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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-21 · Heft 52 (21.12.1886) · p. Seite 818

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 52 (21.12.1886)
Date
1886-12-21
Page
Seite 818 (sequence 2)
Language
German
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818 •ieitei-iiSe €hti&e.(. Bonn, 15. Dezember. Die Weltlage vor fünfzig Jahren und gegenwärtig. Wer mit prüfendem Blick die Ereignisse, die Erscheinungen, die Geistesenlfaltung während des letzten halben Jahrhunderts überschaut: dem drängt sich die Erkenntniß auf, daß die Menschheit allerdings in fortschreitender Entwickelung sich bewegt, doch nicht in gerader Linie, sondern wie ein Schiff, das bei ungünstigen Winden fährt, und deshalb bald nach rechts, bald nach links steuert und in diesem Zickzack dennoch vorwärts kommt. Es bedarf hierzu nur einer einfachen, von allen Illusionen sich fern haltenden Uebersicht. Beginnen wir mit dem österreichischen Kaiserstaat, der zu jener Zeit noch an der Spitze Deutschlands stand. Elf Jahre noch beugte er sich unter dem System Metternich, das auch Deutschland und Italien unter seinem Banne hielt. Todtenstille auf der Oberfläche, jede Geistesbewegung unterdrückt — aber in der Tiefe wühlten die Leidenschaften um so mehr. Im März 1848 wurde es im Nu fortgefegt. Doch die Erschütterung wurde mit Waffengewalt, zum Theil durch russische Hülfe, überwältigt; nach kurzer Verfassungszeit wieder das strenge absolute Regiment, das jedoch vor dem unglücklichen Kriege 1859, der den Besitzstand und den Einfluß Oesterreichs in Italien verlieren ließ, und vor dem noch unglücklicheren von 1866, der es aus Deutschland hinausdrängte, nicht Stand hielt. Seitdem der Ausgleich mit Ungarn, die Theilung des Reiches in zwei Hälften, das constitutionelle Regime mit Grundrechten des Volkes, und jetzt der Streit der Nationalitäten um das Uebergewicht im Staate. In Preußen regierte damals noch Friedrich Wilhelm III. patriarchalisch-absolut; dann kam die schwanke Regierung seines Nachfolgers; die liberalen Ideen trieben immer mehr ans Tageslicht, bis die revolutionäre Bewegung von 1848 einen Wendepunkt im Leben des Staates und des Volkes herbeiführte. Ae Verfassung von 1850, die den Angriffen und Ränken der wieder obsiegenden Reaktion dennoch widerstand; mit dem neuen Thronwechsel die kurze „liberale Aera"; der Conflikt um die Militärorganisation; die siegreichen Kriege von 1864, 1866 und 1870, welche die Annexion fünf deud scher Staaten und endlich die Neubegründung des deutschen Reiches mit Kaiser, Bundesrath und Reichstag, allgemeines Stimmrecht, den Wiedererwerb von Elsaß-Lothringen für das Reich erwirkten: die Bundestagsverfassung war beseitigt und alle deutschen Staaten constitutionell geordnet. — Zerrissen in kleine Staaten, unter der Fremdherrschaft erdrückt, lag Italien am Anfang unseres Zeitraumes, vergebens nach Selbständigkeit und Befreiung von tyrannischem Joch seufzend und unter hart verfolgten Verschwörungen leidend, da — bis Piemont an die Spitze der Erregung trat, unglückliche Kriege gegen Oesterreich führte, durch die siegreiche Hülfe Frankreichs aber und unter dem Stillschweigen des übrigen Europa die fremden Herrscher vertrieb, unter dem Schutze der deutschen Siege 1870 auch Rom gewann. So erstand Italien zu einer einigen, constitutionellen Monarchie, eine Neugeburt nach fast anderthalb Jahrtausenden der Zerrüttung, des politischen Verfalls, der Knechtung und der fremden Eroberung. — Aber auch die Schweiz war starken Erschütterungen und großen Umgestaltungen unterworfen. Noch waren die Souveränetät der Cantone unangetastet und die Reste der Patrizierherrschaft obwaltend. Da suchten die katholischen Cantone sich loszureißen und einen eigenen Staat zu bilden. Sie wurden geschlagen, und das Bedürfniß einer engeren Einheitlichkeit und einer stärkeren Centralgewalt schuf die innere Gestalt der Schweiz um. Die cantonale Selbständigkeit wurde beschränkt, eine Bundesverfassung mit Präsident, Bundes-, Regierungs- und Nationalrath geschaffen, ohne den Bestand der Cantone zu beseitigen und indem weitgehende Volksrechte, z. B. die Abstimmung über alle die Gesammtheit angehenden Gesetze, hergestellt ward. Die freie gesetzliche Entwickelung mit strenger Einhaltung der Neutralität war die segensreiche Wirkung dieser Kämpfe. — Ein viel verworreneres Bild bietet uns Frankreich. Noch machten sich unter Ludwig Philipps Regierung die Folgen der Julirevolution in einzelnen Verschwörungen fühlbar; aber die Vertheidigung des Thrones und der durch hohen Census und wachsende Corruption sehr beschränkten Constitution führte zum hartnäckigen Widerstande der Regierung gegen jede innere Reform, während zugleich die äußere Politik durch ihre Schwäche und Schwankungen das Ansehen Frankreichs compromittirte. Die Revolution von 1848, der Sturz der Orleans, die zweite kurzlebige Republik waren die Wirkungen des Volksunwillens. Aber das Steuer dieser Republik lag in den Händen charakterloser Männer und zugleich bereiteten die socialistischen Umtriebe die furchtbare Junischlacht. So gelang es dem Neffen Napoleons unter dem Einflüsse der napoleonischen Legende durch Jntrigue und Blutszenen die Herrschaft des Cäsarismus wieder herzusteüen. Napoleon III. versuchte im Gegensatz zu seinem Vorgänger die Franzosen durch eine glänzende äußere Politik und Die Auffrischung der Gloire zu fesseln. Darum der Krimkrieg zum Schutze der Türkei gegen Rußland, der italienische Feldzug zur Befreiung Italiens von der österreichischen Herrschaft, die abenteuerlichen Unternehmungen in China und Mexiko, welche die Kräfte des Staates erschöpften und die Unzufriedenheit mit den inneren Zuständen vermehrten. Da griff er als einem letzten Anker leichtfertig nach dem Kriege gegen Deutschland. Seine Niederlagen bedeuteten den Sturz des Kaiserreiches. Die dritte Republik trat unter den furchtbaren Zuckungen des Krieges und unter dem scheußlichen Aufstande der Com-

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