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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-01-05 · Heft 1 (5.1.1888) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 1 (5.1.1888)
Date
1888-01-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Zur Lage im deutschen Reiche. Im Augenblicksbilde der gegenwärtigen Lage im deutschen Reiche, namentlich in den höheren Kreisen treten vier charakteristische Züge hervor: Erstens die Krankheit des Kronprinzen, welche das tiefste Mitgefühl weit über die Grenzen der deutschen Nation heraus in zahllosen Herzen weckt; zweitens die Versammlung beim Grasen Waldersee, in welcher Prinz Wilhelm und Stöcker die Ansprachen hielten, und in der die Beschaffung größerer Mittel für die von Stöcker geleitete Stadtmission, also in die Hände Stöckels berathen wurde; drittens der „stürmische Beifall", welchen die Conservativen der Hetzrede Böckel's gegen die Juden, besonders als der Präsident den Abg. Richter zur Ordnung rief, weil er jene Hetzrede unterbrochen, ertheilten; endlich viertens die scharfen Artikel, in welchen das reichskanzlerische Organ, die „Norddeutsche Allg. Zeitung" die Christlich-Socialen und die Antisemiten verurtheilt und Stöcker zurechtweist. Ad 2 bemühte man sich, die Bedeutung dieser Versammlung abzuschwächen und sie allein als kirchliche Zwecke verfolgend zu erklären. Ad 3 haben seitdem die conservcnwerr Organe Böckel wieder abzuschütteln gesucht, indem sie nachwiesen, daß dieser gar kein Conservativer, sondern ein Demagoge, den Socialdemokraten ganz nahe, sei. Dies mag immerhin richtig sein, aber desto mehr verrieth sich die antisemitische Gesinnung der Conservativen durch den unmittelbar aus ihrem Geiste hervorbrechenden Beifallssturm zu der Hetzrede Böckel's. Alles dies hat noch einen dunkleren Hintergrund, welcher der öffentlichen Kenntniß nicht entgangen ist. Außer dem patriotischen Interesse, welches wir als deutsche Männer an diesen Vorgängen nehmen, fühlen wir als Juden recht wohl, wie sehr wir für die Zukunft an dieser Entwickelung tethetligt sind. Doch wir selbst wollen nicht urth eilen, stellen vielmehr die Aeußerungen öffentlicher Organe hier zusammen. Am eingehendsten hat sich die „N. fr. Pr." ausgesprochen, deren desfallsigen Artikel auch die „Voss. Ztg." reproducirte. Er lautet: „Das Deutsche Reich hat vielleicht noch niemals mit solcher Wärme empfunden, was es an dem deutschen Kronprinzen besitzt, wie in dem Augenblicke, wo es fürchten mußte, ihn zu verlieren. Die Krankheit, welche selbst die Feinde der Dynastie zu Mitleid bewegt, wird in Deutschland zur politischen Speculation und zur Förderung des verwerflichsten Egoismus ausgenützt. Männer, welche dem Vater in der tiefsten Seele widerwärtig waren, drängen sich jetzt an den Sohn heran, mißbrauchen seinen Namen, verkünden, ihre Zeit sei jetzt gekommen und der mächtige Arm des künftigen Monarchen für ihre Pläne gewonnen. Diese Leute waren unausgesetzt bemüht, den Schein zu erwecken, als bestände eine tiefe Klufl zwischen dem Kronprinzen, der wie ein getroffener Adler in der Verborgenheit seine Wunde heilt, und dem ' Erstgeborenen der edlen Victoria. In diesen Kreisen wurden die Rathgeber des Kronprinzen, welche die Operation verhindert hatten, am meisten geschmäht, dort wurde vom ersten Tage des Leidens der Zweifel an dem Vorhandensein - des Krebsgeschwüres als ein Mangel an nationaler Gesinnung, als Mißtrauen in das Können der deutschen Medicin getadelt. Man wollte die Meinung nicht aufkommen lassen, daß doch noch Hilfe möglich sei, damit jene Elemente, die ihr Angesicht stets der ausgehenden Sonne zuwenden, jene Rücksicht auf die politischen Anschauungen des Kronprinzen für überflüssig halten und sich ganz der Strömung hingeben, welche nicht zum Couservatismus, sondern zur rohen Klassenherrschaft führt .... Dieses gefährliche Leiden schien eine neue Gestaltung der inneren Politik in Deutschland zu verheißen, und sofort stürzten Jene herbei, welche stets den Staat ausbeuteten, die Junker, welchen das Bürgerthum ein Dorn im Auge ist, die Mucker, welche das Christenthum zum Deckmantel ihres maßlosen Ehrgeizes machen, die jetzt zurückgedrängten Streber, die vielleicht bis in die Regionen hinaufreichen, wo auch Fürst Bismarck jüngst seine Feinde und die Bundesgenossen der Actenfälscher zu entdecken glaubte. Mit welchem Hasse wurde jener englische Arzt verfolgt, welcher in seiner Diagnose schwankte und sich nicht entschließen konnte, das wissenschaftliche Todesurtheil auszusprechen. Wenn der Kronprinz nicht einen so felsenstarken Charakter besitzen würde, so würde er die Besinnung verloren und den Gedanken gefaßt haben, daß er nie mehr im Stande sein werde, seinem Volke Dienste zu leisten. Ein Augenblick der Schwäche hätte genügt, um den Entschluß zu reifen, das Leben in der Einsamkeit zu beenden und auf den Glanz der Kaiserkrone zu verzichten. Der Sieger von Wörth ist aber nicht so leicht zu beugen. Er blickt dem Geschick fest ins Angesicht und harrt unerschüttert aus." Wenn man diese Aeußerungen der oppositionellen Partei zuschreiben wollte, so hätte ein Artikel der freiconservativen „Post" um so mehr Bedeutung. Sie wendet sich an leitender Stelle gegen den Versuch der hochkirchlichen Richtung, im Anschluß an das schwere Leiden des Kronprinzen Terrain zu gewinnen. Sie erblickt darin eine Gefährdung des nationalen Gedankens und constatirt, daß die gebildeten Kreise der Nation einen Widerwillen gegen Stöckerei und Muckerei haben. Es werde Aufgabe einer weisen Regierungspolitik sein, dafür zu sorgen, daß der neueste hochkirchliche Vorstoß über die Bedeutung einer Episode im politischen Leben der Gegenwart nicht hinausgelange. Dann fährt das freieonservative Blatt fort: „Dazu kommt, daß die Beflissenheit, mit welcher die Stöckerei sich an die Sohlen des Prinzen Wilhelm anzuheften sucht, für diesen und für seine künftigen Aufgaben nur schädliche Folgen haben kann; nicht als ob wir befürchten, daß diese Richtung auf einen jungen kräftigen Sproß des Hohenzollern-

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