Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1886)
- Date
- 1886-12-21
- Page
- Seite 820 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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820 mittel. So hob sich die Industrie zu einer ungeahnten Höhe, nicht ohne auch bedrohliche Wirkungen zu haben, wie die Ueberproduction und die Anhäufung der Arbeiterbevölkerung an beschränkten Plätzen. Unter diesen Einflüssen hat das ganze Leben der Menschen, haben ihre Bedürfnisse und die Mittel zu deren Befriedigung große Veränderungen erfahren. Dennoch kann man sich nicht verbergen, daß innerhalb dieser großartigen Entwickelung auch Erscheinungen entstanden, welche dunkle Schalten ausbreiten, Erscheinungen, die der Menschheit neue Aufgaben stellen oder doch dem Fortschritt große Schwierigkeiten bereiten. Als dieses Blatt zum ersten Male erschien, herrschte in Europa eine Zeit des Friedens. Man begann zu dem Glauben zu kommen, die Prophezeiungen des Jesaias und Micha vom allgemeinen Völkerfrieden werden nunmehr in Erfüllung gehen. Zwanzig Jahre später war dieser Traum geschwunden. Von Neuem erscholl die Kriegstrommel und zu Land und zu Meer spielten die Geschosse. Die Eroberungssucht Rußlands, die, uneingedenk des Mene Tekel, welches die Geschichte jedem Plane einer Weltherrschaft entgegen ruft, in Europa und Asien nach immer weiterer Ausdehnung seiner Macht verlangt, und das Bedürfniß Napoleons III., fachten die Kriegsfurie wieder an, die seitdem nur kurze Pausen innehielt, alle europäischen Staaten nach übermäßiger Vergrößerung ihrer Militärmacht zu streben zwingt und die Völker in einer Spannung gegen einander erhält, die ihre Rückwirkung auf Industrie und Handel ausübt und alle Verhältnisse schwankend macht. — Aber abgesehen hiervon, stellen sich unserem Blicke zwei bedrohliche Erscheinungen vor. Die kosmopolitische Neigung und Tendenz verblaßte und der Hang nach Nationalität und Rasse erwachte und verstärkte sich schnell. Jede Nationalität, groß oder klein, ganz oder halb civilisirt, wollte selbständig und selbstherrlich sein oder werden. Niemand wird eine gewisse Berechtigung, welche dieses Nationalbewußtsein besitzt, ableugnen, so wie die fruchtbare Wirkung, die es auf d^e Entfaltung der Eigenart, der nationalen Individualität hat. Dagegen hat die Geschichte die Nationalitäten vielfach unter einander geworfen und zu einem Staatskörper vereint. Nicht minder wohnt dem Nationalgesühl eine expansive Kraft ein; es will seine eigene Existenz nicht blos vertheidigen, sondern auch erweitern und Andere beherrschen. Daraus schwere Kämpfe, daraus Eifersucht und Nationalhaß. Man sucht nach Hilfe, nach einer festen Stütze, und greift zur Rasse. Europa ist von drei großen Völkersamilien bewohnt: die Romanen, die Germanen und die Slaven. So denkt man an eine Vereinigung einer jeden dieser drei Rassen für sich, wie sie namentlich der Panslavismus darstellt. Auf diesem Wege werden die Staaten mit gemischter Bevölkerung schweren Zerrüttungen ausgesetzt und die Nationen gegen einander zum Vernichtungskriege aufgestachelt. Trotzdem haben wir in der Schweiz ein treffliches Gegenbild, wo drei Nationalitäten in treuer Anhänglichkeit an den Bund vereinigt leben; ebenso in der nordamerikanischen Union, welche ein unsägliches Gemisch von Volkselementen in sich aufnimmt und zu einem einheitlichen Ganzen verschmelzt. Es ist eben nicht das Unifizirungsbestreben, sondern die Gleichachtung und die Freiheit, welche die Nationalitäten mit einander versöhnen, indem sie sie ehren. Die andere Erscheinung ist der Socialismus. Ausgegangen von den trübseligen und zum Theil unfreien Zuständen, in welche der gesetzlich freie Arbeiter gerathen war und zu einer Zeit, wo die Gesetzgebung ihn noch völlig schütz- und hilflos gelassen, trat der Socialismus in Frankreich in mehrfachen Theorien hervor, die sich seitdem abgelöst haben und welche mit Schlagwörtern versehen sind, die der Ungebildete wohl versteht und die die Massen entzünden. Immerhin wird einerseits der Socialismus dadurch wohlthätig wirken, daß er die Machthaber zu Gesetzen und Einrichtungen auffordert, welche allmälig die Lage der arbeitenden Classen erleichtern und verbessern und ihnen genügenden Schutz vor Unfällen und Ausbeutung gewähren. Aber andererseits weckt er in den Besitzlosen Verlangen, welche der menschlichen Gesellschaft zu befriedigen unmöglich ist, treibt die Massen zu revolutionären Ideen und Handlungen und artet in Nihilismus und Anarchie aus. Vor diesen Problemen und Gefahren steht die Menschheit, und kann nur auf die alle Schwierigkeiten überwindende Kraft der Entwickelung rechnen. Sie, welche das uralte Sklaventhum beseitigt und die Leibeigenschaft aufgehoben hat, wird im Stande sein, auch diese neue Frage in richtiger Weise zu beantworten. — Blicken wir nun auf unser besonderes Gebiet, so wird demjenigen, der die Lage unserer Glaubensgenossenschaft im Jahre 1837, die vielen schweren Beschränkungen, die drückenden Ausnahmegesetze kennt, denen sie noch unterworfen war, der Beweis für unsere These leicht werden. Wir wollen uns hier auf eine nähere Schilderung nicht einlassen. Erfloß doch damals, um nur Weniges anzuführen, in Preußen mit seinen 22 Judengesetzen, die Cabinetsordre, daß die Juden „keine christlichen Vornamen" führen sollten; durften sie doch in Sachsen kein offenes Gewölbe halten; waren doch in Bayern die jüdischen Familien, in Mähren die jüdischen Seelen abgezählt, die daselbst wohnen durften; waren ihnen doch noch viele Länder, und in den sie duldenden Ländern ganze Provinzen und in den Provinzen viele Städte und in den Städten große Viertel verschlossen. Nur Frankreich, Belgien, Holland und Nordamerika bildeten eine Ausnahme hiervon. Und jetzt, mit Ausschluß Rußlands und Rumäniens, ist ihnen überall die volle Gleichberechtigung verfassungsmäßig verbürgt, und wenn hier und da auch die Berwaltung die Verwirklichung derselben beschränkt, so ist doch ihr Recht anerkannt. Wer bedenkt, wie hierbei ein anderthalb Jahr-