Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1888)
- Date
- 1888-01-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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gewiß unbegründete Ansicht, daß Prinz Wilhelm sich im Gegensatz zu seinem Vater in irgend eine Gemeinschaft mit dem Politiker und Agitator Stöcker, nicht mit dem Geistlichen und Hofprediger begeben habe, hat weit über die Kreise des Liberalismus hinaus Befremden erregt, welches nicht zu untere schätzen ist in einer Zeit, in welcher man mit den allgemeinen und mächtigen Sympathien für den krank in der Ferne weilenden Kronprinzen als einem sehr wichtigen Factor zu rechnen hat Die officiösen Artikel gegen die Christlich-Socialen und Herrn Stöcker sollen offenbar dem Versuch Vorbeugen, aus der Theilnahme des Prinzen Wilhelm an jener Ver^ sammlung eine politische Zukunft der Stöckerichen Schöpfung herzuleiten. Herr Stöcker war dazu auf dem besten Wege. Man will sogar wissen, daß eine gewisse mächtige Stelle, deren Fürsorge sich nicht nur auf die Gegenwart, sondern 6 auch auf die Zukunft erstreckt, beim Kaiser selbst Schritte gethan habe, durch die verhindert werden wird, daß die Theilnahme eines Prinzen an einer auch nur kirchlichen Zwecken gewidmeten Versammlung als eine Parteinahme für die Stöcker'sche Richtung ausgelegt werden könnte". In allen diesen Kundgebungen, die wir natürlich noch um Vieles vermehren könnten, liegt Stoff genug zum Nachdenken. Es sind offenbar zwei Strömungen in Bewegung, die sich gegenseitig zum Stillstand zu bringen suchen, damit darüber hinaus die eine oder die andere die Oberhand gewinne. Die Zukunft wird darüber entscheiden, aber diese Zukunft liegt doch zumeist in der Hand dessen, der die Geschicke der Menschen und Völker leitet und oft ganz andere Resultate zeitigen läßt, als die Menschen planen, hoffen oder fürchten. %z\Xu ricfyviacyt i*c- |W Deutschland. Berlin, 24. Dec. Das „Deutsche Tageblatt" constatirt in Betreff verschiedener Zeitungs-Besprechungen über die Versammlung für Zwecke der Stadtmission, woran Stöcker theilnahm, Prinz Wilhelm habe in entschiedener Weise die Worte gebraucht: „Ich bin kein Antisemit!" Berlin, 24. Dec. Man schreibt von hier: „Bald nachdem der Kronprinz in San Remo eingetroffen war, wollten, wie man uns mittheilt, die hiesigen Antisemiten eine Ergebenheits- Adresse dorthin abgehen lassen. Die Adresse, die im Kaiserhofe auslag und ein Meisterstück der Schönschreibung war, mußte zurückgezogen werden, weil inzwischen Nachrichten von der Wiedererkrankung des Kronprinzen eingetroffen und hierdurch ein Theil des Inhaltes gegenstandslos geworden war. Jndeß die Absendung einer Adresse nach San Remo ist von den Antisemiten nur vertagt, nicht aufgegeben worden, und da eine Anzahl Berliner Bürger beschlossen hat, an den Kronprinzen eine Neujahrs-Beglückwünschung abgehen zu lassen, so wird Feder, der diese Adresse zu unterzeichnen gedenkt, zuvor von dem Inhalt derselben Kenntniß nehmen müssen, damit er nicht eine etwa gleichzeitig ausliegende Adresse des Deutschen Antisemitenbundes mit seinem Namen versieht. Die Antisemitenkundgebung ist auf den Hofprediger Stöcker zurückzuführen, aber seine Unterschrift fehlte bei der ersten Veranstaltung. Es wird nicht schwer sein, dem Antisemitenfang zu entgehen, da die Adresse Berliner Bürger deutlich erkennbar gemacht wird." Die Aufnahme dieser Adresse bei dem Kronprinzen wird keine sehr günstige sein — allein diese Leute wollen sich ja überall bemerklich machen. — Die Polemik über die Versammlung vom 28. Nov. und ob der Prinz Wilhelm die oben angeführten Worte gesprochen habe, dauert fort, namentlich zwischen der „Kreuzz." und der „Post". Ueber die Lage spricht sich die „Bresl. Ztg." so aus: „Ein Conventikel von politisirenden Theologen und theologisirenden Juristen, der extremen Partei angehörig, ähnlich demjenigen, welches vor fünfzig Jahren als Zirkel der Wilhelmstraße bekannt war, hält den gegenwärtigen Augenblick für geeignet, zu unbedingtem Einfluß zu gelangen, und hat, nach meinem Dafürhalten, ein volles Recht, sich mit diesen Hoffnungen zu tragen. Es hat die Constellation richtig ausgedeutet. Und es wird zu seinem Zwecke um so sicherer gelangen, je wirksamer die pseudoliberalen Elemente die öffentliche Meinung einschläfern und die Zuversicht verbreiten, von reactionären Bestrebungen sei nicht die Rede. Es kann nicht ausbleiben, daß, nachdem die wirthschaftliche Reaction so weit vorgedrungen ist, daß die Getreidezölle 60 pCt. des Werthes betragen, daß, nachdem die politische Reaction so weit vorgedruugen ist, daß die Oeffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen gar nicht mehr als ein schutzbedürftiges Grundrecht gilt, nunmehr auch die kirchliche Reaction mit voller Schärfe eingreifen wird. Es gehört ein hoher Grad von Verblendung dazu, anzunehmen, Herr Stöcker sei durch irgend Etwas, was in den letzten Wochen officiös geschrieben worden, verleugnet oder compromittirt worden. Dem verfrühten Jubel will man Vorbeugen, um in der Stille das Werk desto kräftiger zu fördern, daß ist Alles. Wo die „Stöckerei und Muckerei" Freunde, wo sie Gegner hat, darüber bedarf sie keiner öffentlichen Belehrung, denn für solche Dinge hat sie ohnedies ein scharfes Auge."