Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1886)
- Date
- 1886-12-14
- Page
- Seite 808 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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808 jüdischen Parteien herrschen, die als triebkräftiger Keim in der Gesammtheit leben, weil sie von jeher durch die Religionslehre in die Herzen der Bekenner gepflanzt und stets sorgfältig gepflegt wurden. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird die Gleichheit aller Menschen ausgesprochen und zwar wird dies in geistiger Beziehung durch den Ausspruch dokumentirt: „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde." Dies ist die höchste Würde des Menschen und in dieser Gottähnlichkeit liegt bei allen Menschen die Möglichkeit der intcllectuellen und moralischen Entfaltung. Hieraus resultirt die Pflicht der Fortgeschrittenen, die Zurückgebliebenen in dieser Entfaltung thatkräftig zu fördern. Aber auch die leibliche Verwandtschaft aller Menschen spricht die Bibel, Genesis 5. 1., aus. Und wenn es noch trotzdem eines Beweises dieser Gleichheit aller Menschen bedurfte, so müßte uns schon die Erfahrung dazu führen, daß dieselben Bedingungen der physischen Existenz und der materiellen Wohlfahrt, derselbe Schmerz bei Nichterfüllung dieser Bedingungen allen Menschen gemeinsam ist. Die lebendige Vorstellung dieses Schmerzes erzeugt das Mitleid und dieses wieder das Wohlthun. Diese Erkenntniß von der Gleichheit der Menschen ist ein Geistesprodukt des jüdischen Stammes und blieb lange und so sehr das ausschließliche Eigenthum desselben, daß selbst ein Plato, der erleuchtetste der Weisen Griechenlands, davon überzeugt war und es gelassen aussprach, daß alle andern Völker nur dazu da seien, die Sklaven der griechischen Nation zu sei». Und wenn auch bei einem römischen Weisen, Seneca, diese hehre Idee von der Gleichheit aller Menschen zum Ausdruck gelangt, so waren die jüdischen Ideen damals bereits durch so viele Kanäle in das Heidenthum eingedrungen, daß uns dies nicht weiter Wunder nehmen kann. Durch zahlreiche und prägnante Belegstellen aus dem Talmud sowie aus der nachtalmudischen Litteratur, wies Redner noch treffend nach, daß ein wahres Judenthum ohne Humanität gar nicht denkbar sei, und daß es nicht allein darauf ankomme, dieses einzusehen, sondern daß dieser Geist auch im wirklichen Leben walten und die Richtschnur im Handel und Wandel sein müsse. In großen Zügen schilderte Redner noch die Ziele und Bestrebungen des U. O. B. B. und schloß mit dem Appell an die Erschienene», die Erreichung dieser edlen Ziele mit fördern zu helfen. Die sehr zahlreich erschienenen Zuhörer, unter denen alle religiösen Parteischattirungen vertreten waren, zollten den Ausführungen des Redners allgemeinen und ungetheilten Beifall. Auf Beschluß des Vereins wird der Bortrag, dem Wunsche vieler Zuhörer entsprechend, auf Kosten desselben im Druck erscheinen. Leander Deutsch. Hamburg, 2. Dez. Dem „Hannov. Cour." zufolge erregt hier eine Angelegenheit des jüdischen Cultus nicht geringes Aufsehen. Der hiesige orthodoxe Oberrabbiner Herr Stern konnte sich seit Jahren damit nicht zufrieden geben, daß die Todten seiner Gemeinde auf dem allgemeinen Centralfriedhof in Ohlsdorf, wo ein besonderer Begräbnißplatz für die Israeliten eingerichtet ist, beerdigt wurden. Nachdem der Senat dem Herrn Stern rundweg einen andern Begräbnißplatz abgeschlagen, hat er es durch den Bischof Kopp in Fulda (?) verstanden, den Reichskanzler zu bewegen, daß der orthodoxen israelitischen Gemeinde auf benachbartem holsteinischen Gebiet in Langenfelde ein Begräbnißplatz käuflich überlassen werde. Frankfurt a. M., im Nov. Nach dem vierten Jahresberichte des israelitischen Hülfsvereins (Verein zur Beschränkung des Wanderbettels) beträgt die Mitgliederzahl 285. An 1778 Wanderbettler wurden 1885/86 Mk. 8548 gegeben. Für hiesige, besonders berücksichtigenswerthe Arme wurden aus der Kasse Mk. 5600 und von Privatwohlthätern extra Mk. 4090 verwandt. Für ausgewiesene Russen wurden wiederum Mk. 1988 verausgabt; leider steht abermals eine Zunahme dieser Ausgabe in Aussicht. 14 Familien mit 41 Personen wurden Mk. 2111 Unterstützung zum Wegzug gewährt. Die Geschenke an den Almosenfonds betrugen Mk. 6953. Unter den unterstützten Wanderbettlern waren 782 Deutsche, 449 Russen, 483 Oesterreicher und Ungarn; 597 Handwerker, 793 Händler und Kaufleute, 149 Lehrer (?). Dresden, 3. Dez. (Boff. Ztg.) Im hiesigen Reformverein hat neulich Otto Glagau einen Bortrag gehalten über die antisemitische Bewegung und die sociale Reform. Die dem Vortrage folgende Debatte verlief ungemein tumultuarisch, da die äußerst zahlreich erschienenen Kellner, welche sich durch einen gegen das Trinkgelderunwesen gerichteten Artikel Glagaus beschimpft wähnen, einen demonstrativen Scandal in Scene setzten. Nach einem Berichte der konservativ-antisemitischen „Dresd. Nachr." hat übrigens die Bemerkung des Vortragenden, daß die Reichsbank nur ein Aktienunternehmen von und für Juden sei, durch welches eine fremde Rasse unablässig am Marke des deutschen Volkes zehre, „einen ganz außergewöhnlichen Eindruck bei allen Zuhörern hervorgebracht." (Es ist immer nützlich, wenn die antisemitischen Wortführer sich zu solchen ungeheuerlichen Behauptungen versteigen. Red.) Zwribrücken, 2. Dez. (Privatmitth.) Im Hinblicke auf die Mainzer Correspondenz in Nr. 48 Ihres gesch. Blattes theile ich gern als Beitrag zur bestmöglichen Lösung der wichtigen Frage des Jugendgottesdieustes die Einrichtung des dahier schon mehrere Jahre bestehenden mit. Bon der Ansicht ausgehend, daß das Interesse der Jugend sowohl als auch der Eltern um so reger und lebendiger sein würde,