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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-05 · Heft 1 (5.1.1888) · p. Seite 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 1 (5.1.1888)
Date
1888-01-05
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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13 den ich seiner Fragen und Antworten willen besonders mochte. Diese Kraft, selbst in den schwersten Prüfungen den nie rastenden Anforderungen des Lebens zu genügen und unter den schmerzlichsten Empfindungen die einmal übernommenen Pflichten zu erfüllen, ward mir niemals untreu. Die Zeit, welche von meinem Abgang von der Kranzschule bis zum Eintritt in das Gymnasium verlief, benutzte ich eifrig. Ich besuchte das Beth Hamidrasch des Herrn Cohn, eines sehr unterrichteten, methodisch gebildeten und sehr wohlwollenden Mannes, und arbeitete aufs Fleißigste Latein, bald auch bei einem Freunde meines Bruders Griechisch, für welche letztere Sprache ich eine große Borliebe gewann. Ich hatte so Gelegenheit, die Bedeutung der Selbsthülfe frühzeitig zu erfahren. Zu Ostern 1826 übersiedclte ich nach Halle. Selbstverständlich sollte ich in die „Lateinische Schule", wie das Gymnasium der großen Francke'schen Waisenstiftung genannt wurde, als Externer eintreten und bei meinem Bruder, der Medizin studirte, wohnen. Aber der Eintritt in diese Schule war für mich nicht leicht. Als ich mich bei dem Rektor Dieck meldete, wies mich derselbe rundweg ab, weil das Gymnasium ein rein protestantisches sei und noch niemals einen jüdischen Knaben ausgenommen habe. Man kann sich vorstellen, wie niedergeschlagen ich war. Aber mein Bruder gab die Hoffnung nicht auf. Er ging mit mir zu dem Direktor der gesammten Stiftungen, dem als rationalistischer Theologe und pädagogischer Schriftsteller berühmten Kanzler der Universität Herrmann August Niemeyer. Als wir vor der Thür seines Arbeitszimmers angelangt waren, hörten wir darin musiziren und zögerten, einzutreten. Wir warteten eine Pause ab und fanden den 72 jährigen Greis wirklich am Claviere sitzend. Er war von hoher, iniponirender Gestalt und sein von Silberhaar umrahmtes Gesicht zeugte von ebenso vieler Menschenfreundlichkeit wie Intelligenz. Als ihm mein Bruder das Geschehene vorgetragen, zeigte er sich fast entrüstet. „Wie", rief er aus, „wir sollten froh sein, wen» die Juden sich uns nähern, und sie heranziehen, wenn sie nach Bildung streben, nicht aber sie zurückweisen!" Er setzte sich nieder und schrieb kurzweg die Worte: „Der Knabe L. Ph. ist sofort in die Schule aufzunehmen." Dann legte er wie segnend die Hand auf mein Haupt, und sagte: „Nimm dich in Acht, mein Sohn; du kommst da in eine Arche Noäh, halte dich zu den Guten und es wird dir gut gehen." Die Worte des ehrwürdigen Greises machten einen so tiefen Eindruck auf mich, daß sie mein Gedächtniß genau bewahrte. Mit diesem Bescheide ging ich doch zagend zu dem Rektor zurück, denn ich fürchtete, daß er ihn übel aufnehmen würde. Dies war aber nicht der Fall und sowohl bei der Prüfung, die er sofort mit mir vornahm, wie während meines ganzen Gymnasiallebcns, zeigte er mir stets den Ernst, aber auch das Wohlwollen des Leiters einer so großen Lehranstalt. Ein gleiches Wohlwollen bezeugten mir auch sämmtliche Lehrer und auch von den Schulkameraden hatte ich auch nicht die geringste üble Behandlung zu ertragen. Es wehete eben damals eine andere geistige Luft. Nach der Prüfung, die besonders schriftlich gut ausfiel, versetzte mich der Rektor nach Oberquarta, so daß ich sechs untere Klassen übersprang und außer der Selekta nur noch sechs Klassen durchzumachen hatte. Diese „Lateinische Schule" hatte damals — wie ihre gegenwärtige Einrichtung ist, weiß ich nicht — eine eigen* thümliche Organisation. Sie hatte 13 Klassen, für jede einen halbjährigen Cursus, so daß in der Regel über die Hälfte der Schüler mit einem halben Jahre durch die Classe kam. Außerdem konnte man in der Mitte des Semesters sich „überführen" lassen, so daß man nach einer besonderen Prüfung mitten im Halbjahre in die nächste Klasse versetzt ward, welche man natürlich mit dem nächsten Vierteljahre durchmachen mußte, weil dann der gewonnene Vortheil wieder verloren gegangen wäre. Man sieht leicht ein, daß diese Einrichtung für besonders fähige und fleißige Knaben eine große Förderung war und der Schulpedanterie einen Riegel vorschob. Hierzu kam, daß bei den verhältnißmäßig geringen Gehältern, welche die Anstalt den Lehrern gewähren konnte, ein oftmaliger Lehrerwechsel unvermeidlich war. Die Stellen wurden gewissermaßen als ein empfehlender Durchgang zu höhere» und besser dotirten Lehrerstellen angesehen. Wir hatten deßhalb bis zur Obersekunda und Prima mit geringer Ausnahme nur junge Lehrer, die noch der freiesten Geistesbewegung und des jugendlichen Enthusiasmus für ihren Beruf voll waren. Dies Alles wirkte höchst vortheilhaft auf die Schüler; die Lehrer waren überaus zugänglich und nahmen sich gern des Schülers, der noch Lücken hatte, falls er sonst Anlagen und Fleiß zeigte, freundlichst an. Sie waren auch mit der neuesten Literatur bekannter, als es alte Schulinänner zu sein pflegen und machten uns gern damit vertraut. Es zeigte sich dies namentlich in der besonderen Pflege, welche sie durchgehends den deutschen Aufsätzen augedeihen ließen, auf welchen sie einen besonderen Werth legten und wobei sie auf Reinheit der Sprache und den Wegfall aller Ueberschwenglichkeit hielten. — Ich war vierzehn Tage vor dem Beginne der Schule in Halle angekommen und hatte deßhalb Muße, Stadt und Umgebung kennen zu lernen. Das damalige Halle war — also vor 60 Jahren — sehr verschieden von dem jetzige». Es war kein angenehmer Aufenthaltsort, was jedoch die Jugend nicht abhielt, sich sehr wohl daselbst zu fühlen und auch ich habe glückliche Jahre daselbst verlebt. Schon von Weitem zeigte ein lästiger Torf- und Steinkohlengeruch die Nähe der Stadt an. Von Industrie

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