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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-14 · Heft 51 (14.12.1886) · p. Seite 812

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 51 (14.12.1886)
Date
1886-12-14
Page
Seite 812 (sequence 12)
Language
German
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812 „Was treibt er für einen Handel?" fragte der Andere ernst. „Keinen, Herr. Er kanst uns nur sein bischen Bedarf für das Haus ab und verläßt das Dorf fast niemals." „Ein Jude! rief jetzt Gaillot mit strengem Tone. Wißt Ihr denn nicht, daß nach Befehl und Gesetz des Königs kein Jude in den königlichen Landen wohnen, ja nicht einmal angetroffen werden darf. Da drüben in der Provenee dürfen sie wohnen, wo sie seit Jahrhunderten sich eingenistet haben, inr königlichen Lande aber nicht. Holt ihn einmal, ich muß ihn verhaften und zum Generalgouverneur bringen lassen, wo er an den Pranger gestellt und gegeißelt werden wird!" Die Bauern schienen bestürzt und unruhig, und der Vorsteher trat an den Einnehmer heran und sagte bittend: „Laßt Gnade walten, Herr Gaillot! Laßt den alten Mann in Ruhe, er schadet ja Niemandem und nützt Vielen. Wir haben ihn Alle lieb und er ist uns unentbehrlich. Seht, Herr, ich habe ein schönes Kalb, vier Wochen alt, das gebe ich Euch zum Geschenk, wenn Ihr den armen Juden laufen lasset." Der Andere lächelte. „Wie, rief er, Ihr wollt einen königlichen Beamten bestechen? Das ist straffällig. Behaltet Euer Kalb und schafft den Juden herbei." Die Bauern wurden immer unruhiger und flüsterten miteinander. „Herr, sprach der Vorsteher wieder, das wird nicht gut ablaufen. Die Menge wird sich dem widersetzen." „Widersetzeu, schrie der Einnehmer, seht Ihr nicht, daß ich zwei Gendarmen bei mir habe; die werden Euch das Widersetzen eintränken!" „Dreißig Mann mit Heugabeln und Knütteln werden den beiden Gendarmen leicht Widerstand leisten." Der Andere gerietst in Wuth. „Mann, bedenkt Ihr, was Ihr sprecht? Ju diesem Falle komme ich mit dreißig Soldaten zurück, lasse Euch alle in Ketten schlagen und confiseire Euer Hab und Gut!" Dies wirkte. Die Bauern ließen die Köpfe und die Arme hängen, und Einer ging fort, Ahron zu holen. Dieser, dem der Bauer unterwegs berichtet hatte, was vorging, kam ruhig und gefaßt, wenn auch gesenkten Hauptes. Als er vor dem Einnehmer stand, da öffneten sich die Augen beider Männer weit, sie erbleichten beide; Dann stieg eine Röthe in beider Gesichter, dem Einen die Röthe des Zornes, dem Andern — vielleicht die Röthe der Scham. „Ihr seid es, Gaillot, stieß Ahron mit dumpfer Stimme aus. Wer konnte es auch anders sein. Ihr seid gekommen, um das Maß Eurer Frevel an mir voll zu machen. Wart Ihr es nicht, der meine arme Rachel mit schmählichen Anträgen verfolgte und abgewiesen ward? Wart Ihr es nicht, der den Pöbel in Montpellier gegen mich hetzte; der im furchtbaren Aufstand meine Kinder erschlug, meine Brüder tödtete, mein Haus plünderte und all' meine Habe vernichtete? Wart Ihr es nicht, der mich und mein schwaches Weib hinausjagte in die Irre? Jahrelang wandelten wir umher und hatten nicht, wo wir unser müdes Haupt niederlegen sollten, bis wir in dieser Einöde eine Zufluchtsstätte fanden. Jetzt habt Ihr mich auch hier aufgespürt. Nun, fesselt meine Arme, führt mich fort, laßt mich durch den Henker zu Tode martern . . . aber wisset, dort droben wohnt doch ein Richter, der, wenn das Maß voll ist, dem Frevler ein Halt zuruft; der Zorn Gottes wird sich über Euch ergießen und Euch verzehren bis in das Mark hinein und bis zum letzten Euer Sprößlinge! . . ." Ahron hatte diese Worte mit einer Stimme gesprochen, die fernen, sich nähernden Donner glich, seine Augen sprühten Flammen, auf seiner Stirn brannte ein verzehrendes Feuer. Der Andere war immermehr in sich zusammengesunken. Jetzt streckte er die Hand aus und rief mit schwankender Stimme: „Nicht weiter, Mann, mit Deinem Fluchen . . . Euer Herr Zebaoth hat mir schon längst sein Halt zugerufen. Meine Frau ist gestorben nach langem Siechthum, meine Kinder o! sie sind mir zur Schmach geworden ... Ich habe Dich nicht aufgespürt, ich habe Dich nur getroffen. Geh, und bleibe, wo Du bist. Aber . . . bete für mich zur Barmherzigkeit Gottes ..." Ahron schwieg eine Zeit lang, dann sagte er mit milder Stimme: „Ja — ihr, Rachel und meine anderen Kinder und Brüder bleibet ruhig in euern Gräbern — ich will für Dich beten, daß Gott Dir barmherzig sei, jeden Abend, das ( wird Ihm ein wohlgefälliges Opfer sein . . ." Er wandte sich und ging in seine Hütte. Nach einiger Zeit richtete sich der Einnehmer auf, ging langsam in das Haus und setzt sich an einen Tisch. Man trug ihm Speise und Trank auf, aber er rührte nichts davon an. Er ließ sein Maulthier vorführen, bestieg es und ritt mit seinen Bewaffneten ab. Er hatte kein Wort mehr gesprochen, und die Steuerrolle nicht aus seiner Tasche geholt. Er kam niemals in das Thal wieder. — Wie lange Ahron und dessen Frau in ihrer Hütte noch gelebt und des Feierabends nach so leidensreichem Leben genossen, wissen wir nicht. Die obige Geschichte schrieb er auf ein Pergamentblatt, das mit einer Thorarolle zu einer Gemeinde in der Provenee gelangte. Hier lag es unter alten Schriften, bis es vor Kurzem aufgefunden ward.

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