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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-14 · Heft 51 (14.12.1886) · p. Seite 806

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 51 (14.12.1886)
Date
1886-12-14
Page
Seite 806 (sequence 6)
Language
German
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806 giöse Wahrheit nicht bedingt wird durch rationales Erkennen, daß die Offenbarung Recht behalten muß mit oder ohne Philosophie, daß wir aber uns schuldig find, den Glaubensinhalt uns begreiflich zu machen. Wie herrlich entrollt sich das Bild seines Characters, wenn er in seiner Bescheidenheit gesteht, Manches von der talmudischen Hagadah nicht recht zu verstehen und trotzdem der Ueberzeugung zu sein, daß eine tiefe Wahrheit darunter verborgen sein müsse. Wie schön ist es ferner, wenn er einräumt, daß es keine Ketzerei sei, wenn jemand von einer der seinen entgegengesetzten Anschauung ausgehend, die Lehre aufstellt, im Talmud könne auch Falsches oder Thörichtes enthalten sein, wie mannhaft klingt seine entschiedene Sprache gegen die Finsterlinge, die er mit dem Titel „die Menge thörichter Rabbiner" belegt, für welche er sein Werk nicht geschrieben haben will, wie wahrhaft religiös ist der Gedanke, daß alle rabbinischen Erzählungen von körperlicher Existenz im Jenseits und äußerer Lohn nur das Mittel seien, um die urtheilsunfähige Masse, welche alle Thaten nur nach ihren äußeren Erfolgen betrachtet, zum gottesfürchtigen Wandel hinzulenken, daß sie dem Zuckerbrode gleichen, welches man dem Kinde giebt, um es zum Lernen anzuhalten, so daß das Kind wohl meinen kann, das Zuckerbrod ist das Ziel alles Studiums, weil die Aufgabe der geistigen Fortbildung ihm nicht klar gemacht werden kann. Wenn man dann auch zugeben muß, daß der große Mann zu weit geht, wenn er in einer midraschischen Wortspielerei eine Paraphrase platonischer Philosophie sehen will, wie etwa seine Auslegung des Midrasch, welcher sagt: Der Himmel ist erschaffen worden von dem Lichte des göttlichen Gewandes, die Erde von dem Schnee unter dem göttlichen Throne, wo er meint, das sei die Lehre Platos von einem feineren und gröberen Stoffe, so müssen wir dennoch in diesem verfehlten Streben den religiösen Ernst achien. Abraham ibn Esra! Jmponirt er uns nicht schon durch die bloße Thatsache, daß er der erste war, welcher wissenschaftliche Pentatcuchkritik betrieben hat, zeigt nicht sein scharfes Auseinandersetzen mit karaitischen, rationalistischen und christologischen Schriftauslegungen schon das bewundernswerthe Ringen nach Erkenntniß religiöser Wahrheit, ist es nicht gerade eine echt religiöse Natur, die nicht aus Bequemlichkeit, aus Principienreiterei glaubt, sondern auf dem Wege der Erkenntniß zur Wahrheit gelangen will? Doch soll man nicht etwa meinen, daß bloß die wissenschaftlichen Capacitäten religiös förderlich wirken können, auch Männer wie Rabbi Salomo ben Adrat werden uns durch ihre Festigkeit, durch ihre Uneigennützigkeit, selbst durch ihre Schrullen Ehrfurcht einflößen. Wenn Salomo ben Adrat lehrt, ein Kalb mit fünf Füßen sei auch dann Trefa, wenn seine Lebensfähigkeit erwiesen sei, weil die talmudische Lehre durch keine Erfahrung der Welt erschüttert werden könne, so klingt das etwas wunderlich und wird wohl auch von keinem vernünftigen Lehrer als richtige Lösung der Frage nach dem Entstehen des traditionellen Judenthums bezeichnet werden, aber es zeigt unverkennbar eine glaubensstarke Seele, die sich nicht durch den ersten Zweifel erschüttern läßt. Nicht minder ist ein Mann wie Salomo Luria hervorragend durch seinen kritischen Scharfblick, womit er ibn Esra's räthselhafte Andeutungen durchschaut und durch die Wahrheitsliebe, mit der er erklärt, daß die Mischnah in ihrem vollen Umfange nicht traditionell von Mose herrühren könne, weil strittige Ansichten auf keiner Tradition beruhen können. Selbst in dem von den Banden der Casuistik ganz umschlungenen siebzehnten Jahrhundert sehen wir bei Männern wie Elis Aschkenasi, einem Manne, der darüber disputiren konnte, ob man einen Golem (Homunculus) zu Minjan zählen dürfe, doch werthvolle Charactereigenschaften, wie sie sich in seinem Kampfe für die Reinheit des Glaubens gegenüber Kabbalisten ausdrücken, und noch mehr als bei ihm bemerken wir das bei seinem fanatischen Sohne Jacob Emden, dem Feinde alles halben, der gerade als Kabbalist den Anstoß gab zum völligen Bruch mit dem mystischen Gaukelspiel. Treten wir nun mit dem Namen Mendelssohn in die Neuzeit über, so haben wir uns allerdings mehr gegen Uebertreibungen als gegen Verkennung zu. verwahren. Wir müssen noch immer hauptsächlich betonen, daß Mendelssohn in seinem Ziele und in seinen Mitteln arg fehlte, daß er mit seiner wissenschaftlichen Erfahrung eine religiöse Richtung vereinigt, die damit unvereinbar ist. Aber trotzdem das Bestreben, daß er die wissenschaftliche Erkenntniß des Judenthums in den Kreis der allgemeinen Wissenschaft zu bringen bemüht war, daß er dem Judenthum politisch alle Menschenrechte gewahrt wissen wollte, das verleiht ihm eine unvergängliche geschichtliche Bedeutung und wird ihn darum auch als religiösen Character erscheinen lassen. Wissenschaft ist sich selbst Zweck, und Unterricht dient dem Leben und für dieses ist es einerlei, ob eine Sache so gemeint ist oder so verstanden werden kann. Schön ist das talmudische Wort: „Nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern die That," und unzweideutig sagt der Midrasch: „Wehe dem, der lernt und lehrt und ausstößt gegen Vater und Mutter."

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