Nach der Theorie des Vers, müssen die Inden dieses Ende der Verfolgungen, diese Erhebung zu einem menschenwürdigen Dasein, in der voraufgehenden Zeit durch ein besonderes Wohlverhalten verdient haben; wir bemerken jedoch nichts, was sie in dieser Zeit von unseren Vorfahren, vor den letzten Verfolgungen unterscheiden sollte. Hiermit ist aber schon die ganze Theorie in die Brüche gerathen. Die Geschichte selbst lehrt uns, daß gerade die Zerstreuung für den jüdischen Stamm insofern eine Wohlthat war, als sie zur Er-