Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1886)
- Date
- 1886-12-21
- Page
- Seite 821 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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821 tausende hindurch herrschender Zustand beseitigt werden mußte, wird den Fortschritt in den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Humanität und in deren praktischer Anwendung gern erkennen. Daß sich hiermit die Vorurtheile und Gehässigkeit gegen die Juden noch lange nicht verloren haben und von Zeit zu Zeit sich wieder kundgeben und fühlbar machen, bleibt bedauerlich. Denken wir nun auch an die innere Entwickelung des Judenthums, an die Cultur und Bildung, welche immer mehr auch die Masse der Juden durchdrungen hat, an die neue und gründliche Bearbeitung des Lehrinhaltes unserer Religion, an die verbessernde Hand, welche wir an Gottesdienst, Unterricht, Gemeinde und Wohlthätigkeitsanstalten gelegt haben und besonders an die echt patriotische und nationale Gesinnung, die in den jüdischen Geistern Platz gegriffen und sich bethätigt — so werden wir wissen, wie Vieles geschehen, wie Vieles in uns fortgeschritten und uns um so mehr gedrängt fühlen, auf dem Wege weiter zu streben, auf welchem wir das verflossene halbe Jahrhundert gewandelt. Pest, 5. Dezember. Wohllhiitige Werke, x. Die Eröffnung eines großen Wohlthätigkeitshauscs. Wir haben in diesem Blatte bereits öfter über die rühmenswerthe Wirksamkeit des hiesigen israelitischen Frauenvereins berichtet. Der heutige Tag wird mit goldenen Lettern in die Geschichte dieses Vereines eingezeichnet werden, und das Ereigniß ist wohl werth, an dieser Stelle ausführlich besprochen zu werden. Siebzehn Jahre sind es her, daß die Generalversammlung des Pester israelitischen Frauenvereins den Beschluß faßte, zur Linderung des Elends in der Hauptstadt durch Errichtung einer Anstalt, in welcher die Dürftigen ohne Unterschied der Confession für geringes Entgelt mit gesunden Speisen versehen werden sollen, sein Scherflein beizutragen. Mit allem Eifer wurde an die Ausführung des Projektes gegangen, und kaum war seit dem denkwürdigen Beschlüsse ein Jahr verflossen, als auch schon in der Valerogasse die „Erste Armen-Speise-Anstalt" des Pester israelitischen Frauenvereins eröffnet wurde. Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, wie wohlthätig die Anstalt seit ihrem Bestände gewirkt; es genüge die Thatsache, daß jährlich mehr denn hunderttausend Menschen die Wohlthat dieser Institution in Anspruch nehmen. Der Verein bewegte sich auch in anderer Richtung auf dem Gebiete der Nächstenliebe. Der Verein hat schon seit Beginn seiner Thätigkeit zahlreiche Waisen, die im Sinne des Statuts im Waisenhause keine Aufnahme finden konnten, thatkräftig unterstützt. Die armen, jeder materiellen, oft auch jeder moralischen Stütze beraubten; | Kinder wurden anfangs zerstreut, bald in Gruppen auf Kosten des Vereins in Privathäusern untergebracht und auferzogen. Die Erfahrung hatte jedoch gelehrt, daß hierbei auf die körperliche Entwickelung der unglücklichen Kinder nur geringe, auf die geistige Erziehung derselben aber gar keine Sorgfalt gelegt wurde. Diese Erkenntniß reifte in den großherzigen Gründerinnen des Vereins den Entschluß, für die externen Waisen ein Asyl zu errichten. Es wurde denn auch ein Komitv zum Studium dieser Angelegenheit entsendet, und am 1. November 1875 wurde bereits in dem Hause Trommelgasse Nr. 53 ein Waisen-Mädchenasyl in aller Stille eröffnet. Im Jahre 1884 erstattete die Gründerin und Präsidentin des Vereins, Frau Johanne David Bischitz, im Ausschüsse die Meldung, Baron Hirsch habe sie um Erstattung eines Vorschlags betreffs Verwendung einer zu wohlthatigen Zwecken gewidmeten Summe ersucht. Dieses Anerbieten erweckte in den Mitgliedern des Ausschusses den Gedanken, zur Unterbringung der Volksküche und des Mädcheu-Waiscnasyls ein entsprechendes Gebäude zu errichten. Baron Hirsch, von diesem Vorhaben verständigt, erklärte sich sofort bereit, zu diesem Baue 10,000 fl. bcizutragen, indem er zugleich aus diesem Anlasse eine Stiftung von 3000 fl. zur unentgeltlichen Verköstigung ganz mittelloser Schüler machte. Wir wollen die Geschichte dieses Baues, als zu weit führend, übergehen und nur hervorheben, daß die Pläne des Gebäudes, wie es sich jetzt an der Ecke der Gärtner- und Trommelgasse so stattlich unserem Auge zeigt, vom Architekten Wilhelm Freund entworfen und von den Baumeistern Alexander und Julius Wellisch ausgeführt wurden. Die neuen Lokalitäten wurden heute Vormittag in Anwesenheit eines ebenso zahlreichen als intelligenten Publikums feierlichst ihrer Bestimmung übergeben. Die Feier wurde durch einen schön vorgctragenen Choral eröffnet, welchen Oberkantor Friedmann dirigirte. Sodann sprach Frau David Bischitz die Festrede, in welcher sie die Bedeutung der Feier und die segensreiche Wirksamkeit des Vereins in warmen Worten schilderte. Die Dame gedachte auch des edlen Menschenfreundes Baron Hirsch, dessen Opferwilligkeit den Bau in erster Linie möglich machte, und der auch sonst den Verein stetig unterstützt. Es folgte nun die Geschichte des Vereins, welche der Sekretär Gabriel Friedmann vortrug. Aus dieser Monographie geht hervor, daß der Verein auf Anregung der Frau David Bischitz im Jahre 1866, und wie Eingangs erwähnt, die Volksküche im Jahre 1869 und das Mädchen-Waisenasyl im Jahre 1875 gegründet wurde. Nun betrat Prediger vr. Kohn die Tribüne und hielt eine ergreifende Weihprcdigt, die von den Anwesenden mit stummer Andacht angehört wurde. Hierauf sprach ■ Oberbürgermeister Karl Rüth. Im Namen der Hauptstadt