Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1886)
- Date
- 1886-12-21
- Page
- Seite 824 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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824 ich, daß die hiesigen Blätter Folgendes mittheilen: Die ersten sieben Entwürfe zum Lessing-Denkmal wurden gestern in der Akademie der Künste eingereicht. Der Wettbewerb ist ein unbeschränkter; die Frist zur Ablieferung schließt am 8. d., während die Ausstellung der Arbeiten eine Woche später beginnt. Auch hört man aus München, daß in der nächsten Woche „Nathan der Weise" auf der Hofbühne aufgeführt wird. Berlin, 12. December. Hiesige Blätter berichten: Als der Kronprinz bei Anwesenheit in Straßburg zur Zeit der Manöver in Elsaß-Lothringen die Loge „Zum treuen Herzen" besuchte, hielt er eine Ansprache, aus der folgende Sätze aufbewahrt zu werden verdienen: „Zwei Grundsätze bezeichnen vor Allem unser Streben: Gewissensfreiheit und Duldung. Au ihnen lassen Sie uns festhalten mit unserer ganzen Kraft. Daß dieselben bei uns immer vollkommener werden, dazu lassen Sie uns allezeit mithelfen. Nicht nur loben wollen wir diese Tugenden, sondern sie auch fleißig üben." Diese Worte sind auch für die Freimaurerlogen verwend' bar, von denen noch immer viele in Deutschland den Juden den Eintritt versagen. — Schwer wiegend, auch principiell, ist das, was die „Franks. Z." aus Petersburg vom 6. December mittheilt. Im Zusammenhang mit den Arbeiten der Plewe'schen Commission über die Ausländerfrage wird demnächst das Zustandekommen einer neuen Convention zwischen Deutschland und Rußland erwartet. Dank dem Drängen des Grafen Schnwatow soll sich Fürst Bismarck — so wird aus Berlin berichtet — einverstanden erklärt haben, russischen Unterthanen, falls sie nicht jüdischer und polnischer Nationalität sind, den Aufenthalt auf preußischem Territorium ohne die bisherigen Beschränkungen zu gestatten. Während also die Polen aus Preußen ausgeschlossen werden, sollen die Juden, ob polnische oder russische, diesem Schicksal unterliegen. — Die eonservativen Blätter suchen alles Mögliche hervor, um den bedeutenden Rückgang, den ihre Partei bei der Wahl im ersten Wahlbezirke, wo sie doch in Berlin am stärksten vertreten ist, erlitten hat, zu verdecken. Allein die Zahlen sprechen hier zu klar. Ein ganzes Drittel Stimmen weniger als bei den früheren Wahlen ist doch ein zu deutlicher Beweis. Je mehr sich die Eonservativen mit den Antisemiten identisizireu, desto mehr geht ihre Zahl hier zurück. Anstatt Unterstützung erleidet die Partei durch den Antisemitismus beträchtlichen Schaden. — „Der heilige Gral" der Antisemiten, so wurde ein silberner Becher genannt, den der deutsche Antisemitenbund einstmals feinem Vorsitzenden, dem früheren Stadtv. Pickenbach, verehrte und der bei besonders feierlichen Gelegenheiten benutzt wurde. „Der heilige Gral" ist nun, wie das „Reichsblatt" meldet, neulich durch einen Gerichtsvollzieher abgepfändet und zur gerichtlichen Auction gebracht worden. Christliche wie jüdische Trödler boten darauf. Eine Trödlerin aus der Mauerstraße erstand ihn für 50 Mk. — Der „Boss. Ztg." wird geschrieben: Die schnelle Feststellung des Wahlresultats bei politischen Wahlen fordert die Betheiligten unwillkürlich zu einem Vergleiche mit der Wahl der Repräsentanten in der jüdischen Gemeinde heraus. Obgleich der Wahlact bereits am 29. November e. stattgefunden hat, ist heute, am zwölften Tage nach dem Wahltermin, dessen Resultat uoch nicht bekannt geworden. Der Wahlmodus ist allerdings der sonderbarste, der sich nur denken läßt. Von jedem Wähler sollen 26 Namen — 11 Repräsentanten und 15 Stellvertreter — auf den Wahlzettel geschrieben werden. Bei den hiesigen Verhältnissen ist es nur natürlich, daß kaum ein Bruchtheil der Wähler die Qualification und die Anschauungen oder auch nur die Person der Candidaten kennt. Zudem sollen alle in Berlin und Umgegend wohnenden Juden in einem Wahltocal in der Oranienburger Straße ihren Stimmzettel, welcher oben den Namen und unten die Unterschrift des Berechtigten tragen muß, persönlich abgeben. In diesem Wahlbureau ist die Einrichtung aber so getroffen, daß kaum die Hälfte der ca. 9000 / Gemeindemitglieder ihr Wahlrecht ausüben kann, wenn man/ selbst nur eine halbe Minute auf die Prüfung und Abnahme^ des Stimmzettels rechnen will. Die Betheiligung ist daherV stets eine geringe und selbst die starke Agitation vor der letz-1 ten Wahl hat nur zu einer Betheiligung von 26 pCt. aller \ Wähler geführt. Als vor 3 Jahren gelegentlich einer Versammlung die Aenderung des Wahlmodus verlangt wurde, erklärte sich der Vorsitzende der Repräsentanten gegen jede Aenderung. Uns will es scheinen, daß eine solche nicht länger hinauszuschieben sei. Wenn nach Bezirken gewählt würde und in jedem derselben etwa 1—3 Repräsentanten, dann würde sicherlich eine lebhaftere Betheiligung der Mitglieder am Gemeindeleben stattsinden, und die Wähler wären dann in der Lage, den Candidaten ihre Wünsche vorzutragen. — Sie haben recht daran gethan, den u n sinnigen Angriff der „freisinnigen Ztg." kurz abzuweisen. Die ewigen ' Zänkereien sind diesem Blatte zur Gewohnheit geworden und haben es in der ganzen liberalen Presse unliebsam gemacht. Das Publikum liebt wohl Pikanterieen, ohne sie zu achten; auf die Länge aber verfehlen sie ihren Zweck und stoßen die Leser ab, noch dazu, wenn sie auf Unwahrheiten beruhen, wie in diesem Falle. Die „Freist Ztg." wird diese Erfahrung auch machen. — München, 12. Dezember. (Privatmitth.) Da auch in diesem Blatte Notiz davon genommen worden, bemerke ich, daß gestern Abend, und zwar recht gelungen, „Nathan der Weise" auf der Hofbühne zur Aufführung gekommen, zum