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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-21 · Heft 52 (21.12.1886) · p. Seite 819

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 52 (21.12.1886)
Date
1886-12-21
Page
Seite 819 (sequence 3)
Language
German
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819 mune in Paris an die Stelle. Während aber die außerordentliche Lebenskraft der französischen Nation sich in der schnellen Wiederherstellung der staatlichen Ordnung, der Finanzen und des Heeres bethätigte, ermöglicht die Zerfahrenheit in viele Parteien verschiedenster Nuancirung von einem Extrem bis zum anderen die feste Gestaltung der Dinge nicht und nutzt die Kräfte der leitenden Staatsmänner schnell ab, so daß Gegenwart und Zukunft Frankreichs sich in den verworrensten Umrissen darstellen. — In ganz entgegengesetzter Weise verlebte England während des ganzen Zeitraums ein friedliches, unerschüttertes Dasein. Das zähe Festhalten des Herkömmlichen» das den Britten eigen ist, verhindert zwar den allmäligen Fortschritt der Reform nicht, macht ihn jedoch langsam und schwerfällig. Indien, das immer vergrößerte, ging aus der Herrschaft der ostindifchen Compagnie in die des Staates über; ein furchtbarer Aufstand der Sapoy's wurde niedergeschlagen, Indien zu einem Kaiserreich erklärt, zuletzt der birmanische Staat annectirt, Egypten besetzt. Drohend stehen an der afghanischen Grenze England und Rußland einander gegenüber. Aber jener Mangel an nothwendiger Reform regte die Irländer zu einem hartnäckigen Kampfe gegen die realen Folgen der englischen Gewaltherrschaft und für die Selbständigkeit Irlands auf. Da sich auch in England selbst agrarische Nöthen und Unruhen kundthun, steht Großbritannien vor schweren Problemen. — Aber selbst die amerikanische Union hatte einen schweren Zwiespalt zu überwinden. Schon zur Zeit, als diese große Republik sich bildete, standen sich die sklavenhaltenden und die sklavenfreien Staaten gegenüber, und die Univnsakte von 1776 schlichtete dieses innere Streitobjekt nicht. Daher der Kampf beider Parteien um die Mehrheit im Congreß. Als nun die Zahl der sklavensreien Staaten dadurch wuchs, daß durch die schnelle Zunahme der Bevölkerung in den Territorien mehrere dieser zu Unionsstaaten erhoben werden mußten, sahen die Südstaaten die Zeit herannahen, wo sie im Congreß überstimmt würden, und da in den Nordstaaten der Ruf nach Abolition, d. h. nach Abschaffung der Sklaverei, immer stärker wurde, faßten sie den Entschluß, sich von der Union loszureißen. Ein vierjähriger blutiger Bürgerkrieg entspann sich, der mit der Niederlage der Südstaaten und mit der Befreiung aller vorhandenen Sklaven endigte. Mit versöhnlichem Geiste halfen die Nordstaaten dem unterlegenen Theil ihrer Bruder auf und räumten ihnen bald wieder ihre gesetzliche Stellung in der Union ein. Die Neger zeigten Befähigung für das bürgerliche Leben und die Bevölkerung des Landes wächst durch die Einwanderung aus Europa und China in riesigem Maße. — Wir haben bis dahin Rußland außer Acht gelassen, weil es eine eigeuthüinliche Stellung zwischen dem Occident und Orient einnimmt. Wenn in ihm auch während dieses halben Jahrhunderts die Autokratie unangetastet blieb, so fehlte es dennoch auch hier an einem bedeutenden Fortschritt nicht. Auf der Höhe seiner politischen Machtstellung befand es sich unter Nicolaus zu der Zeit, in welcher Europa durch die revolutionären Bewegungen ohn> mächtig war. Hätte der Czar 1849 seine Heere gegen Coustantinopel geführt, es wäre ihm zugefallen. Aber er zögerte und es ward zu spät. Die Westmächte widersetzten sich ihm, Nicolaus wurde besiegt und starb. Sern Nachfolger wandte seine Aufmerksamkeit auf die innere Organisation. Er hob die Leibeigenschaft auf, führte Geschworenengerichte und berathende Provinzialstände mit sehr beschränkten Rechten ein. Jndeß zettelte ein Theil der russischen Gesellschaft Verschwörungen an, welche den bösartigsten Charakter annahmen. Die Nihilisten gingen auf die Anarchie los und scheuten kein Mittel, zum völligen Umsturz der Gesellschaft zu gelangen. Auch im unteren Volke zeigte sich die Neigung zur Anarchie in den scheußlichen Judenhetzen. Der Kaiser fiel als Opfer der gewissenlosen Verschwörer. Während der abermalige Tülkenkrieg Rußland durch die Opposition Europas nur einige Landschaften der asiatischen Türkei einbrachte, dehnte es seine Herrschaft in Centralasien immer weiter aus. Hier hatte es eine Culturaufgabe zu lösen. Um seine Herrschaft zu befestigen und dem Handel sichere Wege zu schaffen, baut es Eisenbahnen durch die innerasiatischen Wüsten, von Oase zu Oase und bereitet so der Civilisation den ersten Boden. — Wer diese kurze Uebersicht aufmerksam liest, dem kann der Fortschritt, der sich in der ganzen civilisirten Welt bekundet hat, nicht entgehen. Ueberall trat ein verfassungsmäßiges Leben an die Stelle der absoluten Willkür, sind die Rechte des Volkes gesetzlich verbürgt, die persönliche Freiheit, die Gleichheit vor dem Gesetze, das Uuterrichtsweseu außerordentlich gefördert, aus der Rechtspflege das schriftliche Jnquifitionsverfahren beseitigt, Mündlichkeit, Oeffentlichkeit und Geschwornengericht eingeführt, viele Härten gemildert. Wenn irgend Etwas dem von uns besprochenen Zeiträume zur Ehre gereicht, so ist es das in zahllosen Vereinen, Anstalten und Einrichtungen aller Orte bethätigte Streben, das Armenwesen in großem Maßstabe zu verbessern, für alle Hülfsbcdürftigen Beistand, für die Kranken musterhafte Hospitäler zu schaffen, Blinden-, Taubstummen-, Irrenanstalten herzustellen, für Waisen- und Altersversorgung die zweckmäßigsten Einrichtungen zu treffen, endlich sociale Reformen gegen die Leiden der unteren Volksschichten auszuführen. Noch handgreiflicher aber ist die Entwickelung in der Wissenschaft, in den Künsten, namentlich den mechanischen in allen materiellen Interessen. 1837 gab es in Deutschland erst drei kleinere Eisenbahnen: jetzt umfaßt ein gewaltiges Eisenbahnnetz fast die ganze Erde von Ozean zu Ozean. Neben ihm verkürzt die Telegraphie und Telephonie alle räumlichen Entfernungen. Die Chemie bietet allen Gewerben die eingreifendsten Hilfs- “ 52*

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