Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1886)
- Date
- 1886-12-21
- Page
- Seite 823 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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823 sorgenden Vaters oder der mütterlichen Zärtlichkeit beraubt sind. lieber dreißig solcher halb glücklichen, halb unglücklichen Geschöpfe haben hier ein schützendes Obdach, Licht, Luft, Nahrung, Kleidung, Pflege gefunden, schlafen in warmen, reinlichen Betten, genießen der Lehre und Unterweisung, ge< wöhnen sich an Zucht, Sitte, Reinlichkeit, Häuslichkeit. Wenn wir die freundlichen Schlaf-, Speise-, Wasch- und Ankleideräume durchwandern und sogar ein mit allem Komfort ausgestattetcs Badezimmer hier finden, Alles blank und sauber, reichlich und pünktlich verwaltet, da fühlen wir etwas wie das Zuraunen unseres Gewissens, daß so viele Tausende und Tausende arbeitsamer, strebsamer Mitbürger unserer Stadt in dumpfen, verwahrlosten Kellerräumen, bei schlechter Kost und Kleidung in den Nebelgründen des Daseins ersticken, während die Hochherzigkeit einer Handvoll Frauen Paläste für die verwaiste Jugend aus dem Boden zu stampfen vermag. Denn es gehört, wie wir an dem Beispiel des Frauenvereins sehen, weit weniger an materiellen Opfern, als vielmehr ein Zug echter Nächstenliebe dazu, um sehr, sehr viel Unglück lindern, um Unzähligen einen Lichtblick in dem Jammer ihres Daseins verschaffen zu können. Die sorglosen Väter unserer Stadt könnten wohl lernen von unseren Frauen, wie viel Glück man selbst mit wenigen Mitteln, wenn nur recht viel praktischer Sinn und vor allen Dingen recht viel Herz dabei ist, stiften kann. Mit erhebendem Gefühl verließen wir heute diesen neuen Palast der Budapester Wohlthätigkeit. Er wird ein leuchtendes Zeugniß ablegen für den humanen Sinn unserer Bevölkerung, für den Geist unserer Frauen. Edle Herzen werden sich den milden Samaritanerinnen anschließen und ihnen die Lasten tragen helfen, welche die Wohlthätigkeit unstreitig auferlegt. Denn alles Gute auf Erden will mit Opfern errungen werden. Wir schließen heute mit einer Mittheilung aus Pest vom 2. Dezember: Der israelitische Landes-Stipendium-Verein hat am 30. v. Mts. seine ordentliche Generalversammlung gehalten. Der Ausschuß widmet zuvörderst in seinem Berichte einen warmen Nachruf den seit der jüngsten Generalversammlung verstorbenen Funktionären, namentlich dem gewesenen Präsidenten Di-. Josef v. Räzsay, dem gewesenen Vizepräsidenten Josef Deutsch und den gewesenen Ausschußmitgliedern Baron Leopold Popper, Dr. Eduard Oesterreicher, Oberstabsarzt Dr. I. Böhm und Ignaz Baumgarten. Dem Ausschußberichte entnehmen wir ferner, daß der Verein seit seinem Bestehen an 376 Studirende Stipendien im Gesammtbetrage von 35,250 fl. verlieh; das Bereinsvermögen beträgt 44,491 fl. 17 kr., welches bei dem Ungarischen Bodenkredit Institut verwahrt und verwaltet wird. Es bestehen 12 Stiftungen, deren Zinsen als auf den Namen der betreffenden Stifter lautende Stipendien zur Vertheilung gelangen; außerdem zählt der Verein 112 gründende und 176 ordentliche Mitglieder. Zum Präsidenten des Vereins wurde mit Acclamation Herr Dr. Heinrich Pollak gewählt. SoeikiA, yviac Deutschland. Berlin- 8. Dezember. (Privatmitth.) Unter den mehr als 200 Petitionen, die bereits bei dem Reichstage eingegangen, befinden sich ungefähr 100 von israelitischen Vorständen für freies Beibehalten des rituellen Schächtens gegen die Petition des Thierschutzvereins. Diejenigen Gemeinden, welche noch mit ihrer Petition im Rückstände sind, mögen * sich damit beeilen, damit die Gegner aus dem Wegbleiben so vieler Gemeinden nicht einen ihnen günstigen Schluß ziehen. — Die Ersatzwahl im ersten Berliner Wahlbezirk zum Reichstage für den verstorbenen Ludwig Löwe hat für die Freisinnigen einen glänzenden Sieg gebracht. Es stimmten 13,973 Wähler, und von diesen fielen 7209 auf den freisinnigen Candidaten, 4783 auf den der verbündeten conservativen und antisemitischen Partei, 1454 auf den socialdemokratischen und 487 auf den nationalliberalen. Die drei gegnerischen Parteien zusammengenommen blieben also hinter den freisinnigen Stimmen um mehr als 200 zurück, so daß nicht einmal eine Stichwahl nöthig geworden. Zurückgegangen ist die Zahl der conservativen Stimmen, die bei der vorigen Wahl 6754 zählten, während die Socialdemokraten von 82! auf 1454 Stimmen stiegen. 2UT die großen Worte, welche Stöcker, Wagner und Cremer in ihren Wahlversammlungen sprachen, sammt ihren Jnvectiven gegen die Juden, haben also nichts bewirkt als den Rückgang ihrer Anhänger. — Selbst in der Zeit der heftigsten antisemitischen Wühlerei ist kein von so bitterm Hasse getränkter Aufsatz erschienen als im Dezemberheft der „Conservativen Monatsschrift" unter dem Titel „Der Antisemitismus in Frankreich". Nach Frankreich ist der Antisemitismus aus Deutschland importirt worden und nun suchen die deutschen Antisemiten Nahrung aus Frankreich zu ziehen. Nun, diese wird ihnen bald ausgehen. Uebrigens ist hierbei zu bemerken, daß es eine komische Verschämtheit der Conservativen ist, wenn sie noch immer die Antisemiten als eine besondere, von ihnen getrennte Partei angesehen haben wollen. Sie haben sich redlick mit ihnen verschmolzen, und es ist kein Unterschied mehr zwischen den beiden bemerklich, wenn er überhaupt jemals vorhanden war. — Zur Berichtigung meiner letzten Correspondenz bemerke