Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1886)
- Date
- 1886-12-14
- Page
- Seite 807 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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807 VtgO VUXC Deutschland. Berlin, im Nov. Ueber das Religionsbekenntniß der Einwohner Preußens entnehmen wir der „Stat. Korr." folgende auf der letzten Volkszählung vom 1. Dezember 1885 beruhende Angaben: Unter der ortsanwesenden Bevölkerung befanden sich 18 243 587 Evangelische, 9621624 Katholiken, 83020 sonstige Christen, 366 543 Juden und 155 Bekenner anderer Religionen, bei 3529 Personen war das Religionsbekenntniß nicht zu ermitteln. Die Evangelischen machten von der Gesammtbevölkerung 64,42 pCt., die Katholiken 33,97 pCt., die sonstigen Christen 0,30, die Juden 1,30 pCt. aus. Für die Volkszählung von 1880 war die Zahl der Evangelischen auf 17 645 462, die der Katholiken auf 9 205 136, die der Juden auf 363 790 und die der Bekenner sonstiger Religionen auf 42 517 angegeben; es hätten sich danach vermehrt die Evangelischen um 598125, die Katholiken um 416 488 und die Juden um 2753. Es sind aber dieses Mal mehrere Religionssekten, die früher zu den Evangelischen gezählt sind, den sonstigen Christen zugezählt, wie die Mennoniten und Herrenhuter; ferner sind die Griechisch-Katholischen nicht aus den Katholiken ausgesondert. Macht man die Zahlen einigermaßen vergleichsfähig, so findet man, daß sich von 1880 bis 1885 vermehrt haben die Evangelischen um 3,49 pCt., die Katholiken um 4,51 pCt. und die Juden um 0,76 Procent. Man ersieht hieraus, daß die Katholiken sich bedeutend stärker vermehrt haben, als die Evangelischen, und daß die Juden hinter den Anhängern der christlichen Religion ganz erheblich zurückgeblieben sind. In Verbindung hiermit zu bringen ist der Umstand, daß die Zahl der schulpflichtigen Kinder von 6 bis 14 Jahren bei den Juden verhältnißmäßig am geringsten, bei den Katholiken am stärksten ist. Bon 1000 römisch-katholischen Personen standen nämlich 189,1, von 1000 Evangelischen 182,4 von 1000 sonstigen Christen 178,3 und von 1000 Juden nur 175,5 in schulpflichtigem Alter. (Bei obigen Zahlen darf man nicht vergessen, daß kurz vor der Volkszählung die Ausweisung von ca. 8000 Juden, die aus Rußland und Galizien stammten, etwa ein Drittel aller Ausgewiesenen, stattgefunden. Diese Zahl muß also, da sie in der vorhergehenden Volkszählung nicht fehlte, hinzugerechnet werden, und es wird dann der Anwachs der Juden nicht hinter dem der anderen Confessionen zurückgeblieben erscheinen. Bei einer Minorität verändern einige tausend mehr oder weniger den ganzen Procentsatz. Es wundert uns, daß dies denen entging, welchen dieser geringfügige! Zuwachs bei den Juden schon zu Schlüssen Anlaß gab, die darum ganz falsch sein mußten. Red d. A. Z. D. I.). Berlin, 3. Dez. (Privatmitth.). Der Kampf um die Wahl im ersten Berliner Wahlbezirk ist doch nicht ganz aus» geblieben, und die beiden sich bekämpfenden Parteien haben es an Versammlungen nicht fehlen lassen, in welchen es heftige Redeturniere gab. Gestern fand eine konservative Wählerversammlung statt, in welcher Stöcker das Wort führte. Dieser Mann hat seit seinen unglücklichen Prozessen wieder die ganze alte Haltung erlangt und läßt sein Wort mit der Sicherheit eines anerkannten Volksbeglückers vernehmen, allerdings unter der Vorsicht, daß schon beim Beginn der Versammlung vom Vorsitzenden verkündet wurde, Gegnern wäre das Wort nicht gestattet. Er sagte u. A.: Es sei die höchste Zeit, daß endlich ein ordentlicher Mann in den Reichstag komme. Die Gegner, früher sicher, bekämen jetzt Angst. Das Schloß unsers Königs stehe in dem Wahlkreis, und das solle die Festung des jüdischen Fortschritts sein? Die Juden müßten endlich dorthin kommen, wohin sie gehörten, nämlich in die Ecke. Man habe es Herrn Gerold verargt, daß er sich deshalb gerühmt habe, daß er 25 Jahre Unter den Linden wohne. Allerdings sei es ein Verdienst, daß Herr Gerold wie viele Andere sein Haus nicht habe in die Hände der Juden fallen lassen. Löwe habe die schlechtesten politischen Sitten in den Reichstag gebracht und zuerst von einem Hausmeierthum gesprochen. Birchow sei für ihn abgethan. Er sei wie ein altes Weib, das „aus dem Kaffeesatz des Fortschrittes weissagt." (Das sagt ein Stöcker von einem Birchow!) Hamburg, d. 30. Nov. (Privatmitt.) Auf Veranlassung des Vereins zur Gründung einer Loge des U. O. B. B. für Hamburg-Altona hielt vr. Jonas, erster Prediger am hiesigen Tempel, einen Vortrag über „Humanität und Judenthum." „Humanität", bemerkt der Redner einleitend, „ist diejenige Weise des Denkens und Handelns, welche durch die Erkenntniß und Empfindung von der Gleichheit des Grund» wesens bei allen Menschen geregelt wird. Das lebhafte Bewußtsein dieser Gleichheit erzeugt das Gefühl der Brüderlichkeit und aus dieser leiten wir alle die moralischen Verpflichtungen ab, welche an dieses enge Verwandtschaftsverhältniß geknüpft sind." Nach Feststellung dieses Grundbegriffes erging sich der Redner ausführlich über das Berhältniß des Judenthums zur Humanität. Unter Judenthum soll hier der Inbegriff von dogmatischen Vorstellungen und religiös-sittlichen Gesetzen der Juden verstanden sein, über die keinerlei Meinungs-Differenzen unter den verschiedenen