Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1888)
- Date
- 1888-01-05
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 gang der Angelegenheit zu empfinden berechtigt ist, wird man doch gut thun, die Wirkung derselben nicht zu überschätzen. Schönerers Geltung und Macht werden, wenigstens vorläufig, keine merkbare Einbuße erleiden, seine Gefolgschaft wird sich nicht vermindern, denn diese besteht zum Theil aus verworrenen Köpfen, die man mit einigen geschickten Phrasen von der Sache ablenkt, zum Theil aus Strebern und unlauteren Elementen, die niemals aufrichtig an die so laut verkündeten Principien geglaubt haben, also auch nicht weiter davon berührt werden, wenn eines derselben, und sei es selbst das fundamentalste ihres Bekenntnisses, in der Person ihres Führers tödtlich getroffen wird. — Die Menschen, die sich nicht von ihm abgewendet haben, als gerichtlich constatirt wurde, daß er aus Rancune gegen seine Mutter und seine Schwester das von diesen beiden bewohnte Haus mit Prostituirten bevölkert hat, werden ihm auch jetzt, nach dieser neuesten Enthüllung, die Gefolgschaft nicht versagen. Der Kampf gegen Schönerer müßte in ganz anderer Weise geführt werden, wenn er Erfolg haben sollte. Die hiesigen liberale» Blätter haben es vor Jahren unter einander vereinbart, Schönerer todtzuschweigen, und sactisch wird sein Name in den meisten Blättern niemals genannt, obwohl die Leiter derselben längst erkannt haben müssen, wie verfehlt dieses Stratagem war, und daß Schönerer Mittel und Wege gefunden hat, seinen Namen bis in die entlegensten Winkel Oesterreichs zu tragen. Das Richtige wäre gewesen, die Lügen und Entstellungen, an denen die antisemitische Presse so reich ist, unermüdlich aufzudecken und die Hohlheit und Nichtigkeit der dort aufgestellten Theorien nachzuweisen, ohne an Wiederholungen Anstoß zu nehmen. Mit vornehmem Jgnoriren war es da nicht gethan. Jetzt freilich ist es zu spät; die Macht des Mannes wächst täglich, mit jeder neuen Wahl vermehrt sich die Anzahl seiner Anhänger in den Vertretungskörpern, und selbst die Regierung läßt ihn jetzt mehr gewähren als in srüheren Zeiten. So wurde vor einiger Zeit erzählt, daß der Rabbiner einer benachbarten Gemeinde bei einem der leitenden Staatsmänner Klage darüber geführt habe, daß die verhetzenden Artikel der antisemitischen Presse geduldet würden, und die Antwort erhielt, daß von den Geschworenen keine Verurtheilung derselben zu erwarten sei. Aber den Muth wollen wir deshalb doch nicht sinken lassen; wir vertrauen auf das alte Wort: hn.s oipaa 3'Tn'ri’ ■noy r&stni nn Pest. 23. December. (Privatmitth.) Nach dem Berichte des Ungar. Unterrichtsministers über das Schul- und Unterrichtswesen in Ungarn im Jahre 1886/87 wurden die öffentlichen Schulen von 91,728 jüdischen Kindern besucht. Es giebt in Ungarn' 526 jüdische Schulen und zwar 412 mit ungarischer Unterrichtssprache, 103 mit ungarischer und deutscher, 3 mit ungarischer und kroatischer und 8 mit deutscher Unterrichtssprache. In den ungar. Volksschulen wirkten zusammen 23,980 Lehrer, davon waren 937 Inden. — Die Ungar. Universitäten zählen im Berichtsjahre 3593 Hörer, unter diesen 1121 Juden und zwar 664 Mediciner, 396 Juristen, 45 Philosophen, einschließlich derjenigen, welche zugleich Hörer des Ungar. Rabbiner-Seminars sind, und 16 Pharmaceuten. Italien. Rom, im Dec. Bekanntlich feiert Leo XIII. nächstens sein 50jähriges Priesterjubiläum, und erhält er hierzu von den Katholiken aller Welttheile reiche Geschenke. Als Curiosum muß man erwähnen, daß auch der bekannte jüdische Magus des Nordens, der Wunderrabbi von Sadagora, der Unfehlbare der Bukowina, dem Papst ein Geschenk geschickt hat, bestehend in einer alten, mit Edelsteinen verzierten Bibel. „La Voce della Veritä“, das bekannte klerikale römische Blatt, spricht von Sr. Ehrwürden als von dem „Papa degli Ebrei ortodossi“ (Papst der orthodoxen Juden). Das ist er aber noch lange nicht! Frankreich. Paris, 25. Dec. Die Baronin Salomon von Rothschild, welche jüngst die Summe von 120,000 Frcs. den israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten in Frankfurt am Main hat zukommen lassen, spendete dem israelitischen Asyl für Kinder und dem Verein für Wöchnerinnen bedeutende Gaben, ferner 25,000 Frcs. für das Rothschild'sche Hospital, 25,000 Frcs. an das Wohlhätigkeitscomitv, 10,000 Frcs. für die Arbeitsschule, 15,000 Frcs. für das zu gründende Asyl für Knaben. In der That mehren sich die Fonds der israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten in Paris, aber auch die Zahl der Bedürftigen wächst durch den Zuzug aus Osten in starkem Maße. — Aus den Vorschlag des Ministers ist die Decoration für „Ritter des landwirthschaftlichen Verdienstes" bewilligt worden: Herrn Edmond Joval, Ingenieur in Algerien, der mit ausgezeichnetem Erfolge die Ausbeutung der Zania - Sidi- Mohammed - Scherif dirigirt; und Herrn Louis Marx zu Marseille, einem ausgezeichneten Chemiker. — Zu Ehren des i vor Kurzem verstorbenen Herrn Eduard Kann, des Generalsecretärs der Alliance, hat die letztere die Reden veröffentlicht, welche am Sarge des verdienstvollen Mannes folgende Herren hielten: Der Großrabbiner Zadoc Kahn, der Advocat Narziß Lewen, Michel Brval, Mitglied des Instituts, im Namen der Schulen Sevigno, Katz im Namen der jüdischrussischen Studenten in Paris, für welche der Verstorbene ein großes Interesse bethätigte, endlich Pinienta aus Tanger im Namen der dortigen Gemeinde.