Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1886)
- Date
- 1886-12-21
- Page
- Seite 822 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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822 begrüßt er den Verein. Er erfüllt nur eine angenehme Pflicht, indem er für den Verein seine vom Herzen kommenden Tanke und seiner Anerkennung für das edle, humanistische und segensreiche Streben, welches derselbe jederzeit an den Tag gelegt, Ausdruck gibt. Redner hebt die Verdienste hervor, welche sich die Präsidentin Frau David Bischitz auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit erworben und äußert sich zugleich in sehr anerkennender Weise über die Opferwilligkeit aller Jener, die zu dem schönen Werke beigetragen haben. Die schöne Feier schloß mit dem Absingen des Hymnus. Die Gäste machten sodann einen Rundgang durch das Jnstitutsgebäude, dessen hübsche und zweckmäßige Einrichtungen allgemeines Gefallen erregten. Wir fügen eine Beschreibung dieses „Wohlthätigkeitspalastes" ans der Feder des Herrn Dr. Adolf Silber' stein hinzu. lieber dem hohen Thor des Trommelgassen- Flügels prangt die Aufschrift: „Volksküche". Auf steinernen Treppen steigen wir in das Hochparterre empor. Die Thür öffnet sich und eine riesige Halle, mit hohen, lichten Fenstern, mit blankem steinernen Boden empfängt uns. Ein würziger Qualm von brodelnder Brühe schlägt uns entgegen, blankes Geschirr lacht uns von langen, schön gedeckten Tischen entgegen, auf denen Suppen- und Gemüseschüsseln dampfen, schwellend weißes ungarisches Weizenbrod, zierliche Wasserkannen uns verkünden, daß es den Hunderten und Hunderten von Gästen, welche um die Tafeln sitzen, gar wohl zu Muthe sein müsse in diesen hohen, luftigen, freundlichen Räumen und bei der gesunden, appetitlichen Kost. Wir glaubten nach der Aufschrift: „Volksküche" in eine Stätte des Elends zu treten, und wir werden angenehm enttäuscht durch alle Merkmale der Kultur und des Wohlbehagens. Und hier versammeln sich alltäglich von elf bis ein Uhr Mittags 5—600 arme Menschen — ohne Unterschied der Konfession —, denen es eine Wohlthat ist, für zehn Kreuzer ihren Hunger mit wenigen, aber reinlich, gut und kräftig zubereiteten Speisen stillen zu können. Keine Spur von Elend, Zerlumptheit, kein Stoff für ^den das Häßliche liebenden Naturalismus ist hier zu finden. Es geht Alles in Reihe und Ordnung her, Männer und Weiber sind in reinlichen und ganzen Kleidern erschienen. Man könnte sie dem Aussehen nach zu den wohlhabenden Klassen zählen. Und doch ist der Andrang zu dieser prachtvollen Zehn-Kreuzer- Speisehalle ein täglich wachsender — ein beredtes Zeichen für die materiellen Mißverhältnisse des Volkes und für die Nothwendigkeit und Fruchtbarkeit vernünftig und nicht mit karger Hand angelegter Volksküchen. Während die übrigen, mit so viel Feuereifer errichteten Volksküchen Budapests zu Grunde gingen, ist die von uns besprochene stetig gewachsen und zur Musteranstalt nicht nur es Inlandes, sondern auch des Auslandes geworden. Denn der Weitgereisteste wird zugestehen müssen, daß die hiesige Speisehalle mit ihrer steinbedeckten Küche, mit neuestkonstruirten Herden, Kesseln, Speise- und Vorrathsschränken in gar keiner Beziehung etwas zu wünschen übrig läßt, während im Auslande aus falschen Ersparungsrücksichten die Volksküchen noch oft in schlechten, dumpfigen Lokalitäten untergebracht sind und des moralisch erziehenden Eindruckes auf das Volk verfehlen. Die hiesige Volksküche ist demnach eine Errungenschaft, auf welche das philanthropische Budapest mit Stolz Hinweisen kann. Dem Zartgefühl ist hier auch insofern Rechnung getragen, daß für die „besseren Klassen", z. B. für die Studirenden, in einem besonderen Gemach mit separatem Eingang gedeckt ist. Die Opfer, welche sich der Verein bei dem geringen Preis von 10 Kreuzern auferlegt, fallen immerhin so weit in's Gewicht, daß für die werkthätige Liebe von freigebigen Menschenfreunden Spielraum genug übrig bleibt. Für das Studentenzimmer hat eben Baron Hirsch eine Stiftung von 3000 fl. gemacht, deren Zinsen alljährlich in Freimarken ausgetheilt werden. Wir treten vom Studentenzimmer über eine steinerne, mit Eisen eingefaßte Freitreppe in den Hof hinab, um die Innenansicht zn gewinnen. Derselbe Eindruck der Blankheit und Symmetrie tritt uns entgegen. Der Hof ist asphaltirt und der Halbkreis des Gebäudes durch eine halbstockhohe Ziegelmauer eingefaßt. Die ansprechende Form des Gebäudes, mit seiner natürlichen Symmetrie, soliden Steinverwendung, Luftigkeit und wohldurchdachten Oekonomie des Raumes, mit seinem eiserneingefaßten, kühn schwebenden, steinernen Stiegenhause rührt von dem Architekten Herrn Wilhelm Freund her, die in jeder Beziehung solide Herstellung und Einrichtung ist das Werk der Herren Baumeister Wellisch. Der ästhetische Eindruck des schmucken, bei aller Einfachheit reichen Gebäudes ist der der Freiheit und des Behagens, so daß kein Gefühl des menschlichen Elends aufkommt, welches hier tagtäglich seine Linderung findet. Wir steigen über mehrere Stufen vom Hose aus in den der Volksküche gegenüber liegenden Flügel. Hier sind die Bureaux des Jrauenvereins m-it dem Comptoir der Wohlthätigkeit untergebracht. Wie in einem Bankhause sitzen die Frauen hier hinter den Gittern an ihren Bureautischeu und zahlen aus an die herandrängende, arme Menge. Es werden hier Darlehen auf Zinsen des Nimmerwiederzahlens geborgt, das Kapital wird dem Frauenverein und den edelmüthigen Spendern auf dem jenseitigen Konto gutgeschrieben. Die drite Wohlthätigkeits-Abtheilung des Frauenvereinshauses befindet sich im Mezzanin und ersten Stock. Es ist dies das Mädchen-Waisenasyl. Es ist dies wohl zu unterscheiden vom Mädchenwaisenhause, in welch' letzterem nur ganz verwaiste Kinder ausgenommen werden, während im Asyl bloß diejenigen -Pflege finden, die entweder nur des