Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1888)
- Date
- 1888-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 logische Linie verfolgt, um an ihr die Meinungen und Aussprüche der h. Sänger zusammenzustellen. Aber der Reichthum derselben geht noch weit darüber hinaus, und wir wollen sie im Folgenden sammeln. (Fortsetzung folgt.) Äus dem deutschen Reichstage. Die Conservativen im Reichstage haben dem Abgeordneten Böckel, als er in der Verhandlung über die Erhöhung der Getreidezölle seine wüsten Expectorationen gegen die Juden löslich, zugejubelt. Sie haben ihm am Schluffe seiner Rede „stürmischen Beifall" gezollt. Dies ist durch den stenographischen Bericht festgenagelt. Hinterdrein kommt die Reue. Sie wollen das Geschehene vergessen machen. Dies wird ihnen schwerlich gelingen. Ihr eigentliches Organ, die „Conservative Korrespondenz" spendet dem Abg. Böckel einen Abschiedsgruß. Sie sagt: „Wir haben ihn mit Rücksicht auf die Art und Weise, wie er sich in den Besitz seines Mandats gebracht hat, wie auf andere Momente an demselben Tage, wo er in den Reichstag eintrat, als eine Spielart des Demagogen — mit starken Berührungspunkten mit der Socialdemokratie — bezeichnet, und die zum Theil überaus wüsten Reden, welche dieser Abgeordnete inzwischen in Leipzig, in Hessen und anderwärts gehalten hat, konnten nur dazu dienen, uns in dieser Auffassung zu bestärken. Es heißt den Conservativen doch auch eine unglaubliche Naivetät zumuthen, wenn man von ihnen erwartet, sie würden irgend etwas thun, um die Position eines Mannes zu stärken, der mit seiner „Partei" wesentlich auf unsere Kosten Mandatsjagd treiben will und von der jugendlich unreifen Kritik, mit der er beispielsweise in Leipzig alle bestehenden Parteien übersprudelte, den kräftigsten Theil den Conservativen zuzuwenden pflegt." Es folgt dann nach einem Hinweise darauf, daß gelegentlicher Beifall zu Nichts verpflichte und daß er in diesem Falle weniger den Worten des Redners, als der Abfertigung des ' Abg. Richter durch den Präsidenten gegolten habe, die Versicherung, die conservative Partei werde „Alles daransetzen, um Herrn vr. Böckel bei der nächsten Wahl aus dem Reichstage wieder zu entfernen." Wir haben dem Auftreten Böckels in der Sitzung des Reichstages vom 14. d. nur die eine Bedeutung zugeschrieben, in wiefern die conservative Partei ihm ihre Zustimmung, ihren stürmischen Beifall gewährte, und dadurch ihre antisemitische Gesinnung recht unmittelbar zu erkennen gab. Was bedeutet uns nun, daß sie durch ihr Organ die Aeußerung ihrer Gesinnung abzuschwächen und Böckel vor die Thüre zu setzen versucht? Böckel ist ihr darum zuwider, weil er in Rede und Abstimmung sich als Demokrat kundgegeben, wiederholt gegen die Conservativen gestimmt und über deren Partei ein wegwerfendes Urtheil gesprochen hat. Aber Böckel ist vor Allem Antisemit, und weil er in der Zollerhöhung auf Getreide nach seinem völlig unreifen Urtheil eine Waffe gegen die Juden sieht, stellt er sich in dieser Frage gegen seine sonstige Anschauungsweise auf die Seite der Conservativen. Ihm ist eben jede politische Ansicht und Partei gleichgültig wenn sie nicht gegen die Juden gerichtet ist. Das conservative Organ behauptet nun, .daß seine Partei nicht Böckel, sondern dem Verfahren des Präsidenten gegen den, Böckel unterbrechenden und zurechtweisenden Abg. Richter ihre Zustimmung ausgedrückt habe. Dies ist aber, wie der stenographische Bericht beweist, unwahr: die Zustimmung hatte das direkte Motiv, daß Böckel seine antisemitische Rede fortsetze und vollende, und gab dieser am Schluffe in kräftigster Weise vollste Zustimmung zu erkennen. Dies ist für uns genügend. Daß die Partei sogleich dem Böckel die Absage ertheilt und verhindern will, daß er wiedergewählt werde, ist uns ganz angenehm, aber beweist nichts gegen den Antisemitismus der Conservativen. Man darf nicht vergessen, daß zwischen Böckel und Stöcker ein Streit ausgebrochen, der wie ein Kampf auf Tod und Leben aussieht. Sie behandeln einander, wie wenn der Eine oder der Andere ein Jude wäre. Die beiden antisemitischen Helden schleudern einander Ausbrüche der äußersten Verachtung zu. . Man wird nicht in Verlegenheit kommen, sich dies zu erklären. Der Eine wie der Andere will an der Spitze der antisemitischen Agitation stehen. Stöcker geht seit einiger Zeit etwas vorsichtig zu Werke; Böckel geht wie ein Stier auf die Mauer los. Dadurch gewinnt dieser einen Vorsprung vor Stöcker und setzt jenen in den Angen der entschiedenen Antisemiten in den Schatten. Für die Conservativen liegt deshalb die Frage vor, ob sie sich für Stöcker oder Böckel entscheiden wollen? Die Entscheidung ist kaum zweifelhaft; an Stöcker haben sie einen getreuen Schildträger und sagt er ihnen schon durch seine hyperorthodoxe Richtung zu. Haben sie sich durch den Moment hinreißen lassen, Böckel wegen seiner krassen Auslassungen gegen die Juden zuzujubeln, so kommt die Reue nach und es ist ihnen Bedürfniß, Böckel wieder abzuschütteln. Wir vermögen deshalb auf die oben angeführten Urtheile der „Cons. Corr." kein Gewicht zu legen und müssen zu unserem Bedauern dabei beharren, daß die conservativen Mitglieder des Reichstages ihre antisemitische Gesinnung so knndgethan haben, wie wir es doch nicht vermuthet hätten. Diese Ueberzeugung, die uns die Conservativen selbst beigebracht, wird uns nicht eher wieder verlassen, als bis jene durch irgend Thatsachen den Gegenbeweis geliefert haben werden. Doch geben wir dieser Hoffnung wenig Raum.