Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1886)
- Date
- 1886-12-21
- Page
- Seite 830 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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830 Angeklagter: Herr Richter, kennen Sie den Emanuel Paschkes? Richter: Ich habe nicht das Vergnügen. Angeklagter: Ist mir wirklich leid, Herr Richter, denn er ist ein sehr feiner Mensch. Und wenn Emanuel Paschkes etwas sagt, darauf können Sie Gift nehmen. Nun sehen Sie, der Emanuel Paschkes ist einmal zu mir gekommen und hat mir gesagt, ich soll mich vor Moritz Löwy hüten, denn er ist ein Mensch, bei dem das Fleisch unbegossen und ungesalzen zugesetzt wird. Herr Richter, ich sage Ihnen, das ist eine solche Sünde, als ob Jemand am Samstag mit einer brennenden Cigarre im Munde über die Gasse gehen würde. Richter: Ihrer Behauptung gemäß wäre also das Gerücht von Emanuel Paschkes ausgegangen. Angeklagter: Von ihm kann es ausgegangen sein, von mir ist überhaupt nie etwas ausgegangen. Richter: Ist Emanuel Paschkes, auf den Sie sich berufen, hier? Angeklagter: Warum soll er hier sein? Er ist ein Bischen weit von hier; er wohnt seit anderthalb Jahren in Amerika. Schreiben Sie einen Brief an ihn, Herr Richter, unser Notär wird Ihnen die Adresse geben, er hat sie ausgeschrieben. Fragen Sie Paschkes, ob ich Recht habe nnd er wird Ihnen antworten: „Lieber Herr Richter! Ich habe mit meinen eigenen allen beiden Augen gesehen, wie man bei Lindenbaum „trefe" gekocht hat. Achtungsvoll Emanuel Paschkes." Die Verhandlung wird hierauf unterbrochen und erst nach vier Monaten fortgesetzt. Mittlerweile wurde ermittelt, daß Emanuel Paschkes, übrigens ein gebürtiger Altofner, gegenwärtig auf der von ihm selbst gegründeten Farm „Neu- Altofen" auf dem Territorium Idaho, Staat Minnesota, ansässig sei. Der österreichisch-ungarische Konsul in St. Paul erhielt den Auftrag, Paschkes in der Angelegenheit zu vernehmen, was mit ziemlichen Schwierigkeiten und großen Kosten verbunden war, da Paschkes zu diesem Behufe einen vierzigstündigen Landritt und eine zweitägige Fahrt auf der Northern-Pacific-Eisenbahn macken mußte, um vor der Konsularbehörde unter Eid zu erklären, daß er von der ganzen Angelegenheit gar nichts wisse und sich durchaus nicht erinnern könne, mit Löwy je über den Haushalt Lindenbaum's gesprochen zu haben. Hievon verständigte der Konsularagent den Bezirksrichter, die 126 Dollars betragende Spesenrechnung Paschkes' beischließend. Demgemäß verurtheilte der Bezirksrichter den Angeklagten, der sich auf keinen anderen Zeugen berufen und den Wahrheitsbeweis nicht erbringen konnte, wegen Ehrenbeleidigung zu 5 fl. Geldstrafe und zum Ersätze der Prozeßkosten von 318 fl. Angeklagter: Dreihundertachtzehn Gulden? So viel Geld Hab' ich in meinem Leben nicht beisammen gesehen. Richter: Geben Sie sich mit dem Urtheil zufrieden? Angeklagter: Gleich werd' ich mich zufrieden geben und betteln geh'n. Alle „trefenen" Juden der Welt sind keine 318 fl. werth. Paschkes ist in Amerika auch „trefe" geworden. Ich appellire bis zum Kaiser. Warum läßt man mich Alles beweisen? Lindenbaum soll beweisen, daß er Recht hat. So leicht wird man mit mir nicht fertig! Der Islam in Afrika. Wir hatten schon früher nach Berichten von Reisenden gelegentlich die Bemerkung gemacht, daß, während die mohammedanischen Staaten immer ohnmächtiger werden und dem gänzlichen Verfall entgegengehen, der Islam als Religion riesige Fortschritte in Asien, besonders in Indien und dem westlichen China, aber auch in Afrika mache, wo er immer mehr von Norden her in die Centralländer dringe und die Neger dem Feschitismus entziehe. Man hatte diese Beobachtung von mehreren Seiten in Zweifel gezogen. Neulich hielt nun bei Gelegenheit der colonialen und indischen Ausstellung der bekannte Reisende Joseph Thompson, welcher so tief in Jnnerafrika eingedrungen, einen Vortrag. Der Mann ist von jedem Verdacht einer Feindseligkeit gegen Kirche und Missionäre unbedingt frei. Nachdem er die traurige Einwirkung des europäischen Handels auf die Neger und die Wirkungslosigkeit der Missionäre mit ihren den Negern unbegreiflichen dogmatischen Glaubenssätzen ausführlich geschildert hatte, fuhr er fort: „Unwiderstehlich drängte sich mir im Anfänge der Gedanke auf, daß die Civilisirung des Negers ein hoffnungsloses Unternehmen sei. In Ostafrika hatte ich den Einfluß des arabischen Handels, der sich über mehrere hundert Jahre erstreckt, gesehen und daneben die unverhältnißmäßig geringen Resultate der späteren christlichen Bemühungen; beide hatten keinen wahren Fortschritt gebracht. Nirgends sah ich den Neger im Verkehr mit dem Weißen besser werden, eher schlechter, und oft schien es mir, als überließen wir ihn besser sich selbst. Mit solchen Gedanken erreichte ich den Niger, aber im Becken dieses Flusses sollte ich eine hoffnungsvollere Ansicht von der Sache gewinnen. Auf den ersten 200 Meilen fand ich freilich keine Besserung; Fetischismus, Kannibalismus und Gin blühten in trauter Gemeinschaft. Aber als ich die Küstenregion überschritten hatte, wurde ich durch leise Anzeichen von Besserung überrascht. Der Kannibalismus verschwand, der Fetischismus folgte, der Ginhandel nahm mehr und mehr ab, und gleichzeitig nahm die Bekleidung zu, die Leute wurden zusehends reinlicher, und ihr würdevolles Benehmen bezeugte eine innere Regeneration. Alles deutete auf das Eintreten eines neuen Elementes, dem es gelungen