Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-05 · Heft 1 (5.1.1888) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 1 (5.1.1888)
Date
1888-01-05
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227719--44996-3264483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 und Handel war keine Spur, außer der Salzfabrikation, die in dem abgeschlossenen Hallorenviertel betrieben ward. Noch war die Stadt mit Mauern und tiefen Gräben umgeben, welche viele Jahre später zu Spaziergängen umgewandelt worden sind. Die Straßen meist eng und krumm, von hohen Häusern besetzt, welche mit geringer Ausnahme noch einen alterthümlichen Charakter hatten. Der große Markt war unregelmäßig, doch stattlich mit dem alten Rathhause, dem sog. rothen Thurm, dessen Kupferbedeckung aber längst grün geworden. In der Mitte der beiden Hausmannsthürme, die mit einander durch eine Gallerie verbunden waren, von welcher jeden Abend ein Choral geblasen wurde, an der westlichen Seite, eine kolossale, grob gearbeitete Rolandsgestalt an einem vorspringenden Hause. Die von 900 Studenten, besonders Theologen, besuchte Universität, besaß nicht einmal ein Universitätsgebäude, das erst lange Zeit danach gebaut worden. Ihre Aula war in einem alten Gebäude, der Rathswaage, untergebracht, und jeder Professor hatte für ein Auditorium selbst zu sorgen, im eigenen oder gemietheten Hause. Daher mußten die Studenten nach jeder Vorlesung von einem Hause zum anderen durch die Straßen ziehen, und die Einwohner benutzten dies als Zeitmesser. Die bürgerliche Bevölkerung, außer den Professoren und Beamten, stand in der Bildung noch zurück, und die Bürgersfrauen trugen meist noch ein Tuch um den Kopf gewunden. Das bewegende Element in der Stadt waren die Studenten, welche noch mancherlei, meist angeeignete Vorrechte besaßen. Sie waren getheilt oder verbunden, wie mau will, in Corps und Burschenschaften, was letzteren später, in der Zeit der Demagogenriecherei, schlecht bekam. Feierliche Aufzüge in glänzendem Wichs waren nicht selten; aber auch Studentenaufläufe schlimmer Art. Sobald die Musensöhne irgend eines ihrer Vorrechte angetastet glaubten, wenn etwa die Wächter des Gesetzes einen oder den anderen tumultuirenden Studenten arretirt hatten, lief man durch die Stadt mit dem Rufe: „Bursche heraus-", und jeder Student sollte dann ein Licht an's Fenster stellen und mit Rappiere oder Stock zum Marktplatz kommen. Die Besonneren blieben natürlich zu Hause. Dann sammelten sich um die Studenten die Schusterjungen und dergl. und schleppten auf Commando Steine herbei, um das Rathhaus zu bestürmen, dessen Fenster klirrend zu Boden stürzten. Setzten die Studenten ihren Willen durch, so war der Jubel groß. Hielten die Behörden Stand, so wurde als letztes Hülfsmittel ein förmlicher „Auszug" organisirt. Die Studenten zogen mit Musik aus der Stadt nach einem benachbarten Dorfe, wo sie lagerten, bis eine Verhandlung den Frieden wiederherstellte. Solche Vorgänge habe ich noch einige Male gesehen. Zuletzt riß der Regierung die Geduld; eine Schwadron Husaren wurde aus Merseburg nach Halle verlegt. Diesen gegenüber versuchten die verwegensten unter den Jüngern der Wissenschaft, noch dazu da gerade Eis auf den Straßen lag, mit den Rappiereu unter die Hufe der Pferde zu schlagen, daß diese stürzen sollten. Die Husaren verstanden aber keinen Spaß, jagten die Studenten auseinander, von denen die Rädelsführer relegirt wurden. Hiermit trat das Ende solider Aufläufe und Auszüge ein, und ich habe von den preußischen Universitäten nichts dergleichen wieder gehört. — Von Spaziergängen war nur einer vorhanden, nach Giebichenstein und von da rechts über die steil in die Saale abfallenden Trothaer Felsen, an einer über dem Fluß hängenden Felsbank vorbei, welche die „Hölty- Bank" genannt wurde, weil der Dichter darauf gesessen hatte. Ueber diese etwas beschwerlich zu erklimmenden Felsen ging es nach dem Dorfe Trotha mit einem reizenden öffentlichen Garten. Gegenüber klapperten in einer Schlucht die Räder einer Papiermühle und darüber ragte auf der Spitze der Höhe die Kneipe der „Merker" auf, die aber auf ihre Kosten einen bequemen Weg hatten hinaufführen lassen. Doch will ich auch noch des schön gelegenen botanischen Gartens erwähnen, von dessen Höhe man auf den strömenden Fluß, auf die gegenüber liegende waldige Flur und auf die an der Westseite der Stadt befindlichen Ruinen der ehemals so stattlichen Moritzburg blickte, von welcher jedoch ein Theil noch für amtliche Zwecke diente. — Das einzige wirklich bemerkenswerthe Gebäude oder vielmehr ein Complex von Gebäuden war das „Waisenhaus" oder „die Francke'schen Stiftungen." Merkwürdig schon an sich als das Werk eines mittellosen Privatmannes aus Privatmitteln. Der pietistische Professor der Theologie Herrmann August Francke fand einst in der in seinem Arbeitszimmer anfgehängten Büchse 10 Thaler und wollte diese Summe nicht zu Almosen verzetteln, sondern damit ein Erstehungshaus für arme Waisen stiften. In seinem unerschütterlichen Gottvertrauen begann er das Werk, und die Mittel zu dessen Fortsetzung stoffen ihm von allen Seiten zu. Einstmals, so erzählte er, war der Sonnabend nahe, die Arbeitslöhne mußten ausgezahlt werden und kein Pfennig befand sich in der Büchse. Da warf ich mich auf die Kniee und betete inbrünstig zum Helfer in aller Noth. Siehe, da klopfte es an der Thür und der Postbote brachte mir einen Brief mit 100 Thalern. Alle Noth war zu Ende. Jetzt stehen die stattlichen Gebäude als ein untilgbares Zeugniß von der Fruchtbarkeit, der Willenskraft eines Einzelnen da. Auf einem großen, danials unbebauten Platze an der Südseite dxx Stadt, wo es nach der armseligen Vorstadt Glauchau geht, erhebt sich ein stattliches Gebäude in einfachem Stil mit einer hohen Freitreppe. Im Souterrain befindet sich die Buchdruckerei des Waisenhauses und die Papierniederlage; im hohen Parterre mit einer schönen Vorhalle links die Apotheke, die einen Weltverkehr namentlich mit Hoffmannstropfen hatte; rechts die sehr bedeutende Buchhandlung. Das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.