Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1886)
- Date
- 1886-12-14
- Page
- Seite 805 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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805 Brünn, im Dezember. Hat die Geschichte der Israeliten einen religiösen Werth? Bon Di-. G- Deutsch. Häufig begegnet man heutzutage einer Verachtung des modernen Religionsunterrichtes. Der Sohn kommt aus der Schule und erzählt dem Vater, was er von Maimonides, von Abrabanel oder sonst einem jüdischen Geistesheroen gehört hat, und der Vater sagt: Was liegt mir an diesen Thorheiten, wüßtest du lieber, was man am :o~i toyann betet. Die Kluft zwischen „Vätern und Söhnen" — um mit dem großen russischen Dichter zu sprechen — erweitert sich immer mehr, sehnlichst möchten wir den Propheten Eliahu herbeiwünschen, daß er „ das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern zurückführe." Wenn zwei Parteien einander anklagen, übertreiben sie wohl gewöhnlich, aber sie wissen dann auch sicher den Splitter im Auge der anderen zu entdecken. Wenn nun dem modernen Religionsunterrichte vorgeworfen wird, daß er mit dem religiösen Leben nicht im Contact bleibt, wenn man beispielsweise sagt, der Schüler lernt heute im jüdischen Religionsunterrichte wohl Geburts- und Todesjahr des Rabbi Joseph ibn Migasch, nicht aber, was er zum religiösen Leben braucht, so ist trotz aller Uebertreibung daran offenbar etwas richtig. Die große Mehrzahl der Religionslehrer dürfte aus Nichtfachmännern bestehen, d. h. Leuten, die im besten Falle pädagogische Bildung genossen haben, oft auch die nicht, aber jedenfalls keine theologische Bildung besitzen. Nun will ich nicht sagen, daß ein Mann Fachgelehrter sein müsse, um Lehrer sein zu können, ja gerade das Gegentheil, es kann eine zu gelehrte Richtung auf die Fähigkeit eines Mannes zum Unterrichte eher hemmend als fördernd wirken, aber dann müßte die specielle Methodik des Religionsunterrichtes gründlich gelehrt werden und die Bücher müßten bessere sein. Ich will aus den mir bekannten nur einige Beispiele geben. „drei Monden" geheißen, so wie aus Drumont's Handlungsweise, die er ganz nach dem Bilde eingerichtet, welches er von den Juden entworfen hat. Er nimmt hierbei Gelegenheit, seinem Gegner die bittersten Wahrheiten über dessen Lügenhaftigkeit und Berleumdungssucht zu sagen. Drumont ging in die Falle und gab eine sehr ungeschickte Erklärung ab. Sein Vater und sein Großvater seien in dem und dem Kirchenbuche als Christen und Franzosen eingetragen; dagegen sei ein Vorfahr des Dreifuß im IS. Jahrhundert eines Verbrechens angeklagt gewesen, nämlich als Arzt jedem neugeborenen Kinde einen Fuß zerbrochen zu haben (!), sei aber vom Gerichte freigesprochen worden, weil keine Beweise erbracht werden konnten. (Man denke, im 16. Jahrhundert ein Jude freigesprochen — wie offenbar muß seine Unschuld gewesen sein!) Daher der Name Dreyfuß. Es war Herrn A. Dreysuß leicht, diese alberne „Erklärung" zum Nachtheil Drumont's auszubeuten. Jedenfalls nützt es, daß die Pariser über Drumont lachen können; man wird aushören, seine Schmierereien irgend ernst zu nehmen. Die meisten der Handbücher, welche ich kenne, leiden an Ueberfülle von dürren Daten, während das Wesentliche ganz in den Hintergrund treten muß, mindestens aber von dem fachlich ungeschulten Schüler nur als Phrase begriffen wird. Was soll es heißen, wenn der Talmud definirt wird als der Versuch, scharfsinnige Erläuterungen zur Mischnah zu geben? Wie viel höher würde der Nährwerth der jüdischen Geschichte anzuschlagen sein, wenn wir hervorheben, wie die älteste Sammlung der Gesetze neben dem peinlichen Bestreben, dem Willen Gottes in allen Einzelnheiten zu genügen, was allerdings mitunter zur Abnormität, vielleicht sogar zu direct mißverständlichen Auslegungen der Schrift führen kann, uns auch das Bestreben zeigt, aus Gesetz und Bibelerzählung die moralischen Elemente zu finden. Ich pstege meinen Schülern diesbezüglich das Beispiel aus der Mischnah Rosch Haschanah 3, 7 zu geben, wo man einerseits sieht, wie die unserer heutigen Jugend unverständliche Bemühung um die Auslegung des Gesetzes vom Schofar, den man an einem Orte mit störendem Widerhalle hört, ihre Ergänzung findet in der Untersuchung über die symbolische Bedeutung der Erzählung von dem Kampfe gegen Amalek und von der ehernen Schlange, wo das Wesen des Wunders nicht in der äußern That, sondern einzig und allein in der symbolischen Darstellung der zu Gott gerichteten Gedanken liegt, ebenso die schöne Zusammenstellung, daß Gott überall straft und belohnt nach den Thaten der Menschen (Sotah 8). Wie schön läßt sich die talmudische Haggadah an dem Beispiele von Rabbi Tanchuma's Rede, Sabbath 30 a, zeigen, wo mit einer trockenen Halachischen Discussion begonnen wird, um den Beweis zu führen, daß das menschliche Leben höher steht als das Ceremonialgesetz. Wenn wir das eigentliche Mittelalter des Judenthums, den Sieg der Scholastik, mit Saadjah Gaon beginnen, so ist selbst diesem spröden Stoffe doch mancherlei religiöse Belehrung abzugewinnen. So schwach z. B. Saadja's Beweis ist für die Weltschöpfung, für die Einheit Gottes, für das Leben nach dem Tode u. s. w., so zweifelhaft seine exegetische Methode ist, da wo er meint, durch Rationalismus das Anstößige der Wunder aus dem Wege zu räumen, wie etwaf, wenn er statt Bileams Eselin oder statt der Schlange im Garten Eden einen Engel reden läßt oder, wenn er, um die rabbinische Lehre gegenüber den Karaiten zu vertheidigen, die Logik zu Hilfe nimmt, statt sich mit dem Glauben zu begnügen, so ist gerade diese Schwäche ein Beweis des religiösen Ernstes, (mit dem er den Versuch unternimmt, die religiöse Wahrheit selbst vor dem Forum des kritischen Verstandes zu vertheidigen. Am meisten wird aber religiöse Belehrung zu gewinnen sein in der Blüthezeit des jüdischen Mittelalters, in welchem Maimonides und Abraham ibn Esra hervorragen. Wie herrlich erscheint es von Maimonides gesagt, daß die reli-