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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-14 · Heft 51 (14.12.1886) · p. Seite 811

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 51 (14.12.1886)
Date
1886-12-14
Page
Seite 811 (sequence 11)
Language
German
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811 Hütte des Fremden vorüber, als sie eigentlich brauchten, um einen neugierigen Blick durch die kleinen Fensterscheiben zu werfen. Da sahen sie den Mann an einem Tische sitzen und auf große Pergamentblätter schreiben oder in einem riesigen Buche lesen. Sie waren sehr erstaunt, denn Lesen und Schreiben konnte im ganzen Thale nur der Pfarrer, und der las auch nur sein Brevier, das er schier auswendig wußte, und schrieb mit schwerer Hand in groben Zügen die Taufen, Hochzeiten und Todesfälle in das alte Kirchenbuch ein, was bei der geringen Zahl der Dörfler auch nicht oft vorkam. Als er gehört hatte, daß der Ahron schreiben könne, ließ er ihn rufen und fragte ihn, ob er, da er selbst durch die zunehmende Schwäche seiner Augen die Buchstaben kaum »och malen könne, die Eintragungen in das Kirchenbuch für ihn machen wolle? Ahron übernahm das gern und kam deshalb öfters in das Pfarrhaus. Bald zeigte er sich auch noch von einer anderen Seite. Ein Knabe in einem Nachbarhause war schwer erkrankt. Als Ahron dies erfuhr, kam er hin, untersuchte den Knaben und erbot sich, ihm ein heilsames Mittel zu bereiten. Er stieg hinauf auf die Berge und hinunter in die Schluchten, sammelte einige Kräuter, bereitete einen Trank, und der Knabe war in wenigen Tagen genesen. Die Dorfbewohner betrachteten ihn seitdem als einen weisen Mann, der bei jedem Krankheitsfall zu Rathe gezogen werden müsse. Ahron verfuhr dabei offen und einfach. Fand er, daß dem Kranken nicht mehr zu helfen sei, so schickte er die Angehörigen zum Pfarrer, daß er die Sterbesakramente reiche. Wo er aber helfen zu können glaubte, da legte er sofort Hand an, war unermüdlich, wachte die Nächte bei dem Kranken und that Alles, was ihn erleichterte, bis er wieder gesund geworden. Einen Lohn nahm er niemals dafür. Auch noch in anderer Weise machte er sich nützlich. Er verstand ja so gut wie Alles, er zeigte den Leuten einige Handgriffe und Verbesserungen bei der Bereitung ihrer Kleidungsstücke und machte sie auf Kräuter und Beeren aufmerksam, die gute Nahrung böten. Dies Alles that er ganz ungezwungen, ohne ein Gewicht darauf zu legen, oder sich die Miene eines Lehrers zu geben. Er ließ sich viel öfter suchen und dann immer finden. So verbanden nach kurzer Zeit Achtung und Freundschaft den Mann mit allen Bewohnern des Thales, obgleich er niemals in die Schenke kam und keinem Spiele beiwohnte. Von was lebte der Mann, der doch immer mit etwas Geld versehen war? Das war den Leuten ein Räthsel, und hätte man ihnen es gelöst, würden sie es nicht verstanden haben. Wir aber verstehen es. Ahron war ein in der ganzen Provence sehr bekannter Sofer; was er da auf seinem Tische schrieb, das waren Thorahrollen, Mesusoth, Misrachs u. dgl., und er schrieb sie mit der gewissenhaftesten Genauigkeit nach den Vorschriften des Gesetzes und mit großer Schönheit der Buchstaben und Zeichen. Seine Arbeiten waren deshalb bei seinen Glaubensgenossen sehr beliebt und wurden verhältnißmäßig gut bezahlt. Jedes Jahr machte er sich einmal auf den Weg; er bepackte seinen Esel mit zwei großen Kästen, auf jeder Seite einen, in welchen seine vollendeten Arbeiten lagen, und zog unter den Segenswünschen und Thränen seiner guten Frau den Saumpfad hinauf. Ehe er fortzog, erkundigte er sich bei den Bewohnern, ob sie ihm Aufträge zu geben hätten. Deren waren nicht viele, höchstens einige Eisenwaaren. Der Vorsteher aber gab ihm die Steuer mit, welche das Dorf zu zahlen hatte, um sie in der nächsten Stadt abzuliefern. So vergingen Jahre. Doch es kam anders. — Eines Tages kam ein Mann auf einem Maulthier den Saumpfad herabgeritten, an jeder Seite einen Bewaffneten. Ein Bauer, der ihn schon oben gesehen, lief in das Dorf und rief: „Gaillot ist da!" Die Dorfbewohner liefen erschrocken vor der Schenke zusammen, der Vorsteher an der Spitze. So weit nämlich das Dörfchen von der Welt entfernt lag, in dem großen Steuerbuche des Staates stand es doch verzeichnet. Nun hatte der Generalsteuereinnehmer die Verpflichtung, immer nach einem bestimmten Zeiträume alle Ortschaften der Provinz zu durchziehen und nachzusehen, ob und wo die Steuerpflichtigen sich vermehrt, die Steuerkraft sich vergrößert hätte. Es geschah dies mit größter Genauigkeit, denn die Steuerpächter waren daran betheiligt. Der Vorsteher ging dem Ankommenden ehrerbietig entgegen und half ihm vom Pferde steigen, die Bauern grüßten achtungsvoll. Sie wußten aus Erfahrung, daß jedes Mal, wenn dieser Herr sie,besucht hatte, die Steuerlast, die auf das arme Dorf drückte, erhöht ward, und daß dies schließlich von dem Manne abhing, der sich jetzt eingestellt hatte. „Nun, Vorsteher," sagte er lächelnd, „wie geht's?" „Schlecht, Herr Gaillot," lautete die Antwort. „Die Ernten werden immer schlechter und die Viehseuchen immer stärker." „Das sagt Ihr mir jedes Mal, wenn ich zu Euch komme, und dasselbe höre ich in allen Dörfern. Es ist eine abgenutzte Redensart, auf die Niemand etwas giebt." „Ja, Herr, bei uns ist es aber so, und wir werden immer ärmer." „Das sieht man Euch just nicht an. Doch wen habt Ihr denn da?" Ec blickte in die Dorfgasse hinab, und zeigte auf einen Mann, der dort ging, und durch Kleidung und Gang sich von den Bauern unterschied. Er verschwand in einem Häuschen. „Das ist Ahron, sagte der Vorsteher, unser Jude. Er wohnt seit sechs Jahren bei uns, ist ein weiser Mann, der lesen und schreiben kann, unsere Kranken heilt, und uns in allen Nöthen beisteht. Er ist ein rechter Segen für uns." öl*

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