Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1888)
- Date
- 1888-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 ft . Hauses Einfluß gewinnen könnte. Gegen einen solchen ist jedes Glied unseres Herrscherhauses schon durch das Beispiel der groben Herrscher aus demselben, vor Allem unseres Kai sers, gefeit, und wir zweifeln nicht, daß die goldenen Worte, mit welchen derselbe sein glorreiches Regiment einleitete, auch seinem Enkel zum Leitstern dienen werde. Allein es läßt sich aus zahlreichen Anzeichen mit Sicherheit erkennen, daß weite Kreise der Bevölkerung und zwar vornehmlich auch solche, welche von entschieden monarchischer und nationaler Gesinnung beseelt sind, mit Besorgniß und beginnendem Mißtrauen erfüllt sind. Gerade in der heutigen Zeit, wo das gegenseitige Vertrauen des Herrschers und des Volkes von so hervor« ragender Bedeutung für die gedeihliche Entwickelung, vielleicht selbst für den Bestand des Reiches ist, erscheint es besonders bedenklich, die Saat des Mißtrauens auszusäen." Diese Auslassungen zeigen deutlich, daß die Furcht vor den Folgen des Manövers des Herrn Stöcker mit einer Speculation auf die Zukunft bis in das freiconservative Lager hinein sich erstreckt. Die „Conservalive Correspondenz" schreibt über Böckel: „Wir haben ihn mit Rücksicht auf die Art und Weise, wie er sich in den Besitz seines Mandats gebracht hat, wie auf andere Momente an demselben Tage, wo er in den Reichstag eintrat, als eine Spielart des Demagogen — mit starken Berührungspunkten mit der Socialdemokratie — bezeichnet, und die zum Theil überaus wüsten Reden, welche dieser Abgeordnete inzwischen in Leipzig, in Hessen und anderwärts gehalten hat, konnten nur dazu dienen, uns in dieser Auffassung zu bestärken. Es heißt den Conservativen doch auch eine unglaubliche Naivetät zumuthen, wenn man von ihnen erwartet, sie würden irgend etwas thun, um die Position eines Mannes zu stärken, der mit seiner „Partei" wesentlich auf unsere Kosten Mandatsjagd treiben will und von der jugendlich unreifen Kritik, mit der er beispielsweise in Leipzig alle bestehenden Parteien übersprudelte, den kräftigsten Theil den Conservativen zuzuwenden pflegt." Die Conservativen suchen also den Herrn Böckel zu beseitigen, weil er eben vielmehr ihr Gegner als ihr Anhänger ist; aber wie wir schon bemerkten, um so greller tritt der Beifall hervor, den sie ihm als Judenhetzer gewährten. Ist doch ihre Gegnerschaft gegen Böckel erst dann hervorgetreten, als er in einer Versammlung gegen Stöcker, das Schoßkind der Conservativen, losdonnerte, nachdem freilich dieser den Herrn Böckel als Antisemiten in der Versammlung der Christlich-Socialen in herber Weise zurückgewiesen hatte. Die „Fankf. Ztg." läßt sich folgendermaßen vernehmen: „Die conservativen Blätter machen noch immer Versuche, den Abgeordneten Böckel von den Rockschößen ihrer Partei abzuschütteln. So weit sie behaupten, daß Herr Böckel eigentlich nicht eonservaüv sei, ja daß er sogar einen angesehenen Conservativen aus seinem Wahlkreise verdrängt habe und einem nicht minder angesehenen Mitgliede der conservativen Partei, Herrn Stöcker, in Volksversammlungen übel mitgespielt habe, sind sie im Recht. Um so schwerer wiegt aber die unbestreitbare Thalsache, daß die Rechte des Reichstages die jüngste Judenhetzrede des Herrn Böckel mit lärmendem Beifall und anderen offenen Kundgebungen innigen Behagens begleitet hat. Wie tief muß der Antisemitismus den Herren im Blute sitzen, wenn sie hingerissen von dem Genuß ebenso alberner wie wüster Ausbrüche die in letzter Zeit wohlweislich geübte Vorsicht außer Acht lassen und einem jungen Manne zujubeln, für den sie sonst allerdings keine besondere Neigung, möglicherweise auch nicht viel Achtung haben mögen. Das beweist nur, daß die sejt den letzten Wahlen aus taktischen und zu Theil sehr materiellen Gründen geübte Zurückhaltung vom Antisemitismus, die sich sogar bis zur gelegentlichen Verleugnung des Herrn Stöcker verstieg, nicht das Resultat besserer Einsicht, sondern nur zeitweiser Berechnung war. Der stürmische Durchbruch judenhetzerischer Neigung scheint nicht nur bei den Conservativen selbst nachträglich, sondern auch an einer über ihnen stehenden Stelle als inopportun empfunden worden zu sein. Das Organ des Herrn Reichskanzlers hat eine Reihe überaus scharfer Artikel gegen die Christlich-Socialen und Antisemiten gebracht, — nebenbei bemerkt, zwei Namen für eine Sache, — in denen sie .ihnen den Charakter politischer Parteien abspricht und ihre Verderblichkeit für eine gesunde Parteibildung, gesund natürlich nach officiösen Begriffen, nachweist. Herr Stöcker kommt dabei wieder.einmal sehr übel weg, und zwischen der „Norddeutschen" auf der einen, der „Kreuzzeitung" und dem „Reichsdoten" auf der anderen Seite, ist darüber eine heftige Fehde entbrannt. Das ist nicht neu, und wir sind die letzten, die einer solchen Beiseiteschiebung des Herrn Hospredigers und seines Anhanges, obwohl sie unzweifelhaft von der bekannten, sehr mächtigen Stelle ausgeht, große praktische Bedeutung beimessen. Herr Stöcker ist so oft bei Seite geschoben und verleugnet worden, wie es nothwendig war, und ebenso oft als ein zwar nicht geachteter, aber doch nützlicher Bundesgenosse wieder hervorgeholt worden. Interessant ist der Fußtritt, den er in hohem Aufträge jetzt erhält, nur wegen seines Ursprungs und der Zeit, in die er fällt. Mit der Rede des Herrn Böckel fallen die officiösen Artikel gegen Stöcker und seine Partei wohl nur zufällig zusammen, allerdings durch einen Zufall, dem man dankbar sein darf; ihren eigentlichen Ausgangspunkt bildet sicher die bekannte Versammlung beim Grafen Waldersee im Interesse der Stöckerschen Stadtmission, an der Prinz Wilhelm sich betheiligt und für die Ausbreitung des christlich-socialen Gedankens — natürlich in anderem Sinne als Herr Stöcker — sich ausgesprochen hat. Das hat viel böses Blut gemacht, und die