Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1888)
- Date
- 1888-01-05
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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11 IW8SWWWW 'V'-- i ■ Rußland. Warschau, 20. December. lieber die schon erwähnte 1 Bestrafung des Redacteurs der Zeitung („Dziennik dla | wszystkich" bringt der „Warsz. Du." folgende Bekannt- ( machung des General-Adjutanten Gurko: „In der Nr. 281 vom 5. (17.) December der Warschauer Zeitung „Tageblatt für Alle" („Dziennik dla wszystkich"), welche von Heinrich Pershinfki redigirt wird, wurde unter der Ueberschrift „Ein Ereigniß" mitgetheilt, daß gestern, d. h. den 4. December, beim Passiren eines Mannes, der in einem Korbe Oblaten i trug und den Korb mit einer Decke verhüllt hatte, auf der ein Kreuz gestickt war, die ihm begegnenden Juden ausspieen und als Jener sie deshalb zurechtwies, zehn Mann hoch über ihn hergefallen seien und ihn bis zur Unkenntlichkeit gemißhandelt und dabei den Korb mit den Oblaten mit Füßen ' getreten hätten. Auf das Geschrei des Geprügelten sei Polizei z erschienen und habe die Hauptschuldigen abgeführt. Aus dem I nur zugegangenen Bericht des Warschauer Oberpolizeimeisters ii vom 8. c. geht hervor, daß ein solcher Auftritt in Warschau nirgends stattgefunden hat. Da nun einerseits die Unrichtigkeit der Nachricht erwiesen, andererseits zu bedenken ist, daß durch eine solche Mittheilung über einen angeblichen frechen Ueberfall von Christen durch Juden und die Verhöhnung religiöser Gegenstände unbegründeter Weise das religiöse Gefühl der örtlichen Christen empört und dem jüdischen Element gegenüber Haß erregt und dadurch die öffentliche Ruhe , gefährdet werden kann, habe ich es für nöthig erachtet, Kraft f der mir durch das Gesetz vom 20. September 1876 ertheil- % ten Vollmachten, den Redacteur des „Dziennik dla wszystkich" | wegen der Veröffentlichung dieser falschen Nachricht einer I Geldbuße von 1000 Rubeln zu unterwerfen, welche im Nichtzahlungsfalle durch eine dreimonatliche Arreststrafe ersetzt wird, — indem ich zugleich den Warschauer Oberpolizeimeister mit ungesäumter Vollstreckung beauftrage." Großbritanien. ’i Birmingham, im December. Zum Lordmajor der hie- § ftgctt Stadt wurde Herr M. Pollack, Israelit von deutscher! Abkunft, der seit 37 Jahren in England wohnt und sich die allgemeinste Achtung erworben hat, gewählt. Spanien. : Madrid, 15. Sec. (Pnvatmitth.) Die hier erscheinende ' „Spanisch-Deutsche Revue" enthält einen Artikel „über die; spanisch-portugiesischen Juden der Gegenwart" von Dr. M. ’ Grünwald, Rabbiner in Jungbunzlau. Der Artikel geht ] darauf hinaus, zu bezeugen, daß die Abkömmlinge der aus 4 Spanien vertriebenen Juden noch jetzt an Spanien hängen, i indem sie noch immer eine lebhafte Literatur in spanischer Sprache betreiben. Der Aufsatz ist in keiner Beziehung ausreichend, begnügt sich in Bezug auf die frühere Literatur mit dem Hinweis auf los Rios, ohne z. B. der Schriften Kayserling's zu erwähnen, bringt aber folgende interessante Notizen: „Einzig in der Geschichte dastehend ist es aber, daß ein Volk, das in der Fremde, fern vom Heiinathslande, zu leben gezwungen ist, während vierhundert Jahre treu die heimathliche Sprache bewahrt hat und in derselben bis auf die Gegenwart literarisch thätig gewesen ist. Und diese Literatur ist durchaus nicht, wie man anzunehmen geneigt sein könnte, auf das religiöse Gebiet beschränkt. Im Gegentheil erscheinen neben Veröffentlichungen religiösen Inhalts, die sich mit Talmudstudium, der Neugestaltung des Judenthums und ähnlichen Fragen beschäftigen, solche politischen, belletristischen und humoristischen Inhalts, wenngleich ich glaube, daß der nivellirende Zug unserer Zeit auch diese Literatur bald vollends beseitigen wird, weshalb es doppelt interessant ist, diese letzten Spuren kennen zu lernen, ehe sie ganz verwischt sind. Als Mittelpunkte der spanisch-portugiesischen Juden sind vornehmlich zu nennen: Wien, Budapest, Amsterdam, Hamburg, Constantinopel, Salouichi, Smyrna und endlich Jerusalem. In Wien hatte ich Gelegenheit, die literarische Thätigkeit der dortigen Colonie zu beobachte», dank der Bekanntschaft mit den Redacteuren der daselbst in spanischer Sprache, mit hebräischen Buchstaben gedruckten, zweimal wöchentlich erscheinenden, Politischen Blätter „El Correo de Vienna" und „La Politica" und der belletristischen Monatsschrift „La guerta de historia". Der verdiente Mann hieß A. Semo; er hat sich große Verdienste um die Erhaltung der spanischen Sprache unter seinen Glaubensgenossen erworben. Eine wahrhaft überraschende journalistische Thätigkeit entfalten die spanischen Juden indessen im Orient: in Constantinopel erscheinen zwei politische Blätter, „El Nacional", dreimal wöchentlich, unter der Leitung von Dario Fresco. Neben der Politik beschäftigt sich diese Zeitung mit Handel, Literatur und Wissenschaft. Das Format ist demjenigen des Pester Lloyd gleich. Das andere Blatt heißt „El Tiempo" und erscheint ebenfalls dreimal die Woche. Diese fast ausschließlich politische Zeitung soll gegen 2000 Abonnenten haben. In Salonichi, wo am zahlreichsten spanische Juden leben, erscheint die Zeitung „La Epoca, revista politica, comercial y literaria". In Smyrna erscheint die „Esperanza" alle Donnerstag unter der Leitung Joseph Chasan's. Diese Stadt ist überhaupt der wichtigste Ort für die gegenwärtige Literatur der spanisch-portugiesischen Juden. Dickleibige Romane, Dramen und Comödien erscheinen daselbst alljährlich. Auch fehlt es nicht an humoristischen Zeitschriften, wie die noch kürzlich in Wien erscheinende Wochenschrift „Risibisi",